Jubiläum 500 Jahre Ulmer Stadtbibliothek

Ulm / HELMUT PUSCH 31.03.2016
Kein Aprilscherz: Am 1. April 1516 vermachte Münsterpfarrer Ulrich Krafft seine Büchersammlung der Stadt Ulm. Das ist die Geburtsstunde der Stadtbibliothek, die morgen ihr Jubiläum mit einem Festakt feiert.Mit einem Zeitstrahl zur Geschichte der Stadtbibliothek

Das Treppenhaus ist mit massiven grauen Gittertüren gesichert, die an eine Justizvollzugsanstalt erinnern. Im Keller des Hauses Weinhof 15 steht der Besucher dann vor einer Metalltür der Firma Ostertag. Ein Tresor. Die 20 Zentimeter Stahl sichern die wertvollsten Stücke aus dem Sammlungsbestand der Ulmer Stadtbibliothek. Und davon gibt es jede Menge.

In einem der Tresorräume lagern auf etwa 80 Regalmetern dicke Folianten – meist so genannte Inkunabeln. Das sind Bücher, die vor dem 31. Dezember 1500 gedruckt worden sind. Ein guter Teil von ihnen stammt aus dem Besitz des Ulmer Patriziers Ulrich Krafft. Der war nicht nur Münsterpfarrer, Krafft war auch einer der bedeutendsten Rechtsgelehrten seiner Zeit. In seinem Testament vom 1. April 1516 vermacht er seine 376 Titel starke Büchersammlung dem Rat der Freien Reichsstadt Ulm – als Grundstock für eine städtische Bibliothek. Elf Tage später verstarb Krafft.

Mit dem Gründungsjahr 1516 gehört die Ulmer nicht nur zu den ältesten Stadtbibliotheken Deutschlands, sie war damals auch eine besondere Form der Bibliothek. „Eigentlich hatte Krafft seine Bücher für seine Nachfolger stiften wollen. Als Bücher, die den künftigen Münsterpfarrern als Inspiration für gute Predigten dienen sollten“, erklärt Alexander Rosenstock, der stellvertretende Leiter der Bibliothek. In den Besitz der Stadt kamen die Bücher nur, weil der Rat der Stadt auch für das Münster zuständig war.

Für den Kirchenhistoriker Berndt Hamm ist Kraffts Entscheidung gar einzigartig: „Auf die Idee, eine reine Klerikerbibliothek zu gründen und sie doch ganz in die Hände der städtischen Laienobrigkeit zu legen, kam nur der Ulmer Münsterpfarrer“, sagt der Emeritus für Neuere Kirchengeschichte an der Uni Erlangen. Und nach Kraffts Tod war auch schon bald keine Rede mehr davon, den Nutzerkreis zu beschränken. Schon zwei Jahre später beschloss der Ulmer Rat, ein eigenes Haus für „ain lieberey“, also eine Bibliothek, zu bauen – und zwar „on sonder kostlichkait“, also ohne hohe Kosten, wie es im Ratsprotokoll heißt. 1520 wird der eingeschossige Bau nördlich des Münsters bezogen, das erste Domizil der Stadtbibliothek, die bereits 1549 einen Bestand von 800 Titeln aufwies.

Die Bücher, die Krafft der Stadt vermacht hatte, waren meist juristische und humanistische Werke. „Eine typische Gelehrtenbibliothek ihrer Zeit“, meint denn auch Bibliothekschef Martin Szlatki. Denn wie gesagt: Krafft war Jurist, kein Theologe, hatte an verschiedenen Universitäten Jura gelehrt. Dass ihn der Rat der Stadt 1500 zum Münsterpfarrer berief, war wohl auch eine Reaktion auf die Vorboten der Reformation, deren Vertreter ihre Ansichten über das gedruckte Wort verbreiteten. Überhaupt: Buchdruck war der mediale Stand der Technik anno 1516. Kraffts Büchersammlung bestand nur aus gedruckten Büchern. „Er war kein Traditionalist, sondern auf der Höhe der Zeit“, sagt Rosenstock. „Heute würde er wahrscheinlich mit E-Books arbeiten.“

Wie auch immer: Mit seinem Vermächtnis sorgte Krafft letztlich für jede Menge Geschichte im Bestand der Stadtbibliothek. Sie besitzt 49.000 Titel, die vor 1800 erschienen sind. Darunter sind etwa 150 Handschriften, von denen etwa 60 mittelalterlichen Ursprungs sind, und 620 Inkunabeln. Allein für das 17. Jahrhundert ist ein Bestand von mehr als 22.000 Druckschriften verzeichnet – mehr als die Uni-Bibliotheken von Heidelberg oder Tübingen aus dieser Zeit besitzen.

Es gab vor 500 Jahren keine Aufstellung darüber, welche Bücher Krafft der Stadt vermacht hatte. Woran erkennt man heute, welche Exemplare von ihm stammen? „An den Notizen, die Krafft mit seiner sehr ausgeprägten Handschrift in seinen Büchern machte, und an den Einbänden“, erläutert Alexander Rosenstock. Denn im 15. und 16. Jahrhundert kauften die Kunden vom Drucker nur den so genannten Buchblock. Das waren bedruckte Seiten, die schon in einzelnen Heften gebunden waren. Den eigentlichen Einband ließ der Käufer dann nach den eigenen Vorstellungen beim Buchbinder anfertigen. Krafft bevorzugte eichene Buchdeckel mit einem massiven Lederrücken und zwei Verschlussschnallen. „Oftmals wurden mehrere Buchtitel in einem Band zusammengefasst“, erläutert Rosenstock.

Von Kraffts ursprünglich 376 Titeln sind noch 186 erhalten. Der Verbleib der restlichen ist unbekannt. „Im 16. Jahrhundert wurden einige katholische Schriften entsorgt, von denen man glaubte, dass man sie nicht mehr brauche“, spielt Rosenstock auf die Entscheidung der Ulmer an, die sich 1530 in einer Bürgerabstimmung zugunsten des evangelischen Bekenntnisses entschieden. 1785 brannte das Schwörhaus ab, in das die Bibliothek 1726 mit über 8000 Bänden gezogen war. 1810, als Ulm württembergisch wurde, nahmen die Bayern viele Urkunden und Bücher mit, „die man heute in den Beständen der Staatsbibliothek findet“, erklärt Rosenstock. Den Zweiten Weltkrieg überstanden die historischen Bestände dagegen schadlos. Man hatte sie rechtzeitig ausgelagert.

Und heute? Ist die Stadtbibliothek ein moderner Dienstleistungsbetrieb, dem 20.000 Nutzer pro Jahr 600.000 Besuche abstatten und die 600.000 Medien pro Jahr eine Million mal entleihen – nicht nur in der Zentralbibliothek, der vom Pritzker-Preisträger Gottfried Böhm entworfenen Glaspyramide beim Rathaus, in die die Bücherei 2004 gezogen ist. Stadtteil-Niederlassungen gibt es auch am Eselsberg, in Böfingen, in der Weststadt und in Wiblingen – und es fährt natürlich ein Bücherbus. „Wir sind die städtische Kulturinstitution mit der größten Breitenwirkung“, sagt Bibliothekschef Martin Szlatki. Und die älteste. Das Ulmer Stadttheater war zwar das erste in Deutschland, ist aber exakt 125 Jahre jünger.
 

Freitag 1. April gibt es einen Festakt in der Zentralbibliothek

Das 500-jährige Bestehen der Stadtbibliothek wird morgen, Freitag, 19.30 Uhr, mit einem Festakt in der Zentralbibliothek gefeiert. Für den Festakt gibt es keine Plätze mehr. Die Termine Das Jubiläum wird mit fast 100 Veranstaltungen – Lesungen, Vorträgen, aber auch Festen in der Zentralbibliothek und in den Stadtteilbüchereien – gefeiert. Das aktuelle Jubiläumsprogramm gibt es als Flyer und im Internet unter www.500jahrestadtbibliothekulm.wordpress.com

  


 

 

   
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