Ulm 375 Jahre Ulmer Theater: Alles begann in einem Stadel

Der Theatervorhang aus dem im Jahre 1781 erbauten Komödienhaus in der Theatergasse.
Der Theatervorhang aus dem im Jahre 1781 erbauten Komödienhaus in der Theatergasse. © Foto: Stadtarchiv Ulm
Ulm / HELMUT PUSCH 16.09.2016
Das Theater Ulm feiert sein 375-jähriges Bestehen: 1641 hatten sich die Ulmer ein Theater gebaut – als erste Stadt in Deutschland. <i>Mit Kommentar von Jürgen Kanold: Theater ist immer jetzt.</i>

Die Ulmer sind stolz – aufs Münster, auf den Schwörmontag und darauf, dass sie als erste ein Stadttheater hatten. Das feiert das Theater Ulm, wie es seit  Amtsantritt des aktuellen Intendanten Andreas von Studnitz heißt, morgen mit einem Festakt.

Wie es dazu kam, dass die Ulmer in Sachen städtischer Bühne allen anderen eine Nasenlänge voraus waren, weiß der Kunsthistoriker und Theaterwissenschaftler Gunther Volz, der in den 1980er Jahren selbst einmal als Ballettdramaturg zur Theatermannschaft zählte. Er hat vor 25 Jahren die Festschrift zum 350-jährigen Bestehen verfasst. Und schon damals seine Zweifel am Stadttheater-Jubiläum geäußert. Denn die Ulmer haben 1641 zwar ein städtisches Theater gebaut, ein Stadttheater im heutigen Sinne war es aber nicht, denn die Ulmer Bürger beschäftigten kein eigenes Ensemble, ließen ihr Theater von reisenden Truppen und Amateuren bespielen. Dennoch: „Es war ein fest stehendes, bürgerschaftlich gefördetes Theater“, sagt Volz, und in dieser Kategorie waren die Ulmer die ersten in Deutschland.

Die zentrale Rolle spielte damals einer, der eigentlich aus Leutkirch stammte, und den seine Familie zur Ausbildung nach Italien geschickt hatte: Joseph Furttenbach. Der sollte sich in Florenz, Mailand und Rom den letzten Schliff als Handelsherr holen. Der vielseitig interessierte Furttenbach, der auch Galileo  Galilei traf, studierte aber weit mehr: auch Technik und Architektur und dabei besonders intensiv, alles, was mit dem Theater zu tun hatte – etwa jenes, das Bernardo Buontalenti im nordöstlichen Flügel der Uffizien gebaut hatte. Das war nicht nur riesig (einschließlich einer zwölf  Meter tiefen Bühne 56 Meter lang, 20 Meter breit und 14 Meter hoch), sondern ermöglichte durch trickreiche Requisiten und innovative Technik schnelle Bühnenumbauten.

Das alles hatte Furttenbach im Hinterkopf, als er 1641 vom Ulmer Rat den Auftrag bekam, ein Theater zu bauen – und zwar im Binderhof des ehemaligen Dominikaner-Klosters. Heute steht dort der Anbau der Dreifaltigkeitskirche mit den Kindertagesstätten. Furttenbach realisierte in dem ehemaligen Stadel einen Theaterbau: 33 Meter lang, neun Meter breit und sieben Meter hoch. In den ersten Reihen standen Sessel für „Principales“, danach folgten ansteigende Ränge mit 600 Sitzplätzen, auf den Treppen gab’s weitere 150 Stehplätze fürs einfache Volk. Nicht gerade das, was Richard Wagner später als klassenlosen demokratischen Zuschauerraum  postulieren sollte, sagt Volz.

Die Theatertechnik war auf dem Stand ihrer Zeit. Es gab einen vorderen Orchestergraben, schiebbare Kulissen, Kräne, Hübe und Seilzüge, bemalte Drehprismen. Und Tüftler Furttenbach ersann eine für damalige Verhältnisse hochmoderne Beleuchtung.

Dieses 1650 umgebaute und auf 1000 Plätze erweiterte Theater sollte bis  1702 bespielt werden – von Lateinschülern, Waisenkindern und wandernden Schauspielgruppen. 1702 war Schluss damit. Der Binderhof wurde zur Kaserne für die bayerischen Truppen, die Ulm im Spanischen Erbfolgekrieg besetzt hatten.

Erst 1781 tat sich wieder etwas in Sachen Ulmer Theater. In einer Remise, einem Kutschenstadel in der heutigen Theatergasse, entstand das Komödienhaus, ein relativ kleines Theater mit zwei Rängen. Der wichtigste Zierrat war der Theatervorhang von Viktor Heideloff, auf dem mit „ehrgeizigem allegorischen Programm reichsstädtisches Mäzenatentum gefeiert werden sollte“, wie Volz formuliert. Dabei war diese zweite städtische Bühne vor allem dem Drängen der Vertreter der schwäbischen Reichsstände geschuldet, die damals zwei Mal im Jahr in Ulm tagten.

Bespielt wurde das Komödienhaus bis zu seiner Zerstörung 1944. Aber schon in den 20er Jahren hatte es Pläne für ein größeres Haus gegeben, die sich aber ebenso zerschlugen wie die Planungen in der Nazi-Zeit. Die hatten ein gigantisches Haus für mehr als 2000 Zuschauer vorgesehen.

Nach dem Krieg ging es räumlich eher bescheiden, dafür aber künstlerisch durchaus interessant weiter. Nur wenige Monate nach Kriegsende wurde am 26. September 1945 das provisorische Theater in der Turnhalle der Wagnerschule eröffnet. Erst 1969 wurde der von Fritz Schäfer entworfene Neubau an der Olgastraße bezogen, dessen heutige Adresse Herbert-von-Karajan-Platz lautet, um an den weltberühmten Dirigenten zu erinnern, der am Ulmer Theater 1929 sein erstes Engagement antrat – im Komödienhaus in der Theatergasse. Das hatte seit 1920 ein eigenes Orchester, zuvor hatten im Orchestergraben Regimentsmusiker ihren Dienst getan.

Ehemalige Ulmer Intendanten blicken zurück

Festakt in der Kulturnacht

Programm In der Kulturnacht am Samstag lädt das Theater Ulm von 18 Uhr an zu einem „Meet & Greet“ ins Foyer. Dort gibt es Gelegenheit, mit den Künstlern der Opern- und der Schauspielsparte ins Gespräch zu kommen – umrahmt von musikalischen Happen, dargeboten von Ensemble-Mitgliedern und einem ersten Set der Band The Busy Bubbles um SWR-Moderatorin Steffi Haiber, das Pop und Rock von Duffy bis Led Zeppelin bietet.

Um 20 Uhr findet im Großen Haus der offizielle Festakt statt: Dafür konnte Ex-OB Ivo Gönner als Festredner gewonnen werden; das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm unter Leitung von GMD Timo Handschuh verwöhnt die Gäste mit Beethoven und Lehár.

Von 21 Uhr an versteigert Intendant Andreas von Studnitz Skizzenblätter des Ulmer Theaterliebhabers Dr. Burkhard Tümmers. Wer ein solches Unikat ersteigert, unterstützt ganz nebenbei das Charity-Projekt Abopatenschaft.

Um 22:15 Uhr gibt es ein Late-Night-Special auf der Großen Bühne: Die Ballettcompagnie zeigt einen Vorgeschmack auf die neue Choreografie „Klang“. Anschließend zeigt die Technik-Crew die Möglichkeiten der Bühnenmaschinerie.

Um 22.45 Uhr gibt es ein zweites Set mit den Busy Bubbles bis 23.30 Uhr. Im Anschluss kann man den Abend in der Podiumbar ausklingen lassen.

Kommentar von Jürgen Kanold: Theater ist immer jetzt

Jetzt!“ Das ist natürlich ein treffliches Motto für diese Spielzeit, in dem das Ulmer Theater beziehungsweise das Theater Ulm ein historisches Jubiläum feiert: Vor 375 Jahren hat die Stadt sich ein Theater gebaut. Theater aber muss immer jetzt sein.

Es ist schön, sich stolz daran zu erinnern, dass der Jahrhundertdirigent Herbert von Karajan in Ulm seine Karriere als Kapellmeister begann oder Peter Zadek auf dem Nudelbrett der Wagnerschule Skandale inszenierte, dass die Schauspielerin Hannelore Hoger oder die Sopranistin Angela Denoke hier ihre Karriere starteten. Dem Zuschauer von heute hilft das freilich nichts. Theater ist eine sehr gegenwärtige Kunst – auch wenn Shakespeare gespielt oder Mozart gesungen wird. Nicht nur die Qualität der Akteure zählt in der aktuellen Aufführung, die Werke müssen auf ihre Gegenwartstauglichkeit überprüft, spannend neu für unsere Lebenswirklichkeit erzählt werden. Und auch ganz Neues muss auf die Bühne kommen: Uraufführungen. Das Theater ist kein Museum.

Das Theater Ulm unter Andreas von Studnitz schlägt sich gut mit seinem Ensemble und seinem Spielplan, die neue Saison hat eine ganze Menge zu bieten. Leicht ist es nicht, ein 830 Zuschauer fassendes Großes Haus zu füllen – weit größere Städte wie Freiburg und Heidelberg haben kleinere Auditorien. Das zeigt, dass die Ulmer immer ein theaterverrücktes Bürgervolk waren. Diese Leidenschaft aber muss immer wieder neu befeuert werden. Da hilft auch, dass regelmäßig ein neuer Intendant, eine neue Intendantin neue Ideen in die Stadt bringt. Da wünscht man den Ulmer Räten jetzt ein gutes Händchen für die Wahl des Nachfolgers von Andreas von Studnitz.

375 Jahre: Das relativiert natürlich jede Aufgeregtheit. Dieses Jubiläum zeigt zudem: Die Ulmer haben schon immer gerne gebaut. Auch für die Kultur. Der Bürger unterhält sich auch gern. Am besten auf hohem Niveau. Und bitte jetzt!

  
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel