„Je suis brut“, „nous somme crise“, „ils/elles sont égoïstes“, steht auf den Plakaten. Was hat das zu bedeuten?

RIMA NAJDI: Die Idee kam mir nach dem Anschlag auf die Zeitschrift „Charlie Hebdo“, als sich in den sozialen Netzwerken der Trend ausbreitete, „Je suis Charlie“ – „Ich bin Charlie“ – zu posten. Ich entschied, andere Worte zu wählen, um solche Statements zu problematisieren. Wenn man von einem Ort kommt, in dem Bomben fallen und Menschen sterben, verletzt so etwas, denn man fühlt die Heuchelei darin: Als etwa die Attacke im Fußballstadion in Paris war, gab es zur gleichen Zeit eine Explosion in meiner Heimatstadt Beirut, aber niemand sprach darüber. Die Poster thematisieren das. Nicht um zu verurteilen, sondern um Fragen zu stellen.

Ihre Plakate behaupten: „Sie/er waren Heuchler“, „wir waren wild“. Es scheint unklar, wer spricht und wer angesprochen wird.

NAJDI: Es geht mir darum zu zeigen, wie die Gesellschaft Menschen einen Platz zuweist und welche Identität man jeweils für sich selbst beansprucht. Mit der Aktion versuche ich, solche Labels und Grenzen aufzulösen. Denn Identität ist eben nicht stabil, sie verändert sich laufend. Das ist ein konstanter Kampf, aber auch ein Abenteuer.

Wieso machen Sie die Aktion jetzt?

NAJDI: Ich lebe seit zwei Jahren in Berlin, dort habe ich keine Finanzierung bekommen. Als die Griesbadgaleristen mich zum Café Beirut einluden, wollte ich sie verwirklichen. Zu den Plakaten gehört ein Video, das ich in der Stiege zeigen werde und das sich auf die Website zanzu.de bezieht – eine offizielle Seite zur Sexualaufklärung von Immigranten, die ich sehr ärgerlich und demütigend finde. Sie verleugnet, dass Flüchtlinge Individuen sind, sie verleugnet ihr Eigentum am eigenen Körper. Die Grausamkeit dieser Website als visuelle Produktion wie auch die, die aus der Flut visueller Produktionen nach „Charlie Hebdo“ resultierte, ist die Verbindung zwischen beiden Projekten.

Welche Plätze haben Sie für die Plakate ausgesucht und warum diese?

NAJDI: Beide Arbeiten sind an Körper und Bewegung interessiert. Wir haben die Plakate am Fluss, an den Brücken, am Bahnhof, an Straßen aufgehängt – an Orten, die Bewegung und Grenzziehungen markieren. Ich war fasziniert von den Baustellen in Ulm. Sie zeigen, wie reich die Leute hier sind, und sie zeigen, wie sehr die Stadt sich verändert.

Info: Rima Najdis Video ist von diesem Wochenende an in der Stiege zu sehen.