Stadthaus 25 Jahre Stadthaus: Gespräch mit Leiterin Karla Nieraad

Ulm / Magdi Aboul-Kheir 07.11.2018

Nein, einen Lieblingsplatz im Stadthaus hat sie nicht. Dabei kennt Karla Nieraad (54) jede Ecke des Meier-Baus. Aber sie laufe eben nicht durch das vor 25 Jahren eröffnete Haus und rufe „Ach, wie toll!“ Karla Nieraad und das Stadthaus, das ist wirklich eine lange, stabile Arbeits-Beziehung: zunächst war sie Organisationsleiterin, seit Anfang 2005 ist sie Chefin. Von ihrem Büro am Münsterplatz hat sie einen tollen Blick auf das Gebäude.

Frau Nieraad, Sie waren von Anfang an dabei. Wie ist Ihre heutige Sicht auf das Stadthaus?

Es ist ein sachliches Verhältnis. Ich finde den Bau nach wie vor wunderschön. Besonders wenn ich Führungen mache, spüre ich das stark. Aber wenn ich länger weg war und zurückkehre, schlägt mein Herz nicht höher, nur weil ich das Stadthaus sehe.

Hat sich die öffentliche Wahrnehmung in all der Zeit verändert?

Das Stadthaus wurde anfangs als blasphemischer Akt gegen das Münster betrachtet. Diese starke Front gibt es so nicht mehr. Die Ulmer leben mit dem Stadthaus, nutzen es. Sie wissen, dass man sieben Tage die Woche hinein kann, dass man keinen Eintritt bezahlen muss, dass es für alle da ist. Daher ist die Akzeptanz in der Stadt relativ hoch. Die Leute beurteilen nicht mehr nur den Bau und das Zusammenspiel mit dem Münster, sondern sie haben ihre Erfahrungen mit den Inhalten gemacht, haben tolle oder vielleicht auch schlechte Veranstaltungen besucht – das fließt alles ein. Aber von Ortsfremden kann man schon mal Sätze aufschnappen wie: O Gott, jetzt schau dir mal das an, was haben die denn da hingebaut?

Was ist die Qualität des Gebäudes?

Es ist eine großartige Bespielung des zentralen städtischen Ortes, ein enormer Gewinn für den Münsterplatz. Wenn man Fotos von früher ansieht oder sich in anderen Städten umschaut, begreift man: Das Stadthaus ist ein totaler Glücksgriff. Und es ist zeitlos modern: 25 Jahre alt und immer noch zeitgenössisch. Es ist eine Inspiration – und es ist auch eine Stärke des Münsters, dass es dies zulässt.

Die Alltagspraxis reißt Sie aber nicht zu solchen Lobeshymnen hin?

In diesem Haus sind viele Aspekte nicht gelöst, weil sie in der Entwurfs- und Bauzeit nicht mitbedacht wurden. An der Genese des Hauses haben keine Museumsleute, keine Veranstaltungs- und Theatermacher mitgewirkt – und das hat Folgen. Es ist rein aus Architektensicht gebaut worden: schön, aber in der Praktikabilität gibt es enorme Abstriche.

Ein paar Beispiele?

Die Lichtverhältnisse sind schwierig, und man kann keine Wände abdunkeln. In den Ausstellungsbereich führt ein Rettungsweg hinein, er kann auch nicht abgetrennt werden. Es gibt nur eine Künstlergarderobe, ein Klo, keine Dusche – was macht man nun wenn ein Kammerorchester kommt oder ein Streichquartett, drei Männer und eine Frau, die nicht als Freie-Liebe-Kommune unterwegs sind? Wir haben keine Einspielräume, wir haben keine Lagerflächen und Stauräume. Ein Mangelzustand! Manche Gäste können das gar nicht fassen.

Wie gehen Sie damit um?

Wir müssen jeden Tag improvisieren und uns Neues überlegen. Aber all das macht, und das meine ich wirklich ernst, unsere Arbeit spannend, weil wir gefühlt fast keine Routine haben. Wir haben permanent die sportliche Herausforderung, irgendeine Nuss zu knacken. Oder das zumindest so zu kommunizieren, dass der Kunde oder Künstler das als anregend und nicht als Problem betrachtet. Tatsächlich, es bleibt immer, immer, immer spannend, aber manchmal fragt man sich schon: Verdammt nochmal, warum haben die keinen Museumsmenschen gefragt?

Hat das die Entwicklung des inhaltlichen Profils beeinflusst?

In den ersten Jahren war es eine einzige Serie von Irrtümern, Misserfolgen, frustrierenden Erlebnissen und in der Folge Personalwechseln. Es gab anfangs unterschiedliche Stadthausleiter, die die Aufgabe hatten, dem Haus ein Profil zu geben. Da wollte man den großen Wurf: Dinge, die Ulm noch nie gesehen hat. Es gab anfangs auch viel mehr Geld, und so hat man häufig mit einer gewissen Arroganz gesagt: Jetzt zeigen wir mal, wie in der großen weiten Welt Kultur geht. Und nichts von dem hat funktioniert, sei es, weil hier vielleicht die Basis gefehlt hat oder weil die Ideen zu schlecht waren und herablassend vorgetragen wurden. Aber das Gute daran: Durch Misserfolge lernt man, was man vermeiden sollte. Und manchmal sah man: Ah, in diese Richtung könnte es gehen.

War das Zusammenspiel mit den anderen Kultureinrichtungen wichtig?

Unbedingt. Als zum Beispiel beschlossen wurde, dass die Kunsthalle Weishaupt kommt, war klar, welches Profil diese Sammlung hat. Die Ulmer Ausstellungsmacher haben sich zusammengesetzt und überlegt: Wer macht was? Es ergibt keinen Sinn, wenn alle blindwütig mehr vom gleichen machen. Man musste in der Stadt eine Balance finden, damit jeder seinen Weg gehen kann. Es geht darum, dass die Häuser, egal ob städtisch, frei oder privat, sich gegenseitig ergänzen und befruchten.

Wie kam es, dass im Stadthaus Fotografie zu einem Schwerpunkt wurde?

Fotokunst funktioniert hier super. Sie war mir schon ganz früh wichtig, weil sie unseren Anspruch, aktuelle Themen aufzugreifen, perfekt umsetzt, und es war schnell zu sehen: Das geht hier gut, auch zusammen mit der Architektur, mit den konservatorischen Bedingungen. Es war eine Nische, die inhaltlich und ästhetisch spannend ist, die gut auszubauen und anderswo in der Stadt kaum vertreten war.

Heute gibt es in Sachen Fotokunst auch die Walther Collection, aber das Nebeneinander funktioniert?

Problemlos, denn es ergänzt sich hervorragend. Als Artur Walther gekommen ist, war das großartig, weil schlagartig unheimlich viele Menschen in der Stadt dadurch verstanden haben, dass Fotografie eine Kunstform ist. Vorher haben es nicht alle geglaubt, da musste der Millionär aus New York kommen, sich so ein Ding hinbauen und dann sagten alle: O, dann muss es ja was sein! Das war auch für uns super, weil es dem Thema Fotografie eine enorme Dynamik gegeben hat.

Sie stellen regelmäßig Outsider Art aus. Wie ist das entstanden?

Wir orientieren uns ja an den Themen, die unsere gegenwärtige Gesellschaft interessieren, die relevant sind oder von denen wir finden, dass man sie einbringen muss. Und Outsider Art ist etwas, das eine Stimme bekommen soll. Wir machen das nicht aus dem Aspekt der künstlerischen Einordnung heraus, sondern aus dem Aspekt des Augenöffnens und der Toleranz für jemanden, der von wo ganz anders herkommt und etwas macht, das einen auf eine Weise berührt, wie man das in allen Gerhard-Richter-Ausstellungen nie erlebt hat. Outsider Art ist ein Augen- und Herzens-Öffner.

Was gehört noch zu Ihrem Konzept?

Das sind noch die Solitär-Ausstellungen wie Berblinger oder Einstein, die in einem solchen Haus gut aufgehoben sind. Und dann all die Kooperationen: mit der Strado Compagnia Danza, mit dem Verein für Moderne Musik, mit dem Humboldt Studienzentrum, im Arbeitskreis 27. Januar oder auch mit der SÜDWEST PRESSE, etwa in der „klassisch!“-Reihe. Dabei ist mir die Kontinuität in der Zusammenarbeit total wichtig: Wenn mal eine Produktion nicht gelungen ist, wird nicht alles gleich infrage gestellt. Ich will eine verlässliche Plattform bieten.

Am Thema Geld kommen wir nicht vorbei. Zugespitzt gesagt: Die Stadt hat das Stadthaus gebaut, gibt aber kein Budget zur Bespielung. Wie haben Sie sich damit arrangiert?

Wir müssen das im Wesentlichen selbst erwirtschaften. Ganz verkürzt gesagt, läuft das so: Die Summe, um die wir unser Einnahmesoll überschreiten, die können wir im Folgejahr in Ausstellungen investieren. Ich habe mich damit arrangiert, weil ich gelernt habe, dass unser Laden wohl nicht zusammenbricht. Und ich habe mittlerweile das Gefühl, wenn finanziell etwas Schlimmes passiert, würde uns die Stadtspitze nicht im Regen stehen lassen.

Sie haben zwei deftige Sparrunden überstehen müssen.

Vor allem die erste Konsolidierung ab 2003 war schlimm, da wurde uns praktisch das gesamte Ausstellungsbudget unter dem Hintern weggestrichen. Ein traumatisches Erlebnis, weil ich danach dachte, das kann immer wieder passieren – wenn es ums Ganze geht, ist das Stadthaus-Programm anscheinend nicht wichtig genug, um es zu erhalten. Insgesamt hat das Stadthaus mehr als 200.000 Euro konsolidiert, im Wesentlichen zu Lasten des Programmetats. Es ist keine Pflichtaufgabe der Stadt, also wird hier zuerst gestrichen. Aber heute weiß ich: Wir kommen zurecht. Wir haben viel weniger Geld als vor 20 Jahren, aber es geht irgendwie. Doch die Erfahrung von damals sitzt mir in den Knochen.

Bei der nächsten Konsolidierung ging es dann dem Festival „Neue Musik im Stadthaus“ an den Kragen.

Ich musste ja 2009 wieder etwas zur Konsolidierung vorschlagen, und da ich kein Ausstellungsbudget mehr hatte, war der Neue-Musik-Etat das Einzige, was noch zu opfern war. Ich musste das also tun, aber ich wollte auf gar keinen Fall die Stadthausleiterin sein, die die Neue Musik tötet. Daher hab ich die Gründung eines Fördervereins angeregt, habe Leute zusammengetrommelt, weil ich wusste: Wir brauchen ein bürgerschaftliches Bekenntnis zu dem Thema. Es war eine schwierige Geburt, aber dieser Verein existiert, und die Stadt gibt heute jährlich 20.000 Euro Sondermittel, und so können wir nach all der Selbstzerfleischung doch noch alle zwei Jahre das Festival machen.

Aber ist es nicht schwer, auf diese Art Kultur zu machen?

Man muss jeden nervigen Tag über Geld reden, das ist unschön. Es ist wirklich anstrengend, dass ich ständig mit Leuten verhandeln und überlegen muss, welche Gage ich überhaupt zahlen kann. Ich sage denen immer: „Wir haben nicht so viel Geld.“ Die sagen: „Das hören wir überall.“ Die googlen dann „Stadthaus Ulm“, sehen das Gebäude und glauben mir nicht. Man ist ständig am Rechnen, am Akquirieren. Aber auch das hat eine gute Seite: Wenn man seine Probleme selber löst, hat man auch mehr Freiheit.

Sie sind keine Freundin von Zahlen und Rekorden. Was sind Ihre Erfolgskriterien?

Wenn ich jeden Tag gern zur Arbeit gehe und das Gefühl habe, das gilt auch für unser Team. Wenn man Sinn spürt in der Arbeit. Wenn die Menschen in unser Haus kommen und sich wirklich mit den Themen auseinandersetzen. Ganz wichtig ist, was in den Gästebüchern steht. Wie Leute bei Führungen reagieren. Was in Briefen und Mails geschrieben wird. Wenn die Menschen von einer harten Ausstellung wie kürzlich über die Opfer von „Boko Haram“ erreicht und berührt werden – das ist wichtiger, als dass 50.000 Leute kommen. Oder wenn vielleicht nur 50 Menschen in einem Neue-Musik-Konzert sind, aber spürbar bewegt sind – das ist wichtiger als dass 350 drinsitzen, die brav applaudieren.

Ihre Jubiläums-Ausstellung, die am Wochenende eröffnet, heißt „Lichte Momente“. Was ist für Sie im Rückblick ein Highlight.

Etwas ganz Besonderes war die Erfahrung und Ausstellung mit Bryan Adams. Wir haben ihn angefragt, er wollte unser Konzept der Ausstellung „Gesichter des Krieges“ sehen und sagte dann: „Wow, das ist super!“ Dieser Dreiklang aus drei autarken fotografischen Positionen zum Thema Krieg: Anja Niedringhaus, Jan Banning und Adams. Er liebte es, dass seine Fotos genauso ernst genommen wurden wie die der anderen. „Und dass ihr keinen Eintritt nehmt! So was macht ihr da in diesem Ulm? Da mach ich mit!“ Er war vom Setting so angetan, dass wir nichts, aber auch gar nichts bezahlen mussten außer seinem German-Wings-Ticket von London nach Stuttgart und zurück. Er hat uns alles so gegeben, begeistert vom Konzept und auch vom Stadthaus. Das hat mich sehr beeindruckt, dass ein solcher Typ das überhaupt zur Kenntnis nimmt. Und wie er nach der Eröffnung spät in der Nacht nochmal allein in die Ausstellung wollte und sich alles so lange so ernst angeschaut hat! Ja, klar, der Popstar und Nimbus Bryan Adams, ein Name, der zieht, ein Hammer-Multiplikator – aber dann war es die Substanz und wie er das alles geschätzt und mitgetragen hat.

Noch zu einem Lowlight. Kürzlich hat die AfD im Stadthaus eine Versammlung abgehalten. Die mussten Sie zulassen, weil Ihr Haus eine städtische Einrichtung ist. Hat Ihnen das zugesetzt?

Das Stadthaus steht für die demokratische Auseinandersetzung, für Streit – schon die Entstehung war ein Ringen um Positionen mit teils erbitterten Kontroversen. Wir sind darauf stolz, ein Forum für alle brisanten, relevanten, heutigen Themen zu sein. Und dann werden wir so auf die Probe gestellt! Durch eine rechtspopulistische Partei, die von unserer Verfassung her aber wie jede andere Partei das Recht hat, hier ihre Veranstaltung öffentlich abzuhalten. Das war schlimm: aushalten zu müssen, dass ich keine andere Wahl hatte.

Sie haben dann parallel zur AfD-Versammlung im Saal-Foyer die Ausstellung „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg gezeigt.

Ich dachte mir: Das Haus muss sich doch positionieren. Denn, ja, man muss die Veranstaltung zulassen, aber das geht nicht mit meiner eigenen Haltung zusammen! Ich wollte unbedingt eine andere Position im Haus haben, und das hat mit dieser Ausstellung geklappt, darüber war ich froh. Trotzdem war es eine schwere Bürde, der AfD den Saal vermieten zu müssen. Und aushalten zu müssen, dafür beschimpft zu werden: „Habt ihr gepennt, habt ihr sie noch alle?“ Nicht nur von tumben Zeitgenossen, sondern von Menschen, die unsere Verfassung und das Gleichbehandlungsprinzip der öffentlichen Hand kennen und die uns trotzdem attackiert haben: „Seid ihr noch ganz sauber?“ Jetzt hat man 25 Jahre diese ganzen Ausstellungen gemacht, über Menschenrechte, Kriegsthemen, politische Bildung – und plötzlich zählt das alles nicht mehr? Man weiß doch, wer wir sind! Aber nein, es ist leichter, das Stadthaus-Management anzupinkeln, als sich direkt mit der AfD auseinanderzusetzen. Super war allerdings, wie unser Team zusammengehalten hat und der OB und Bürgermeisterin Mann uns in der Situation unterstützt haben.

Bilder auf Instagram

Weitere tolle Bilder aus der Geschichte des Ulmer Stadthauses - und davor - haben wir auf unserem Instagram-Account. Besucht uns dort unter @suedwest_presse.

Zahlen, Zahlen, Zahlen

Seit der Eröffnung im November 1993 fanden im Stadthaus 7358 Veranstaltungen und 387 Ausstellungen statt. Davon waren 146 vom Stadthaus selbst veranstaltete/kuratierte Ausstellungen, 110 in Kooperation sowie 130 Gastausstellungen.

Gut vier Millionen Besucher wurden insgesamt bei Ausstellungen, Veranstaltungen und Führungen gezählt. Die Zahl ist starken jährlichen Schwankungen unterworfen, abhängig von Inhalten und Anzahl der Eigen-/Kooperations-/Gastveranstalterprogramme: Die niedrigeste Zahl war 104 032 Besuchern (2002), die höchste 214 847 Besucher (2017).

Das Stadthaus zählt (Stand 2017) 29 feste und freie Beschäftigte: 18 Festangestellte (davon 8 in Teilzeit, für Organisation, Technik, Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit, Aufsicht und Reinigung) und 11 projektbezogene freie Mitarbeiter/innen (Kuratoren, Fundraising, Kulturvermittlung und Social Media).

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