23 Punkte in Halle 39

JÜRGEN KANOLD 16.05.2012
Mit Werken von Bizet, Brahms und Bartók zum Erfolg: Die Sinfonietta des Humboldt-Gymnasiums unter Dirigent Christoph Kächele hat beim Deutschen Orchesterwettbewerb in Hildesheim einen 1. Preis geholt.

Hildesheim? Der Mariendom und St. Michaelis gehören zum Weltkulturerbe, aber der Bahnhofsvorplatz der niedersächsischen Stadt zeigt sich an diesem Montagmittag nachkriegsöde bis menschenleer. Die Halle 39? Liegt am Flughafen, in einem Industriegebiet. Die Nahverkehrslinie 17 führt dorthin, aber erst nachmittags. Also los, zu Fuß.

Man kann nicht sagen, dass der 8. Deutsche Orchesterwettbewerb, an dem in dieser Woche 4500 Musikerinnen und Musiker teilnehmen, dem Publikum allerorts den roten Teppich auslegte. Aber die mit dem Bus angereiste, in einem Hotel bei Hannover untergebrachte Sinfonietta des Ulmer Humboldt-Gymnasiums war am Montag topfit zur Stelle, spielte überragend - ein Auftritt, der weite Wege lohnte.

"Echt cool, supergeil!" 23 Punkte, ein 1. Preis, das Prädikat "mit hervorragendem Erfolg teilgenommen": Was die Juroren dann gestern sachlich urteilten, löste bei den jungen Instrumentalisten großen Jubel aus. Vor vier Jahren, in Wuppertal, waren es beim Bundesfinale noch 22 Punkte für die Sinfonietta und ein "Sehr gut" gewesen.

Aber zurück in die Halle 39, einen ehemaligen Hangar, in dem die Junkers JU-52 gewartet wurde; die Ulmer dürfen sich diese "Eventlocation" als eine Art Roxy im sanierten Zustand vorstellen. Die Akustik? Skeptisch schaut sich Sinfonietta-Dirigent Christoph Kächele am Montag um, doch in der halbstündigen Probe vor dem kurz nach zwei beginnenden Wertungsspiel zeigt sich, dass der Saal "klingt": samten die Streicher, das Blech nicht laut, sondern gut integriert.

Kächele ist kein Dirigent, der nur zum Soundcheck einlädt, er feilt auch in letzter Minute noch an Details. "Nicht eilen, das muss eine Schwere haben, ernsthaft sein!", kommentiert er die angespielten Passagen aus dem langsamen Satz der 3. Sinfonie von Johannes Brahms. Die Spannung ist mit Händen zu greifen. "Ihr müsst auf der Stuhlkante sitzen", feuert Kächele an. Die Stimmung ist bestens im rund 60-köpfigen Sinfonieorchester, der Juryvorsitzende Karl-Heinz Bloemeke, Professor an der Detmolder Musikhochschule, hält noch eine kurze Ansprache, dann hebt Kächele den Taktstock: zunächst das Pflichtstück, der 3. Satz aus Georges Bizets C-Dur-Sinfonie. Ja, dieses technisch anspruchsvolle, romantisch-burleske Stück tönt weitaus lockerer, mit mehr Esprit als noch am vergangenen Donnerstag beim öffentlichen "Try-Out" der Sinfonietta in der Ulmer Musikschule.

Danach der Brahms: wunderbar innig ausmusiziert, mit überragenden Holzbläsern. Geradezu Profiqualität. Schließlich drei Sätze aus der "Tanzsuite" Béla Bartóks": ein Kracher. Herb die rhythmische Wut in einem Werk, das Strawinskys "Sacre" zum Vorbild hat. Dann wieder feine, modern-impressionistische Stimmungsbilder. Packende Musik samt perkussivem Klavier. Reichlich Applaus. Die Sinfonietta-Blicke signalisieren: Ja, das war gelungen. Kächeles Fazit: "Wir haben alles gegeben."

Der Landesmusikrat Baden-Württemberg hatte die Sinfonietta direkt, ohne Qualifikationsrunde, für das Bundesfinale nominiert. Generalsekretär Harald Maier zählt in Hildesheim zu den Zuhörern, sein spontaner Kommentar: "toll!" Dickes Lob zollt er dem Dirigenten und seiner "bestens vorbereiteten" Truppe: "Wir können im Land stolz sein auf dieses Orchester."

Den nötigen Teamgeist besitzt die Sinfonietta. Raus aus der Konzertkleidung und die für Hildesheim bedruckten T-Shirts übergestreift: durchnummeriert und mit Spitznamen versehen. Die Eins, klar, trägt der "Chef": Christoph Kächele. Der Dirigent wird zum Juroren-Gespräch gebeten - und kommt zufrieden wieder heraus. Der Brahms sei "wie aus einem Guss gewesen", referiert er. Diese hohe Präzision beim Bartók "habe man nie erwartet". Die Jury habe sich vor allem dafür interessiert, wie es der Sinfonietta als Schulorchester gelinge, ein solch hohes Niveau zu erarbeiten.

Dann trat der Favorit an: Das Jugendorchester der Musikschule Leipzig "Johann Sebastian Bach". Streicher satt, im Vergleich zu den Ulmern. Keine Frage, die Leipziger, die auch regelmäßig im Gewandhaus konzertieren, haben andere Ressourcen. Ein klangvoluminöses Programm: von Wagners "Meistersinger"-Ouvertüre bis zum "Jupiter"-Satz aus Holsts "Planeten". Nicht so souverän das Pflichtstück, der 3. Satz aus Schumanns "Rheinischer Sinfonie". Die Juroren sprachen den Leipzigern dann die Höchstpunktzahl 25 zu, setzten die Sinfonietta Ulm, das damit deutschlandweit zweitbeste Jugendsinfonieorchester, mit ebenfalls einem 1. Preis aber auf die selbe Stufe.

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