Zuzug 150 Millionen Euro für die wachsende Bevölkerung

Neu-Ulm / Chirin Kolb 04.01.2017

Wie stark Neu-Ulm wächst, lässt sich in Zahlen fassen. Ende 2010 hatte die Stadt gerade knapp die 53 000 Einwohner-Marke überschritten. Nur sechs Jahre später, Ende 2016, gab es schon 58 000 Neu-Ulmer, und bald werden es 60 000 sein. Tendenz: weiter steigend.

Die Gründe sind vielfältig. Sie hängen in erster Linie damit zusammen, dass es Arbeitsplätze gibt, dass Fachkräfte in allen Branchen gefragt sind und aus anderen Teilen der Republik zuziehen. Außerdem war der Wohnraum in den vergangenen Jahren noch relativ günstig im Vergleich zu München beispielsweise. Wer dort arbeitet, ist dank der verkehrsgünstigen Lage von Ulm und Neu-Ulm aus in vertretbarer Zeit in der bayerischen Hauptstadt, aber auch in Stuttgart, am Bodensee, in den Alpen.

Wenn Menschen zuziehen wollen, heißt das vor allem: Sie müssen es auch können. Sie müssen also Wohnungen finden. Eine steigende Einwohnerzahl bedeutet aber noch viel mehr für eine Kommune, als Wohngebiete auszuweisen. Die neuen Neu-Ulmer brauchen Kinderbetreuung, Schulen, Freizeitmöglichkeiten... Die Stadt Neu-Ulm kommt jedenfalls kaum mehr hinterher.

Wohnraum: In den nächsten fünf Jahren werden in Neu-Ulm rund 1700 Wohneinheiten geschaffen. Einfamilienhäuser gehören dazu, Mehrfamilienhäuser und rund 360 öffentlich geförderte Mietwohnungen für Bewohner mit kleinen Einkommen. Die Stadt verfolgt die gleiche Grundstückspolitik wie Ulm: Baugebiete sollen erst ausgewiesen werden, wenn die Grundstücke in städtischer Hand sind. So soll vermieden werden, dass Spekulanten zum Zug kommen und die Grundstückspreise in unkontrollierbare Höhen schnellen.

Die größten Baugebiete im Neu-Ulmer Stadtgebiet sind in den nächsten Jahren:

  • Ulmer Hofgut im Ludwigsfelder Osten mit 240 Wohneinheiten. Die Vergabe der Grundstücke soll Ende 2017 beginnen.
  • Wiley-Nord mit 200 Wohneinheiten, Vergabe ab 2019.
  • Ulmer Riedteile im Ludwigsfelder Nordwesten mit 400 Wohneinheiten, Vergabe ab 2020.
  • Südstadtbogen in der Innenstadt mit 450 Wohneinheiten.
  • Münsterblickstraße im Vorfeld mit 110 Wohneinheiten, der erste Bauabschnitt läuft bereits.
  • Pfuhl Nord mit 240 Wohneinheiten, Vergabe ab 2019.

Gewerbegebiete: Gewerbeflächen in Ulm und Neu-Ulm sind seit Jahren Mangelware. Um Arbeitsplätze zu schaffen, müssen ansässige Unternehmen aber erweitern können, müssen sich ortsfremde ansiedeln können. Im Flächennutzungsplan sind in Neu-Ulm zwar weitere Gewerbegebiete ausgewiesen, beispielsweise in Schwaighofen Süd, Gerlenhofen und Burlafingen. Ob sie alle verwirklicht werden können, hängt vor allem davon ab, ob die Stadt die nötigen Grundstücke kaufen kann – ein schwieriges Unterfangen in Zeiten niedriger Zinsen, weil viele Eigentümer kein Interesse haben, die Flächen zu Geld zu machen.

Kinderbetreuung: In Neubaugebiete ziehen meist junge Familien. Das heißt: Dort oder in der Nähe müssen Kinderbetreuungseinrichtungen entstehen. Die Stadt muss die gesetzliche Vorgabe erfüllen, für alle Kinder ab drei Jahren einen Kindergartenplatz bereitzustellen. Zudem sollen Krippen für unter Dreijährige ausgebaut werden. Kinderbetreuung hat für die Stadt und die Stadträte einen hohen Stellenwert. Geplant sind an Kindergärten:

  • Im Jahr 2017 wird die „Schatzinsel“ im Vorfeld um eine Gruppe erweitert.
  • 2018 entstehen sechs Gruppen im Vorfeld und im Offenhauser Gries. Zudem sind drei neue Krippengruppen im Offenhauser Gries geplant.
  •  2019 werden die erst im Herbst 2016 eröffneten „Donaukinder“ am Schulzentrum Pfuhl um eine Gruppe erweitert.
  • 2020 steht der Ausbau des Kindergartens „Regenbogen“ in der Innenstadt um zwei Gruppen an.

Schule: Neu-Ulm wächst im Süden besonders. Deshalb hat der Stadtrat den Bau der Mark-
Twain-Grundschule in Wiley-
Nord beschlossen. Sie wird 15 Millionen Euro kosten und soll bis zum Beginn des Schuljahrs im Herbst 2018 fertig sein. In vier Klassen pro Jahrgangsstufe werden rund 400 Schüler unterrichtet. „Genau beobachten“ muss die Stadt laut OB Gerold Noerenberg die Entwicklung in Burlafingen. Dort ist die Grundschule mit derzeit acht Klassen räumlich ausgebucht. „Falls der Bedarf steigt, müssen wir über einen Dachausbau oder Container nachdenken.“

Freizeit: An Freizeiteinrichtungen ist Neu-Ulm reich gesegnet: Badeseen, Donaubad, Ratiopharm-Arena, Kletterhalle, Golfplatz, Sport- und Freizeitpark Wiley, um nur ein paar zu nennen. Dennoch muss die Stadt auch in diesem Bereich investieren.

Denn mehr Einwohner bedeuten zum Beispiel auch mehr Menschen, die Sport treiben wollen. Manche Sportvereine konnten in den vergangenen Jahren keine neuen Abteilungen gründen, weil die Hallen ausgelastet sind. Die Stadt hat in den Bau eines Turnzentrums des TSV Pfuhl investiert und baut derzeit am Muthenhölzle eine Dreifachturnhalle, die vor allem dem TSV Neu-Ulm und den TSF Ludwigsfeld zugute kommt. Die Halle wird in diesem Jahr fertig.

Verwaltung: Eine wachsende Stadt heißt auch: Die Stadtverwaltung wächst. Neue Wohngebiete müssen geplant und mit Straßen und Kanälen erschlossen werden, Kitas brauchen Personal, Müllabfuhr, Winterdienst und Grünflächenpflege müssen aufgestockt werden. Bei der Stadtverwaltung kommen durchschnittlich drei Stellen pro Jahr dazu – Erzieherinnen in Kitas nicht mitgezählt.

Wohnraum, Gewerbeflächen, Kinderbetreuung, Schulen, Sporthallen – all das gehört für OB Gerold Noerenberg zur Grundversorgung. Für den Ausbau dieser Bereiche rechnet er mit bis zu 150 Millionen Euro in den nächsten Jahren – Geld, das die Stadt also nur fürs Nötigste locker machen muss.

Mehr zum Thema

Interview mit Neu-Ulms OB Gerold Noerenberg: Vor- und Nachteile des Zuzugs nach Neu-Ulm

Nur Friedhöfe schrumpfen

Bestattungswesen Der einzige Bereich, der von der steigenden Einwohnerzahl Neu-Ulms nicht betroffen ist, sind die Friedhöfe. Grund dafür ist das veränderte Bestattungsverhalten. Statt normalen Gräbern werden zunehmend Urnengräber und anonyme Bestattungen gewünscht. Sie sind deutlich kleiner und verbrauchen weniger Platz auf den Friedhöfen. So wurde beispielsweise eine ursprünglich für die Friedhofserweiterung vorgesehene Fläche im Viertel Vorfeld für das Baugebiet Münsterblickstraße freigegeben. Es stellte sich nämlich heraus: Der Neu-Ulmer Hauptfriedhof braucht in absehbarer Zeit keine weiteren Flächen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel