Als nach zweieinhalb zutiefst beglückenden Stunden die letzten Takte - auf das den "Elias" beschließende und besiegelnde "Amen" - im weiten Kirchenschiff verklingen, ist es für einen kurzen Augenblick ganz still. In die Stille hinein knarzt irgendwo dissonant eine Tür. Dann setzt der Applaus ein, zuerst fast zaghaft, dann stärker und immer gewaltiger werdend, es folgen frenetische Jubelrufe und Standing Ovations. Vielleicht war es damals ähnlich, 1846, als Mendelssohns Mammutwerk mit überwältigendem Erfolg in England uraufgeführt wurde und den Namen seines Schöpfers unsterblich machte. Tatsache ist: Das Jubiläumskonzert zum 125-jährigen Bestehen des Oratorienchors Ulm hätte intensiver, beglückender, ja, ergreifender nicht über die mit Musikern dicht gedrängte Bühne gehen können. Dieser "Elias", eine Art "Sinfonie der Tausend" des 19. Jahrhunderts, war nicht nur ein im wahrsten Sinne des Wortes lange nachhallender Ohrenschmaus, sondern auch eine Augenweide. Kongenial ins Werk gesetzt hatten Mendelssohns zweites Oratorium: die Süddeutschen Kammersolisten Stuttgart, ergänzt durch Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Ulm, der oben schon genannte Oratorienchor Ulm und vier junge, hoch talentierte Sängerinnen vom Neuen Kammerchor Heidenheim. Letztere bildeten mit ihren reinen und klaren Stimmen die Engelschöre.

In den solistischen Gesangshauptrollen glänzten, vielmehr begeisterten Yuna-Maria Schmidt (Sopran), Seda Amir-Karayan (Alt), Reginaldo Pinheiro (Tenor) und - herausragend - Kay Stiefermann (Bass) in der Titelrolle des alttestamentarischen Propheten. Die musikalische Gesamtleitung lag in den Händen von Thomas Kammel, der jetzt sein Jungfernkonzert mit dem Oratorienchor bestritt und mit diesem fulminanten Einstand gleichsam ein "Feuerzeichen" setzte, um es in der Sprache des Oratoriums zu sagen. Überhaupt ist das Feuer ja der heimliche Held in Mendelssohns Meisterwerk, es fällt vom Himmel herab und "frisst" beim Wettstreit der Israeliten mit den Götzendienern des Baal das "Brandopfer" der Rechtgläubigen und ist auch sonst ganz eng mit der Figur des - schon in der Bibel - hoch ambivalent gezeichneten Protagonisten verknüpft: "Und der Prophet Elias brach hervor wie ein Feuer, und sein Wort brannte wie eine Fackel."

War es ein Zufall, dass ausgerechnet an dieser dramaturgisch brisanten Stelle ein Knall im Münster hörbar war, ausgelöst vermutlich nur von einem draußen gezündeten Feuerwerkskörper, aber dennoch für den Moment beängstigend. Denn noch ein anderes schreckliches Ereignis spielte nolens volens in den "Elias" hinein, grundierte gleichsam den Abend und für viele Besucher wohl auch die Rezeption des Werkes. Gemeint sind natürlich die Terroranschläge, von denen die französische Hauptstadt Paris nachts zuvor erschüttert wurde.

Aber - geht es nicht auch im "Elias" um einen Kampf der Religionen? Israel und sein monotheistischer Gott gegen Baal und seine vielen "Feld- und Berggötter"? Und ob es darum geht, bis aufs Blut sogar: "Greift die Propheten Baals, dass ihrer keiner entrinne, und führt sie hinab an den Bach, und schlachtet sie daselbst!" Machen wir uns nichts vor: auch "unser" Gott des Alten Testaments hat, mit Thomas Mann (Josephsromane) zu sprechen, noch "Wüstenreste" der alten schweifenden Berggottheiten hinter den Ohren, er ist jähzornig, wild und eifernd. Im Oratorium kommt das ungeschminkt zum Ausdruck: "Will man sich nicht bekehren, so hat er (Gott) sein Schwert gewetzt".

Zukünftige Kriege werden im Zeichen von Weltanschauungen und Religionen geführt, prophezeite Nietzsche einst. Er wusste auch: "Felix Mendelssohns Musik ist die Musik des guten Geschmacks an allem Guten, was dagewesen ist" und prägte das Wort von den "feinen Eidechsenohren", die man braucht, um seine Musik zu hören. Die überragende Interpretation des "Elias" ist in diesem Sinne wahrhaft erhört worden. Den meisten Besuchern wird sie sich wie Feuer in die Seele gebrannt haben.