100 Tage im Amt: Arbeitsagentur-Chef Rasmussen

Hatte bislang kaum Gelegenheit, die eigenen Mitarbeiter kennenzulernen: Peter Rasmussen, neuer Chef der Agentur für Arbeit Ulm. Foto: Matthias Kessler
Hatte bislang kaum Gelegenheit, die eigenen Mitarbeiter kennenzulernen: Peter Rasmussen, neuer Chef der Agentur für Arbeit Ulm. Foto: Matthias Kessler
REGINA FRANK 09.08.2012
Die ersten 100 Tage als Chef der Arbeitsagentur Ulm waren für Peter Rasmussen alles andere als einfach: Er musste wegen des massiven Stellenabbaus in der Region sofort in die Rolle des Krisenmanagers schlüpfen.

Kaum dass Sie da waren, überschlugen sich die Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft. Ihren Start in Ulm haben Sie sich sicher nicht so turbulent vorgestellt - oder?

PETER RASMUSSEN: So ist es. Für mich selbst und für die Region hätte ich mir zum Start günstigere Rahmenbedingungen gewünscht.

Sie hatten kaum Zeit, die internen Strukturen der Ulmer Agentur kennenzulernen, mussten aus dem Stand die Krisen meistern. Wie lief das ab im täglichen Geschäft - intern und mit den Partnern auf dem Arbeitsmarkt?

RASMUSSEN: Da kommt einem die Erfahrung zugute. Krisenmanagement heißt vor allem, ständige Kommunikation. Wir hatten drei, vier Mal in der Woche einen Jour fixe mit den Führungskräften. So war ich immer auf dem neuesten Stand und konnte die Linie vorgeben. Extern sind mir Netzwerke ganz wichtig. Ich bin überzeugt: Vieles gelingt über persönliche Kontakte. Ulm ist eine Region die überschaubar ist. Man kennt sich noch.

Haben Sie eine vergleichbare Situation in Ihrer Zeit in Memmingen erlebt? Konnten Sie auf Erfahrungen zurückgreifen - auch wenn Ihr früherer Zuständigkeitsbereich natürlich nicht so stark industriell geprägt ist?

RASMUSSEN: Die Branchenschwerpunkte sind im Memminger Bezirk andere. Trotzdem ziehe ich oft Vergleiche, denn auch in Memmingen gibt es viele kleine und mittelständisch geführte (Familien)-Unternehmen. Die Gedankenwelt der Unternehmer ist mir deshalb sehr vertraut. Eine solche mittelständisch geprägte Wirtschaftsstruktur zu haben, ist ja auch von großem Vorteil: Wenn einer hustet, geht es nicht gleich der ganzen Region schlecht.

Welcher Einschlag auf dem regionalen Arbeitsmarkt ist aus der Warte der Arbeitsagentur mit den größten Herausforderungen verbunden?

RASMUSSEN: Unter anderem Iveco, sofern das nach dem Interessenausgleich zwischen Arbeitnehmervertretung und Geschäftsleitung noch ein Thema für uns wird. Dort geht es um mehr als 100 Schwerbehinderte und viele Ältere. Eine schwierige Situation, wenn alle auf den Arbeitsmarkt kämen.

Die Mitarbeiter in der Lkw-Produktion stehen gerade vor der Entscheidung, ob sie eine Abfindung mitnehmen und einen Aufhebungsvertrag unterschreiben sollen. Wie läuft es eigentlich für diejenigen, die sich dafür entscheiden und dann nicht gleich neue Arbeit finden? Können sie sich arbeitslos melden? Müssen sie mit einer Sperrzeit rechnen?

RASMUSSEN: Ein 55-Jähriger, der eine Abfindung erhält, kann sich natürlich arbeitslos melden. Ob er eine Sperrzeit bekommt, kann man nicht kategorisch sagen. Es kommt darauf an, wie die Verträge formuliert sind. Die Leistungsabteilung wird das prüfen.

Wie viel der Abfindung wird auf das Arbeitslosengeld angerechnet?

RASMUSSEN: Das lässt sich pauschal nicht sagen. Es handelt sich hierbei um eine äußerst komplexe Rechtsmaterie; jeder Einzelfall muss genau betrachtet und geprüft werden.

Rechnen Sie überhaupt mit vielen Arbeitslosmeldungen von Iveco-Beschäftigten?

RASMUSSEN: Das ist die Frage. Es ist ja noch unklar, wie viele in Altersteilzeit gehen und wie viele sich für eine Abfindung entscheiden. Massenhaft Arbeitslosmeldungen wird es aber nach dem Interessenausgleich wohl nicht geben.

In der Vermittlungsarbeit beschreiten Sie gerade mit branchenspezifischen Stellenbörsen neue Wege in Ulm. War das Ihre Idee?

RASMUSSEN: Ja. Sie setzt an bei einem originären Ansinnen der Agentur für Arbeit: arbeitssuchende Menschen und Arbeitgeber zusammenzubringen. Eine Börse ist die klassische Form dafür. Und die Beteiligten ziehen mit, die Kammern und der Arbeitgeberverband Südwestmetall halten das für einen guten Weg.

Wie muss man sich eine solche Börse vorstellen?

RASMUSSEN: Die Vorgehensweise bei der Schlecker-Zentrale ist exemplarisch: Wir haben dort gerade für zwei Tage ein Beratungs- und Vermittlungsbüro eingerichtet, wo sich die 160 Mitarbeiter aus dem Lagerbereich arbeitslos melden konnten und für sie sofort nach offenen Stellen im Programm der Bundesagentur für Arbeit gesucht wurde. Außerdem waren Arbeitgeber aus der Logistik- und Speditionsbranche präsent. Im Idealfall kommt man aus dem Beratungsgespräch und legt gleich seinen Lebenslauf einem Arbeitgeber vor. Analog ist eine Börse für Nokia in Planung, eine für Iveco, je nachdem wie viele Arbeitssuchende es gibt, und eine für Centrotherm, sofern es zu einer zweiten Entlassungswelle kommt.

Stichwort Nokia. Es entstand der Eindruck, diese Spezialisten kämen ohne Mithilfe der Agentur nahtlos bei anderen Unternehmen unter. Sie werden jedenfalls sehr umworben.

RASMUSSEN: Wir stehen in engem Kontakt mit der Personalchefin von Nokia und haben mit ihr vereinbart, dass die Mitarbeiter sich arbeitssuchend melden. Sie sollen ihre Bewerberprofile in die Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit einstellen, damit sie in die regionale und überregionale Vermittlung einbezogen werden können.

Dazu können Sie doch nicht verpflichtet werden.

RASMUSSEN: Nein, natürlich nicht. Aber es macht Sinn, weil wir gezielt Unternehmen angerufen und Stellen akquiriert haben. Es kamen auch Firmen auf uns zu, die sich für Nokia-Beschäftigte interessieren. Wir fungieren als Mittler. Parallel dazu haben wir uns eingeschaltet, was die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis angeht, weil sie mit der Kündigung erlischt. Bei Nokia arbeiten ja bekanntlich viele ausländische Mitarbeiter.

Was kann ein Agenturchef zur Lösung dieses Problems überhaupt beitragen?

RASMUSSEN: Wir können kein Interesse daran haben, dass diese Fachleute ausreisen müssen. Also habe ich die Ausländerbehörde, die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur und die Nokia-Personalchefin an einen Tisch gebeten, damit geklärt wird, ob Aufenthaltstitel nicht doch verlängert werden können.

Die nächste Herausforderung steht bevor: Der Agenturbezirk Ulm wird am 1. Oktober auf den Landkreis Biberach ausgedehnt. Wie bereiten Sie sich vor?

RASMUSSEN: Die Vorarbeit ist bereits gelaufen. Sie bestand darin zu klären, wann, welche Daten wie von der Agentur Ravensburg, die bislang zuständig ist, auf Ulm überspielt werden. Der Kunde soll davon nichts merken - außer, dass sich der Briefkopf ändert. Die Umstellung betrifft lediglich Vorgänge im Hintergrund. Die Biberacher Geschäftsstelle bleibt, auch deren Leiter und die Mitarbeiter. Jeder macht dort künftig das Gleiche wie bisher.

Wo wollen Sie - sobald Sie mehr Luft haben - eigene Schwerpunkte setzen?

RASMUSSEN: Netzwerke sind für mich das Erfolgsrezept. So wie ich - der Krise geschuldet in einer konzertierten Aktion - mit Partnern aus der Wirtschaft Kontakte aufgebaut habe, so habe ich das auch mit den Hochschulen, der Bundeswehr und anderen Arbeitsmarktpartnern vor.

Ihre Bilanz nach 100 Tagen: Was hätte besser laufen können?

RASMUSSEN: Meine eigenen Mitarbeiter kennen zu lernen, kam etwas zu kurz. Zeitlich habe ich es einfach noch nicht geschafft, alle Abteilungen und Teams zu besuchen. Dabei ist mir das sehr wichtig. Als Mitarbeiter darf man erwarten, dass der Chef nach einem schaut.

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