Jubiläum 100 Jahre Frauenwahlrecht in Ulm

Ulm / Verena Schühly 19.01.2019
Ein Blick auf die Protagonistinnen und die Widrigkeiten, die zu überwinden waren. Es ging auch um Bildung für Mädchen.

Suffragetten ist die Bezeichnung für Frauenrechtlerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts in England und den USA, die das Wahlrecht forderten und ihrem Anliegen durch radikale Aktionen Nachdruck verliehen. „In Ulm gab es zwar keinen Krawall: Es flogen keine Steine, niemand hat sich vor eine Kutsche geworfen. Dennoch hat die Frauenbewegung auch hier – in der Provinz – früh angefangen und wurde über Jahre in den bürgerlich-konservativen Kreisen auf breiter Basis diskutiert“, sagt Dr. Marie-Kristin Hauke.

Einsatz für Reformen

Die ersten Forderungen nach dem Frauenstimmrecht wurden in Deutschland in der Revolution 1848 laut. Doch es dauerte, ehe das Thema in den 1890er Jahren auf breiter Front in Schwung kam. 1895 gründete sich in Ulm der Lesekreis Frauenwohl. Diese Gruppe ordnet Hauke dem radikalen Flügel der Frauenbewegung zu.

Der größere gemäßigte Teil der Bewegung legte den Fokus auf Reformen wie Schul- und Berufsausbildung für Mädchen und Frauen, damit sie ihren Lebensunterhalt verdienen können. Das sollte der Prostitution entgegenwirken. Weitere Forderungen bezogen sich auf ein bürgerliches Gesetzbuch, um verheiratete Frauen aus ihrer Unmündigkeit zu befreien. Und der kleinere radikalere Flügel hatte sich eben auch das Wahlrecht für Frauen auf die Fahnen geschrieben.

Der Lesekreis Frauenwohl traf sich nach den Recherchen der Historikerin, um die 14-tägig erscheinende Zeitschrift „Die Frauenbewegung“ zu studieren und zu debattieren. „Das gab Stoff für heiße Diskussionen.“ Aus dem Kreis, dem anfangs rund zwei Dutzend Frauen aus Ulm und Neu-Ulm angehörten, wurden immer wieder Petitionen an die Ländervertretungen und den Reichstag formuliert. „Auch wenn sie für ihre Lobbyarbeit gnadenlos ausgelacht wurden“, beschreibt Marie-Kristin Hauke die Ablehnung, auf die die Frauen stießen.

Die ersten Abiturientinnen in Ulm

Vorsitzende des Lesekreises war Bertha Laupheimer-Gutermann (1860 bis 1932). Die Mutter von sechs Kindern und Frau des jüdischen Tuchhändlers und Bankiers Alexander Laupheimer „wollte unbedingt, dass ihre jüngste Tochter Gertrud aufs Gymnasium gehen kann“, berichtet Hauke. Über Kontakte kam sie zu einer Audienz beim württembergischen König und erwirkte tatsächlich eine Sondergenehmigung. Ab 1903 durfte Gertrud das humanistische Gymnasium besuchen, zehn Jahre später machte sie ihr Abitur und später Karriere als Agrarwissenschaftlerin, bis die Nazis sie kaltstellten.

„Die zweite Ulmer Abiturientin war ein Jahr später übrigens Hertha Einstein, eine entfernte Verwandte Albert Einsteins“, flicht Hauke als kleinen Exkurs ein. Sie ging nach Berlin, wurde Ärztin und musste in die USA auswandern. Nach ihrer Heirat hieß sie Nathorff, und in Erinnerung an sie trägt das Gleichstellungsprogramm der Uni Ulm ihren Namen.

Gemäßigter Flügel der Frauenbewegung

Als Ausdruck des gemäßigten Flügels der Frauenbewegung gründete sich 1904 in Ulm der Verein Frauenbildung-Frauenstudium, aus dem später der Frauenring wurde. „Innerhalb von zehn Jahren hatte dieser Verein so viel Zulauf, dass er 530 Mitglieder zählte und der größte Ortsverein im Deutschen Reich war“, erklärt Hauke. Deshalb wurde auch die Generalversammlung 1914 in Ulm abgehalten.

Als Vorsitzende dieses Vereins fungierte Herta Hellmann (1861 bis 1920). Sie war Jüdin und verheiratet mit dem Bankier Salomon Hellmann. Laut Marie-Kristin Hauke hat Herta Hellmann auch großzügig wohltätige Vereine unterstützt und war eine Förderin des Literatur- und Kulturlebens in Ulm.

Die Frauenbewegung gewann überall im Reich an Einfluss, und im Bildungsbereich griffen die Reformen. 1907 wurde in Ulm überdies der Ortsverein für Frauenstimmrecht aus der Taufe gehoben. Im Jahr 1914 schien auf die Einführung des Frauenwahlrechts zum Greifen nah – aber dann begann der Erste Weltkrieg, und andere Dinge standen im Vordergrund.

Herta Hellmann engagierte sich beispielsweise in der Bahnhofshilfe. Diese Gruppe hat im Laufe des Kriegs über 100.000 durchreisende Soldaten versorgt. Die rührige Frau wurde dafür mehrfach mit Verdienstorden ausgezeichnet, hat Hauke im Stadtarchiv nachgelesen.

1918 war der Weg geebnet

Nach Kriegsende wurde dann endgültig der Weg geebnet, im November 1918 wurde das Frauenwahlrecht eingeführt. 1919 durften 19 Millionen Frauen in Deutschland zum ersten Mal ihre Stimmen abgeben und Kandidatinnen aufstellen: am 12. Januar zur Wahl der württembergischen Landesversammlung, am 19. Januar zur Nationalversammlung und im Mai 1919 zur Kommunalwahl. „In der Nationalversammlung lag die Frauenquote damals bei 9,6 Prozent – dieser Wert wurde im Bundestag erst 1983 wieder erreicht“, sagt Hauke angesichts der anfänglichen Begeisterung, die allerdings rasch wieder abflachte.

Bei der Wahl zum ersten Ulmer Gemeinderat gab es 28 weibliche Kandidaten, von denen zwei gewählt wurden: Emmy Wechßler und Katharine Lutz. Als Lutz 1921 aus Ulm wegzog, rückte Agnes Schultheiß ins Gremium nach.

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Vortrag über die frühe Frauenbewegung in Ulm

Lokalbezug Die Historikerin Dr. Marie-Kristin Hauke spricht am Mittwoch, 23. Januar, um 19.30 Uhr im Lichthof des Ulmer Museums über „Suffragetten in Ulm?!“ und die frühe Frauenbewegung in den 1880er Jahren bis zum Ende der Weimarer Republik 1933. Das Wort „suffrage“ bedeutet im Englischen und Französischen: Wahlrecht. Veranstalter ist der Verein für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben. Der Eintritt ist frei.

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