Genau genommen war es Liebe auf den zweiten Blick. Als Oliver Neate das erste Mal ein Lied von Neil Young hörte, war er noch ein Kind und Neils Stimme schallte aus den Boxen seines Vaters. Die erste Begegnung hinterließ keine tiefen Spuren, keine Erinnerung, kein musikalisches Erwachen. Doch wie das manchmal so ist, kam die Liebe zur Musik des kanadischen Sängers nach der Pubertät dafür umso heftiger. Zwölf Jahre hält sie schon und ist so stark, dass Oliver und seine Frau Andrea nun mehr als 10.000 Kilometer gereist sind, um das Konzert auf dem Münsterplatz zu sehen.

Eine Stunde vor Konzertbeginn sitzen er, im schwarzen Neil-Young-T-Shirt mit weißen Ärmeln, und seine Frau auf einer Bierbank am Marktplatz und tun das, was Touristen bei ihrem ersten Deutschland-Aufenthalt nun mal tun: Würste essen, deutsches Bier trinken, sich über die Jagdhorn-Spieler in der Innenstadt freuen. Das gefällt den beiden, alles ist so, wie sie es sich immer vorgestellt haben.

"Ohne Neil Young wären wir wahrscheinlich niemals hierher gekommen", sagt Andrea. Als die Einladung ihrer Freunde zu deren Hochzeit in Verona kam, sagten sie schließlich erstmal ab. "Nein, das können wir uns nicht leisten", hatten sie damals gesagt. "Wir haben doch selbst gerade erst geheiratet." Dann hat Oliver entdeckt, dass Neil Young & the Crazy Horse auf Europatour ist. Das hat alles verändert.

Seit zwölf Jahren versucht Oliver auf ein Konzert von Neil Young mit - und das ist ganz wichtig - seiner Band "The Crazy Horse" zu gehen. "Das ist nochmal ganz anders als Neil alleine", sagt Oliver, "etwas roher, etwas elektronischer, nochmal stärker." 2002 spielte die Kombo in Melbourne - da war Oliver gerade in Südamerika. Im vergangenen Jahr spielten sie dann sogar in Adelaide - allerdings an dem Tag, an dem Oliver und Andrea heirateten. "Dass ich nicht trotzdem zu dem Konzert gegangen bin, ist ein reiner Akt der Liebe gewesen, und sicher kein einfacher", sagt Oliver.

Als sich nun also die Gelegenheit bot, Neil Young mit "The Crazy Horse" zu sehen, als Oliver auf Bilder vom Münsterplatz und der imposanten Kulisse gestoßen ist, konnte er nicht lange widerstehen. "Er hat erst das Konzertticket gekauft und dann den Flug gebucht", sagt Andrea. Auf der Hochzeit ihrer Freunde waren sie die einzigen, die nicht nach Paris, Rom oder Venedig, sondern nach Ulm gefahren sind. Doch sie bereuen nichts. Auch nach dem Konzert. Wir haben sie gefragt, warum:

Ein Expertenurteil bitte - Auf einer Skala von eins bis zehn, wie war das Konzert?

OLIVER: Sieben. Neil war toll, aber ich hatte das Gefühl, das Publikum ist erst mitgegangen, als er solo auf der Akkustikgitarre gespielt hat. Die ersten fünf, sechs Songs hat er mit Crazy Horse gespielt und Unglaubliches geleistet. Das Publikum war in dieser ersten Hälfte aber noch sehr zurückhaltend. Als er dann seine Gitarren und seine Mundharmonika ausgepackte, haben plötzlich alle Anteil am Konzert genommen. Deshalb - 7 von 10 Punkten, weil sie das Publikum von Anfang an besser hätten mitnehmen müssen.

Du hast zehn Jahre auf dieses Konzert gewartet: War es das wert?

OLIVER: Ja, definitiv. Neil Young zusammen mit Crazy Horse zu sehen, vor allem mit Poncho Sampedro und jetzt hier mit Rick Rosas, das ist wirklich ein ganz besonderer Sound, völlig anders als Neil Young alleine. Sie haben fantastische Songs gespielt. "Going Home" und "Living with War" zum Beispiel, zwei Songs, die sie sonst eher selten spielen und die mich heute umgeworfen haben. Es war wahnsinnig gut.

ANDREA: Die Atmosphäre war wirklich gut. Wie gesagt - am Anfang ging es eher ruhig zu, doch im Laufe des Konzerts sind alle warm geworden, das war wirklich gut. Und das Münster neben der Bühne zu haben, war toll. Man konnte sich von der Musik mitreißen lassen und dann diesen riesigen Turm hinaufschauen. Das war toll. 

OLIVER: Das ist eines dieser Dinge, die Du nirgendwo sonst auf der Welt findest. 

Hand auf's Herz - ihr könntet nun auch in Paris sein und dort eure erste Europareise verbringen. Bereut ihr eure Entscheidung nicht ein bisschen?

ANDREA: Niemals. In Paris ist jeder und ohne das Konzert wären wir niemals nach Ulm gekommen. Wir haben eine tolle Zeit.

OLIVER: Auch ohne das Konzert hätten wir es toll gefunden. Vor dem Konzert haben wir traditionelle deutsche Musik gehört und überall gibt es deutsches Bier und deutsche Würste. So albern das klingt: In Australien leben wir in einer multikulturellen Gesellschaft, die all diese Brauchtümer nicht hat. Wenn wir nach Deutschland reisen, wollen wir ja genau das sehen. 

Habt ihr Unterschiede zwischen dem Publikum in Australien und dem in Deutschland feststellen können?

OLIVER: Es hat mir auch gefallen, dass man hier Menschen aus allen Altersgruppen getroffen hat. Doch das ist vielleicht auch etwas, das Neil Young ausmacht. Seine Musik trifft den Nerv in allen Generationen. Mein Vater ist über 60 und er liebt Neil Young, mein Bruder ist 20 und liebt ihn auch. Ich selbst höre Neils Musik, seit ich 18 bin.
In Australien tendieren die Leute dazu, ihre Smartphones in die Höhe zu halten und das Konzert aufzunehmen, anstatt es anzuschauen. Das war hier anders. Doch im Grunde ist die Atmosphäre sehr ähnlich.

ANDREA: Das stimmt. Aber mir ist aufgefallen, dass man in Australien viel häufiger betrunkene Gäste trifft. Hier waren die Leute viel entspannter und haben sich auf die Musik konzentriert.