Ulm 10 Minuten . . . beim Open-Air-Tango in der Ulmer Stadtmitte

An Sommerabenden wird der Münsterplatz zur Tango-Tanzfläche. Foto: Dave Stonies
An Sommerabenden wird der Münsterplatz zur Tango-Tanzfläche. Foto: Dave Stonies
Ulm / VERENA SCHÜHLY 17.08.2013
Am Münsterplatz klingt an diesem Abend keine Orgelmusik aus der Kirche heraus. Statt dessen schweben melancholische Klänge über die freie Fläche: sehnsuchtsvolle Bandoneonmelodien und Lieder, deren Texte von verlorener Heimat, unerfüllter oder trauriger Liebe handeln.

Am Münsterplatz klingt an diesem Abend keine Orgelmusik aus der Kirche heraus. Statt dessen schweben melancholische Klänge über die freie Fläche: sehnsuchtsvolle Bandoneonmelodien und Lieder, deren Texte von verlorener Heimat, unerfüllter oder trauriger Liebe handeln. In Zeiten, in denen sich die Menschen an glasklare digitale Tonaufnahmen gewöhnt haben, wirkt das Rauschen der alten Aufnahmen von Tango-Orchestern aus den 30er oder 40er Jahren herrlich nostalgisch. Wie ein Schwarz-Weiß-Filmklassiker im Vergleich zu einem 3D-Action-Spektakel.

Seit nunmehr vier Jahren veranstaltet der Ulmer Verein Donautango jedes Jahr im August auf dem Münsterplatz Abende, an denen Open Air Tango Argentino getanzt wird. Am Donnerstag war der dritte und letzte für 2013. Unter den Schirmen des Stadthaus-Cafés steht die Musikanlage, dort sammeln sich auch die Tänzerinnen und Tänzer.

Für diejenigen, die zum ersten Mal dabei sind, ist es eine ungewohnte Situation - vor Publikum zu tanzen und sich damit einer Art öffentlicher Beurteilung auszusetzen. Ihr Tanzstil wirkt eher verhalten, bis sie ihre Sicherheit zurückgewonnen haben. Andere lassen sich durch die Zuschauer, die sich in einem lockeren Ring um die Tangueras und Tangueros aufstellen, anspornen und bauen artistisch-spektakuläre Figuren ein. Dann fliegen Beine oder beide Partner verharren in fotogenen Posen. Zur Belohnung werden Fotoapparate und Handys gezückt, um das Geschehen festzuhalten. Immer mal wieder gibt es auch Applaus.

Volker Banzhaf, der seit vielen Jahren zur Ulmer Tango-Szene gehört, nimmt das Publikum kaum wahr. Es ist für ihn nicht wichtig. "Ich tanze unheimlich gern draußen, weil man endlich mal viel Platz hat." In den Milongas, wie Tango-Veranstaltungen genannt werden, geht es meist eng zu, weil die Tanzflächen klein sind. Aber an diesem Abend verteilen sich gut zwei Dutzend Paare locker auf dem Münsterplatz, auf dessen Granitbelag es sich gut tanzen lässt.

Außerdem hat das Tanzen unter freiem Himmel den Vorteil: "Man schwitzt nicht so", verrät Banzhaf. Der laue Wind fühlt sich auf der Haut schön an und kühlt zugleich.

Das Besondere beim Tango Argentino ist - im Vergleich zu Standardtänzen -, dass es keine festen Figurenfolgen gibt, sondern dass sich alles frei kombinieren lässt. Jeder Tanz ist eine neue Improvisation der beiden Partner, die Verständigung geschieht ohne Worte über Führungsgesten.

Das Weinfest am südlichen Münsterplatz beschert den Tänzern zusätzliches Publikum, die auf dem Weg von oder zu ihrem Abend-Viertele neugierig stehen bleiben und zuschauen. Manche tun das erstaunlich lang. "Ich lasse mich inspirieren", sagt ein Mittdreißiger. Wozu? "Ich bin begeisterter Salsa- und Bachata-Tänzer und will unbedingt auch mit Tango anfangen." Warum schaut er so genau? "Ich versuche herauszufinden, warum das bei manchen gut aussieht und bei manchen nicht. Bei den einen ist es abgehackt und bricht immer wieder ab; die anderen schaffen es, dass es eine fließende Bewegung ist." Möglicherweise ist es die Haltung oder die Schrittlänge? Sicher ist er noch nicht und fährt mit seiner kritischen Begutachtung fort.

Ein paar Meter weiter sieht ein etwa 60-Jähriger den Tänzern eher versonnen zu. Er hat keine eigenen Tanz-Ambitionen, war aber neugierig, weil es immer heißt: Tango ist erotisch. Das findet er auf dem Münsterplatz allerdings nicht: "Es ist eher so, dass die Tanzpaare ineinander versunken sind. Aber das ist auch schön."

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