Nahverkehr Zug der Zukunft

Daniel Grupp 05.02.2019

Die S-Bahn in der Region Stuttgart soll im nächsten Jahrzehnt in eine neue Dimension vorstoßen. Das Bundesverkehrsministerium möchte in der Region Stuttgart ein Pilotprojekt zur Digitalisierung im Nahverkehr verwirklichen: Im künftigen Bahnknoten Stuttgart sollen mit Zukunftstechnik ausgestattete Züge schneller und in dichterer Folge fahren. Mit dem ETCS (European Train Control System) kann die S-Bahn den Anstieg der Fahrgastzahlen besser verkraften. Zudem soll sie  pünktlicher werden.

Der Zeitplan für die S-Bahn der Zukunft reicht bis ins Jahr 2032. Bis dahin hat der Verband Region Stuttgart (VRS) den Verkehrsvertrag mit der DB Regio verlängert, der sonst 2028 geendet hätte. Der VRS wollte vermeiden, dass während der Einführung des ETCS der S-Bahnbetrieb ausgeschrieben werden muss. Dank der Verlängerung reiche es, die Ausschreibung 2026 zu starten. Bis dahin wird ETCS eingeführt sein, wenn Stuttgart 21 tatsächlich 2025 in Betrieb geht.

Das Kontrollsystem ETCS soll zusammen mit Digitalen Stellwerken (DSTW) und teilautomatisiertem Fahren (ATO) die S-Bahn-Leistung um 20 Prozent steigern. Bei analoger Leittechnik müssen S-Bahnen einen Sicherheitsabstand von 800 Meter halten, mit ETCS kann dieser auf 300 Meter verkürzt werden. Züge können daher in dichterer Folge fahren, auch auf der Stammstrecke zwischen den Stationen Mittnachtstraße und Schwabstraße, die der Engpass des Netzes ist. Im ersten Bauabschnitt soll das Netz rund um die Stammstrecke zwischen Nordbahnhof, Bad Cannstatt, Vaihingen und Filderstadt digitalisiert werden.

Der Regionalverband möchte die neue Kapazität nutzen und  mehr Langzüge einsetzen. Zudem sollen die Linien S 4, S 5 oder S 6 über die bisherige Endhaltestelle Schwabstraße hinaus nach Vaihingen und Böblingen fahren. Auf der Linie S 6 soll eine zusätzliche halbstündige S-Bahn fahren. Zudem wird im gesamten Netz ein 15-Minuten-Takt angestrebt. Erwogen wird auch, die S-Bahn nach Nürtingen zu führen. Der Frühzug zum Flughafen und die Ausweitung des S-Bahn-Verkehrs abends unter der Woche stehen ebenfalls an.

Die Erhöhung der Leistung um eine Million Kilometer im Jahr erfordert zusätzliche Triebzüge: 58 neue Fahrzeuge wird die S-Bahn bis Ende 2022 erhalten. Ein Langzug besteht aus drei, ein Normalzug aus zwei Triebzügen. Ein Zug fasst rund 500 Fahrgäste.

Der Kauf der Züge kostet 428 Millionen Euro. Das Land steuert 106 Millionen Euro für den Kauf der Fahrzeuge bei. Für die Verbesserung der Infrastruktur an den Bahnhöfen und für die Umsetzung des Luftreinhalteplans gibt es weitere Zuschüsse. Insgesamt stellt das Land bis 2031 etwa 330 Millionen Euro in Aussicht. Der Bund und die  Bahn werden zudem die Digitalisierung der Strecke und einen Teil der ETCS-Technik in den Zügen finanzieren. Für Stuttgart und die VVS-Landkreise wird zur Finanzierung die Verkehrsumlage von 2021 bis 2031 um bis zu zwölf Millionen Euro im Jahr steigen.

Die große Wendlinger Kurve soll einmal eine S-Bahn-Verbindung zwischen den Fildern und dem Neckartal ermöglichen. Auch die beabsichtigte Anbindung von Nürtingen hängt damit zusammen. Deswegen beteiligt sich die Region Stuttgart mit  12,5 Millionen Euro am Bau der Kurve, die mit der neuen Schnellbahnstrecke nach Ulm verknüpft wird.

Die Regionalversammlung hat die Digitalisierung der S-Bahn ohne Gegenstimme beschlossen. Dennoch waren die Reden kontrovers, vom Wahlkampf geprägt. Rainer Ganske (CDU) sprach von „einer der wichtigsten Zukunftsentscheidungen“ für die Mobilität. „Eine zweite Stammstrecke ist nicht realistisch, daher gilt es, das Netz intelligent zu nutzen.“ Er nannte Winfried Hermann (Grüne) einen „Stauminister“. Eine Nahverkehrsabgabe lehnt er ab. Erst müsse die Qualität der S-Bahn stimmen. Eva Mannhardt (Grüne) sprach von der „Chance, eine großangelegte Kapazitätserweiterung anzuschieben und grüne S-Bahn-Träume wahr werden zu lassen“. Sie nahm Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ins Visier: Die „vage Zusage“ des Bundes, sich zu beteiligen, nannte sie ein „schmerzhaftes Risiko“. Auch Michael Makurath (SPD) sah ein Risiko für die Region, da eine halbe Milliarde Euro investiert werden soll, ohne dass ein Förderbescheid vorliege. „Der Pakt beruht auf Vertrauen“, meinte Bernhard Maier (Freie Wähler). Aufgaben des Bundes und des Landes dürften nicht zu Lasten des kommunalen Lagers verschoben werden, warnte er. Ingo Mörl (Linke) beklagte Versäumnisse der Politik, die sich vor allem um den Straßenverkehr gekümmert habe. FDP-Sprecher Armin Serwani will die Tarifstruktur zu einem Drei-Zonen-Modell vereinfachen. Er fordert den Bau einer zweiten S-Bahn-Stammstrecke wie in München.

Lokführer bleibt an Bord

Die neue Technik Automatic Train Operation der zweiten Generation sieht auch teilautomatisiertes Fahren vor. Der Lokführer wird aber weiterhin an Bord sein und kann zur Not jederzeit eingreifen.

Die DB Regio rüstet alle S-Bahnen mit der Digitaltechnik aus. Falls 2032 ein anderer Betreiber den Zuschlag für die S-Bahn erhält, gleicht die Bahn den Restbuchwert aus. Die Region kann aber auch die Züge übernehmen und dem neuen Betreiber zur Verfügung stellen.

Die Erlöse aus den Verkehrsverbesserungen gehen mit dem neuen Vertrag an die Region Stuttgart. dgr

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