Kultur Wo Wölfe sprechen können

Stimmungsvolles Ambiente: Ulrike Schall erzählt Märchen am Haus des Waldes in Stuttgart-Degerloch.  Foto: Ferdinando Iannone
Stimmungsvolles Ambiente: Ulrike Schall erzählt Märchen am Haus des Waldes in Stuttgart-Degerloch. Foto: Ferdinando Iannone © Foto: Foto: Ferdinando Iannone
Barbara Wollny 07.11.2016

Rotkäppchen, Schneewittchen oder Frau Holle – in diesen Geschichten passieren Wunder, über die sich im Märchen aber niemand wundert. Wo sprechen Wölfe oder Apfelbäume, verwünschen böse Feen brave Prinzessinnen oder schneit es, wenn die Betten aufgeschüttelt werden? Diesen Zaubermärchen gilt die besondere Vorliebe der Stuttgarter Märchenexperten und -fans, die ihren Verein 1989 gegründet haben.

„Man kann Märchen  – je nach dem eigenen Erfahrungshintergrund – einfach als spannende Geschichte oder aber psychologisch als Entwicklungsgeschichte hören. In den Märchen offenbart sich die Seele der Menschen“, sagt Karin Neef aus Baltmannsweiler, Vorsitzende des Märchenkreises. Bereits ab drei oder vier Jahren könnten Kinder Märchen hören, wie zum Beispiel die kurze Geschichte vom „Süßen Brei“.

Neef hat ihren Kindern immer gerne vorgelesen und dann gemerkt, dass es etwas anderes ist, frei zu erzählen. Durch Besuche der im Frühjahr stattfindenden Fortbildungsreihe des Märchenkreises hat sie die Kunst des Erzählens geübt und weiter entwickelt. „Sprache ist wie Gesang. Und man muss viele Fähigkeiten in sich entwickeln. Es braucht Zeit, bis man sich eine neue Geschichte erarbeitet, und man kann nur das erzählen, was für einen selbst passt“. Erzähler mit langer Erfahrung verfügen dennoch meist über ein Repertoire von einigen Dutzend Geschichten. Märchentante oder -onkel wollen die 80 Mitglieder des Märchenkreises nicht genannt werden. Sie sind Erzähler. Erzählen sei die vielleicht älteste Kunst der Welt. Dabei verbinden sich Erzähler und Zuhörer durch das Wort und die Bilder, die durch sie hervorgerufen werden.

Bei diesem freien Erzählen müsse der Erzähler seine Geschichte genau kennen und im richtigen Moment die passenden Worte finden. Zum Repertoire zählen klassische Märchen, Sagen, Schwänke, Mythen. Erzählt wird in Museen, Schulen, Kindergärten, Altersheimen und öffentlichen Orten. Dabei kann man oft die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören – so spannend kann ein Märchenabend sein. Da sage keiner mehr „Erzähl mir doch kein Märchen“. Barbara Wollny