Stuttgart Wie ein syrischer Fußballstar zum Flüchtling wurde

Schaut heute beim Fußball hauptsächlich zu: Hussein Dib.
Schaut heute beim Fußball hauptsächlich zu: Hussein Dib. © Foto: Caroline Holowiecki
Stuttgart / Caroline Holowiecki 22.06.2018

Die Namen hat Hussein Dib teils nicht im Kopf. Aber wozu gibt’s Google? Er zeigt ein Bild von Leroy Sané auf dem Handy. Jenem Fußballer, den Jogi Löw kurz vor der WM aussortiert hat. Für Hussein Dib ist die Entscheidung nicht nachvollziehbar. Sein Urteil über das jetzige Nationalteam: entmutigend. „Die Spieler im Mittelfeld sind zu alt.“

Wie kommt er, ein Syrer, zu diesem Urteil? Der Mann mit den dunklen Sportklamotten und dem Dreitagebart hat eine Profi-Karriere hinter sich. In seiner Heimat war er einst ein Star. Als Nationalspieler war er in den 80ern und 90ern mehrfach zum Spieler des Jahres gekürt worden. „Ich war einige Jahre die Nummer eins“, erinnert er sich. Am syrischen Fußball-Himmel verewigte sich der Kicker mit der Nummer elf endgültig 1987, als sein Team im Finale der Mittelmeerspiele zu Hause den Favoriten Frankreich schlug. Nach seiner aktiven Zeit baute er eine Akademie für junge Fußballtalente auf, arbeitete als Co-Trainer für die syrische Nationalmannschaft.

Heute, mit 54, sind der Ruhm und das Haus, das in den 80ern jeder Nationalspieler von Hafiz al-Assad, dem Vater des heutigen Staatschefs Baschar al-Assad, erhalten hatte, bloße Erinnerungen. Hussein Dib wagte 2013 mit seinen zwei ältesten Kindern im Schleuserboot die Fahrt übers Mittelmeer. Zehn traumatische Tage mit 240 Menschen an Bord. „Das kann man nie vergessen“, sagt er, mehr nicht. Tochter Diana (25) studiert heute BWL. Sohn Ali (23) betreut Hussein Dib daheim, er hat das Down-Syndrom. Seine Frau und die beiden anderen Söhne (21, 10) folgten 2016 nach Stuttgart. Alle lernen Deutsch, das Familienoberhaupt tut sich schwer. Eine Zeitlang hat er ein Flüchtlingsteam im Ortsteil Heumaden gecoacht. Für einen Vereinsjob müsste sein Deutsch besser sein.

Bis dahin bleibt ihm nichts anderes, als die WM-Spiele vom Fernsehsessel aus zu beurteilen. „Ich wünsche den Deutschen, dass sie gewinnen, aber es wird schwer“, sagt er. Gegen Brasilien, Argentinien, Frankreich und Spanien könnten sie sich schwertun. Aber, meint Hussein Dib lächelnd: Auch ein Ex-Profi könne sich irren.

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