Stadtentwicklung Werben für die autofreie Innenstadt

Sieht für Stuttgart auch Potenzial, sich zu einem Film- und Medienzentrum zu entwickeln: OB Fritz Kuhn.
Sieht für Stuttgart auch Potenzial, sich zu einem Film- und Medienzentrum zu entwickeln: OB Fritz Kuhn. © Foto: Dominique Leibbrand
Stuttgart / Dominique Leibbrand 18.05.2017

Eine Autolawine rollt über die B 14, Stuttgarts meist befahrene Straße. Dazu ertönt das imposante Hauptthema aus dem Musical „Phantom der Oper“. Die überspitzte Dramatik eines Werbefilms, die schmunzeln lässt, aber natürlich einen ernsten Kern hat. Schließlich drohen der Landeshaupt wegen ihrer schlechten Luftwerte ab 2018 Fahrverbote. Ein Wecker klingelt, dann taucht die Frage auf: „Was nun, Herr Kuhn?“

Unter dieses Motto hatte die Initiative „Aufbruch Stuttgart“ am Dienstag einen Gesprächsabend im Hospitalhof mit Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne) gestellt, bei dem es um die Zukunft der Stadt gehen sollte. Erst vor einigen Monaten hat sich der Verein gegründet, der es sich, von den kulturellen Eliten der Stadt angeführt, zum Ziel gesetzt hat, Stuttgart schöner zu machen. Zu den Plänen gehört, eine Kulturmeile entlang der wichtigsten Museen zu schaffen. Genau dort, wo heute täglich 100 000 Autos unterwegs sind.

Ulrike Groos, Leiterin des Kunstmuseums, und SWR-Urgestein Wieland Backes moderierten das Gespräch mit Kuhn, „Aufbruch“-Mitglieder stellten ebenfalls Fragen, wobei sich offenbar vor allem TV-Profi Backes vorgenommen hatte, den Rathauschef nicht so leicht davonkommen zu lassen.  Der langjährige Nachtcafé-Moderator verwies auf den Erfolg seines Vereins, der bereits rund 500 Mitglieder zählt und mit seinen Ideen zur Umgestaltung in der Stadt einen Nerv getroffen hat: Rund 1000 Besucher wurden laut den Veranstaltern am Dienstagabend im Hospitalhof gezählt. Demgegenüber habe Kuhn Visionen bislang vermissen lassen, monierte Backes. Aus der Stadtverwaltung fehlten Signale, dass Stuttgart jetzt schöner werde.

Eine Kritik, die Kuhn freilich erwartet haben dürfte. Er ließ sich nicht foppen, setzte auf die Umarmungstaktik. „Aufbruch Stuttgart“ empfinde er nicht als Bedrohung, im Gegenteil: „Die Stadt braucht eine Bewegung aus der Bürgerschaft heraus.“ Der Verein habe „das visionäre Potenzial zur richtigen Zeit erkannt“. Mit einer solch tollen Initiative begebe er sich nicht in ein „Eifersuchtsverhältnis“.

„Ich bin nicht der Typ, der mit Leuchtturmprojekten wedelt, die dann nicht umgesetzt werden“, verteidigte sich der Rathauschef. Gleichwohl bestand er darauf, gerade im kulturellen Bereich schon viel erreicht zu haben: Die Villa Berg sei Immobilienheuschrecken entrissen worden, die Cranko-Schule bekomme einen Neubau, die Weichen für die Opernsanierung seien gelegt.

Auch an Ideen lässt er es nach eigenem Bekunden nicht vermissen, auch wenn Spötter unken, Kuhn sei erst mit der Gründung von „Aufbruch Stuttgart“ richtig in die Gänge gekommen. Jedenfalls setzt sich der 61-Jährige für ein neues Konzerthaus ein, das auf den durch Stuttgart 21 frei werdenden Gleisflächen entstehen soll. Im neuen Rosensteinviertel könnte laut dem OB auch ein Neubau fürs Lindenmuseum realisiert werden. Obendrein kann sich der Grüne vorstellen, Stuttgart zu einer Film- und Medienstadt weiterzuentwickeln mit einem eigenen Zentrum dafür.

Aus der Kulturmeile könnte sogar ein Kulturring zwischen dem Hauptbahnhof und dem Österreichischen Platz werden, auf dem man alle Einrichtungen zu Fuß ohne große Hindernisse erreichen könne – im Sommer soll sich ein Kolloquium dem Thema widmen. Um das zu realisieren, müsse der Verkehr zurückgedrängt werden: „Ich vertrete dezidiert die Meinung, dass die Innenstadt autofrei sein sollte“, wiederholte Kuhn eine jüngst formulierte Vision. Sie birgt Brisanz, vor allem wenn man bedenkt, dass Kuhns Parteikollege Winfried Hermann derzeit mit der Autoindustrie über Nachrüstungsmöglichkeiten für ältere Diesel verhandelt, um Fahrverbote abzuwenden. Autofahrer, so der OB, sollten nur noch direkt die Parkhäuser in der City ansteuern können. Die Autoindustrie wünscht er sich als Teil dieses Transformationsprozesses.

Um diese Vision umzusetzen, braucht es, so Kuhn, jedoch Zeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei mit „großem Hurra“ die autogerechte Stadt entwickelt worden. Das rückgängig zu machen, sei schwierig. In Kopenhagen etwa habe das 20 Jahre gedauert. „Doch wir haben keine 20 Jahre“, wie Kuhn selbst weiß.

Gleichwohl tue man schon viel, um den Autoverkehr zu verringern und zum Umstieg anzuregen –  vom Jobticket bis zu neuen Stadtbahn- und Buslinien. Fakt sei jedoch, dass diese Angebote nicht ausreichend angenommen würden, hielt Ulrike Groos dagegen. „Warum nicht?“, wollte sie wissen. Die 610 000 Stuttgarter seien nicht das Problem, so Kuhn, in der Metropolregion jedoch lebten 5,5 Millionen Menschen, die nach Stuttgart orientiert seien. Um die dadurch entstehenden Verkehrsmengen zu bewältigen, brauche es auch außerhalb der Stadt einen gewaltigen Ausbau des ÖPNV.

Voraussetzung für die Umsetzung von Kuhns Visionen ist die Fertigstellung von Stuttgart 21, auf die er drängt. Im Rosensteinviertel sollen nicht nur Kulturstätten entstehen, sondern auch neue Wohn-, Arbeits- und Mobilitätsformen. Kuhn will dort Teile der für 2027 geplanten Internationalen Bauausstellung realisieren, die neue Maßstäbe definieren soll. Auf Backes Nachfrage, ob man die Bagger an anderen Stellen in der Stadt nicht schon früher anfahren lassen könnte, sagte Kuhn, er könne nicht die ganze Innenstadt in eine Baustelle verwandeln. So manche Vision muss also noch warten. „Aufbruch Stuttgart“ will indes dafür sorgen, dass es nicht bei Visionen bleibt.

Gemeinderat geht in Klausur

2030 Der Stuttgarter Gemeinderat beschäftigt sich am Wochenende bei einer Klausurtagung mit der Stadt­entwicklung bis zum Jahr 2030. Im Vorfeld hat Fritz Kuhn ein Positionspapier mit dem Titel „Eine Vision für Stuttgart“ verfasst, in dem er Ideen für die Zukunft skizziert. Unter anderem wirbt er für einen urbaneren Städtebau. Die Stadt müsse „zum Verweilen einladen und nicht zum Durchrauschen“. Die Themen Verkehr, Wohnen und Kitaversorgung sind für Kuhn zudem ebenso so wichtig wie die Behauptung Stuttgarts als Kulturmetropole. dl

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