Stuttgart Wenn die Zeit einmal stehen bleiben darf

Lukas Streibl (links) und Paul Nickel wagten ein musikalisches 24-Stunden-Experiment.  
Lukas Streibl (links) und Paul Nickel wagten ein musikalisches 24-Stunden-Experiment.   © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / RAINER LANG 19.09.2016
840 Mal erklang das gleiche Motiv in der Stuttgarter St. Fidelius-Kirche: Drei Organisten spielten Erik Saties Werk „Vexations“ – ein spannendes Wagnis.

Sie sind zufällig vorbeigekommen. Losreißen konnten sie sich nur schwer. „Wir gehen nur, weil wir noch einkaufen wollen.“ Das ist im „Live-Protokollbuch“ nachzulesen, das in der Katholischen St. Fidelis-Kirche auslag. Drei Organisten spielten dort von Freitagabend bis Samstagabend abwechselnd 24 Stunden lang nonstop an drei Instrumenten. „Von anfänglichem Befremden bis zu Entspanntwerden und meditativem Zustand“, beschreibt eine Besucherin ihre Eindrücke nach 30 Minuten.

In der Reihe „KlangRaum Zeit“ des kirchenmusikalischen Zentrums St. Fidelis spielten die Organisten Eric Saties „Vexations“. Auf Deutsch heißt das Quälereien. Der Name des 1893 entstandenen Stückes hat durchaus seine Berechtigung. Ein Motiv, das etwa zwei Minuten in Anspruch nimmt, wird 840 Mal wiederholt.

Obwohl die Partitur nur aus einer Seite besteht, erfordert die atonale Musik mit Vorzeichen vor fast jeder Note höchste Konzentration und ist nur schwer auswendig zu spielen. Trotzdem war Paul Nickel, einer der drei Organisten, kurz vor Ende der Aufführung „erstaunlich entspannt“.

Das lag nicht nur daran, dass er nachts in der Kirche fünf Stunden schlafen konnte. Vielmehr überkam ihn „eine Art Wehmut, dass alles schon vorbei ist“, nachdem er das Motiv 269 Mal gespielt hatte. Der 21-Jährige Student der Kirchenmusik fühlte sich von den Tönen getragen. Ob damit eine Erfahrung von Ewigkeit verbunden ist, wie sich Initiator Tobias Wittmann gedacht hat, konnte sein früherer Orgelschüler Paul Nickel nicht sagen. „Ich musste mich zu sehr aufs Spielen konzentrieren“, erklärte er.

Für Regionalkantor Wittmann war die von einer Installation des Lichtkünstlers Kurt Laurenz Theinert begleitete Aufführung ein Zeit-Experiment und durchaus auch ein Wagnis. Der katholische Kirchenmusiker wollte sich so dem theologischen Begriff der Ewigkeit nähern. „Der Vergleich zum Rosenkranz liegt nahe, auch dabei erlebe ich scheinbar endlose Wiederholungen“, so der 33-Jährige. Schon zum Auftakt wurde für ihn „die Zeit spürbar“.

Wie empfanden es die Besucher? Für diese stand die Kirche 24 Stunden lang offen. Immer wieder kamen Interessierte herein. Einige blieben sogar die ganze Nacht. Die Zuhörer  machten es sich auf den bereitgestellten Liegestühlen und Sitzsäcken bequem, legten sich auf die Kirchenbänke oder umrundeten den Kirchenraum, während Tobias Wittmann, Paul Nickel und Lukas Streibl an zwei Orgeln und einem Harmonium abwechselnd spielten. Die Organisten blieben die ganze Zeit in der Kirche.

„Es ist gut, wenn die Zeit einmal stehen bleiben darf“, heißt es im Live-Protokollbuch bei Wiederholung 790. Dort ist auch die Rede von „einem großartigen Experiment“. Wie von Satie vorgegeben, wurde ganz langsam gespielt. Besonders nachts wurde das von den Besuchern laut Protokollbuch als „sehr eindrücklich und tiefgehend“ empfunden, wenn „Hören, Denken und Fühlen eins werden“.

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