Familien Wehe, wenn der Aufzug streikt

Im Bereich zwischen Stiftskirche und Marktplatz kommen die Eltern mit ihren Kinderwagen gut voran.
Im Bereich zwischen Stiftskirche und Marktplatz kommen die Eltern mit ihren Kinderwagen gut voran. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Von Tilman Baur 13.08.2018

An diesen Anblick musste man sich am Samstagnachmittag erst noch gewöhnen. Zwei Polizisten auf dem Motorrad bahnten sich ihren Weg durch die Innenstadt, sperrten Straßen ab, lotsten Autofahrer auf Umwege. Doch was folgte, war keine Gruppe Fahnen schwenkender, aufgeregter Demonstranten. Stattdessen flanierten 25 junge Menschen in aller Seelenruhe durch die Stadt und schoben ihre mit roten Luftballons geschmückten Kinderwagen vor sich her.

Bei der ersten Stuttgarter Kinderwagenkarawane handelte es sich aber nur scheinbar um einen sonnigen Samstagsspaziergang. Die von der 28-jährigen Hannah Schneider ins Leben gerufene Aktion hatte eine politische Dimension. Sie sollte ein Zeichen setzen für eine kinderfreundliche Stadt, allen voran für eine, die die Fortbewegung mit dem Kinderwagen nicht zu einer von Wut und Verzweiflung geprägten Odyssee macht.

So aber sieht der Ist-Zustand in vielen Teilen der Landeshauptstadt laut Demo-Teilnehmern aus. „Am schlimmsten ist es am Hauptbahnhof“, sagte der 25-jährige Dominik Schultheiß, Freund der Organisatorin und Vater des sechs Monate alten gemeinsamen Sohnes.

In der Arnulf-Klett-Passage werde man regelrecht genötigt, den Kinderwagen regelwidrig auf die Rolltreppe zu schieben, denn Aufzüge seien Mangelware, zu klein oder ständig außer Betrieb. Vieles liege in Stuttgart im Argen. Neben den baulichen Defiziten gebe es zu wenig gegenseitige Rücksichtnahme. Schließlich sei man mit Kind grundsätzlich in einer verwundbaren Position.

Das Paar hatte in sozialen Netzwerken und mit Flyern in Kinderarztpraxen für die Karawane geworben, deren Weg vom Rathaus aus über die Stiftstraße, die Kronprinzenstraße, den Rotebühlplatz und die Tübinger Straße bis zum Marienplatz führte. Die Veranstalter wählten also eine Strecke, die Eltern mit Kinderwagen wenig Probleme macht. Eine nicht unbedingt verständliche Entscheidung, denn die Orte, an denen es hakt, blieben so verborgen.

Doch es gibt sie: „Die Zahnradbahn ist besonders schlimm, die Haltestelle am Bopser ebenfalls“, sagte die 32-jährige Marieke Kühner, deren Kind ein halbes Jahr alt ist. Dort komme man ohne fremde Hilfe nicht einmal in die Bahn – die Zahnradbahn etwa hat keine Rampe. „Wenn man ein Kind hat, bekommt man einen neuen Einblick in diese Dinge“, so Kühner. Vor allem kaputte Aufzüge seien ein Problem. „Eine Freundin in Kaltental konnte deshalb wochenlang nicht Stadtbahn fahren.“

Obwohl sie die SSB auf den Schaden hingewiesen habe, sei lange gar nichts passiert. Kühner selbst ist von den Verhältnissen am Hauptbahnhof besonders schockiert: „Man steigt in einen Aufzug, weiß aber gar nicht, wo man eigentlich rauskommt.“

Eine schnellere Reparatur kaputter Aufzüge fordert auch die 25-jährige Sarah Brandes. „Man muss auch an die Rollstuhlfahrer denken. Einen Kinderwagen kann man zur Not noch tragen, aber Rollstuhlfahrer sind aufgeschmissen, wenn ein Aufzug ausfällt.“

Für Sibi und Agi Polinski beschränkt sich die Kinderfeindlichkeit der Stadt längst nicht auf die Kinderwagen. Ihre Tochter Anna ist vor drei Monaten zur Welt gekommen. „Die Stadt ist auf junge Produktmanager ausgerichtet“, sagt der 46-jährige Agi. „Der ÖPNV ist familienfeindlich, Aufzüge sind kaputt, viele Bordsteine in einem desolaten Zustand, es gibt keine Kita-Plätze, keine Hebammen“, zählt Agi auf. Ein kaputter Aufzug am Charlottenplatz reiche, um eine ausweglose Situation zu erzeugen.

Seine Frau pflichtet ihm bei: „Mit Kinderwagen und Rollstuhl muss man ständig Umwege laufen“, so die 35-jährige Sibi Polinski, die auch die Einstellung der Mitmenschen bemängelt. „Den Busfahrern muss man immer extra sagen, dass man die Rampe braucht“, so Sibi, allein würden diese nicht darauf kommen. „Die Stadt ist perfekt auf Menschen ausgerichtet, die auf zwei Beinen laufen“, fasst sie ihre Position zusammen, für alle anderen sei es schwer.

Obwohl die Stadt sich als kinderfreundlich bezeichnet, wird sie in den kommenden Jahren vermutlich nachbessern müssen. Der Babyboom in Stuttgart hält an – 2016 war der geburtenstärkste Jahrgang seit fast 50 Jahren – und die Unzufriedenheit der jungen Eltern mit der Situation dürfte nicht abnehmen.

Infokasten
Stillstand „bis auf Weiteres“

Die Barrierefreiheit bezeichnet die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) als „wichtiges Thema und Ziel“. Busse sind mit Klapprampen ausgestattet, Bushaltestellen mit 18 Zentimeter hohen Spezialbordsteinen. Für Rollstuhlfahrer gibt es eine spezielle Haltewunschtaste, für Kinderwagen zwei Stellplätze im Bus.

Defekte Aufzüge an S- und Stadtbahnhaltestellten sind weiterhin vor allem an zentralen Knotenpunkten ein Problem: Im Frühjahr war am Charlottenplatz ein Aufzug wochenlang außer Betrieb, derzeit fallen am Hauptbahnhof zwei Aufzüge „bis auf Weiteres“ aus. tjb

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