Luftreinhaltung Waschelefant kriecht durch die Nacht

Von Sonntagabend bis Freitagmorgen sind die Reinigungsfahrzeuge auf der B 14 unterwegs.
Von Sonntagabend bis Freitagmorgen sind die Reinigungsfahrzeuge auf der B 14 unterwegs. © Foto: swp
Caroline Holowiecki 26.10.2017
Die Nassreinigungen am Neckartor laufen wieder. Mehrmals pro Woche wird dem Feinstaub mit Hochdruck und Bürsten zuleibe gerückt.

Das ist sie also, die buchstäbliche Entdeckung der Langsamkeit. Um Schlag 22 Uhr nimmt Max Oberheiden Kurs auf die Bundesstraße 14, zieht auf die linke Spur und drosselt nach und nach das Tempo bis zum Stillstand. Von 50 auf null, während die anderen Autos vorbeibrausen. Rasch drückt der 25-Jährige einige der unzähligen Knöpfe, ein leises Brummen erklingt, und das Auto setzt sich im Schneckentempo in Bewegung. Die gemächlichste Kehrwoche Stuttgarts beginnt.

Es ist Phase zwei des großen Feinstaub-Putzversuchs rund um den Feinstaub-Hotspot Neckartor. Bis zum 15. April 2018 wird die Hauptverkehrsachse zwischen der Heinrich-Baumann-Straße und dem Hotel Le Méridien  von Sonntagabend bis Freitagmorgen gereinigt. Arbeitszeit: 22 bis 5 Uhr. Im Frühjahr war bereits in 27 Nächten gesäubert worden. Der Tenor von OB Fritz Kuhn (Grüne) danach: Es gebe Indizien, dass dies einen positiven Effekt auf die Feinstaub-Werte vor Ort habe. Für fundierte Ergebnisse sei der erste Projektzeitraum aber zu kurz gewesen. Jetzt will‘s die Stadt nochmal wissen und lässt sich dies rund 655 000 Euro kosten. Die Dekra wertet einmal mehr aus, sie kooperiert mit den Firmen Reuther aus Pleidelsheim und Oberheiden aus Neckarwest­heim.­

Bis zu 300 bar Druck

Diese schicken zwei gewaltige Reinigungsbrummer und ein kleines Fahrzeug im Wechsel ins Rennen. Während die bis zu 18 Tonnen schweren Riesenmobile mit 300 und 100 bar Druck den Asphalt abbrausen und die Dreckbrühe sofort wieder aufnehmen, ist das kleine Kärcher-Fahrzeug mit Bürsten und Wasser auf Gehwegen unterwegs. Ein Mäuschen gegen die orangefarbenen Wasch­elefanten, dafür aber flink und wendig. Nur 75 Zentimeter beträgt der Wenderadius, um Dolendeckel kann man so herumputzen.

Im Schneckentempo geht’s für die Putzkolonne voran. Das Hochdruck-Auto ist extra langsam. Nur 0,8 Kilometer schafft es in der Stunde. Das mit weniger Druck, ein Faun Viajet 8, das Max Oberheiden heute lenkt, ist dagegen mit drei bis vier Kilometern in der Stunde ein echter ICE. Die Kollegen mit dem blinkenden Prellbock hat er immer im Rücken.

Nach jeder Runde, für die es knapp eine Stunde braucht, müssen die 4300 Liter Schmutzwasser ausgeleert und durch frisches ersetzt werden. Zeit für eine Zigarette. Acht Kilometer müssen pro Einsatz Spur für Spur bearbeitet werden. Hoch, runter, hoch, runter. „Da fängt man an zu meditieren“, sagt Jürgen Bachmann, Dekra-Experte für Luftreinhaltung, der heute an Bord ist. Fahrer Max Oberheiden findet die Aufgabe derweil nicht langweilig, und auch an die Arbeitszeiten habe er sich bereits gewöhnt. „Man schläft tagsüber, wann man Zeit hat“, sagt er, ohne die Augen von der Straße zu nehmen. Fast wirkt es wie Hohn, dass hinter seinem Sitz, hinter einem Vorhang, ein Bett versteckt ist.

Großes Auto, filigrane Arbeit

Müde wirkt Oberheiden aber nicht, sein Blick tanzt zwischen den vier großen Seitenspiegeln und dem Monitor, der ein Kame­rabild vom Heck überträgt. Die ausgeklappten Sprühbalken stehen seitlich übers Fahrzeug hinaus. „Ich muss schauen, dass ich nirgends hängenbleibe.“ Das hat etwas von „Wetten dass“: großes Auto, filigrane Arbeit. Auch den Verkehr muss er stets beobachten. Zum Beispiel dann, wenn der Querverkehr mal wieder drängelt, weil die Kehrmaschine bei Rot den Kreuzungsbereich noch nicht verlassen hat. „Viele sehen es nicht ein, dass sie warten müssen“, sagt der Berufskraftfahrer.

Dennoch: Seinen Job etwa zwei Meter über der Straße findet er schön. „Ich steige jeden Tag gern ein. Ich bin der Meinung, das kann nicht jeder“, sagt er. Und er gesteht lächelnd: Zum Putzen hat er eine Affinität. „Ich bin auch daheim sehr sauber.“

Jürgen Bachmann schaut zufrieden über die B14, die pro Tag auf diesem Abschnitt 68 000 Fahrzeuge passieren. Der Belag sei nach nur wenigen Nächten deutlich sauberer. Laut der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz entsteht etwa ein Drittel des Feinstaubs durch den Abrieb von Reifen und Bremsen sowie durch Aufwirbelung. Nach dem Motto „Wehret den Anfängen“ rücken die Maschinen den Vorprodukten zu Leibe und waschen sie aus dem Asphalt, bevor sie durch zigtausende Autos zu Feinstaub zermahlen werden.

„Es ist die Hoffnung da, dass es einen deutlichen Effekt hat“, sagt Bachmann. Die Stadt Böblingen, erzählt er, habe bereits Kontakt aufgenommen und einen ähnlichen Versuch im Sinn. Nach einer Pause fügt er an: „Wenn wir die Hoffnung nicht hätten, hätten wir es nicht gemacht.“

Infokasten
Bei früherem Versuch Kleber verwendet

Bereits vor zehn Jahren hat die Stadt Stuttgart Versuche unternommen, den Feinstaub am Neckartor wegzuputzen. 2006/2007 fand über sechs Monate ein Kehrversuch unter wissenschaftlicher Begleitung statt. Eingesetzt wurde ein Kehrfahrzeug mit Feinstaubfilter und Wasservernebelung vor der Kehrgutaufnahme zur Bindung von Feinstaub, danach wurde abgesaugt.

Nachgewiesen werden konnte eine deutliche Reduzierung des Gesamtstraßenstaubs, auch der Feinstaubanteil auf der Straße wurde etwas reduziert. Eine Korrelation zur Luftqualität konnte jedoch nicht hinreichend nachgewiesen werden. 2010 und 2011 wurden zudem Versuche mit dem Feinstaubkleber CMA unternommen, ebenfalls an der Messstelle am Neckartor. Auch damit konnte keine Reduzierung der Feinstaubkonzentration nachgewiesen werden. car