Stuttgart Völlig zu Unrecht vergessen

An idyllischem Platz: Die Büste von Johann Georg Fischer auf der Hasensteige im Stuttgarter Westen.
An idyllischem Platz: Die Büste von Johann Georg Fischer auf der Hasensteige im Stuttgarter Westen. © Foto: Rainer Lang
Stuttgart / RAINER LANG 12.09.2016
In der 12. Stuttgarter Lyriknacht  sind Lieder des Dichters Johann Georg Fischer wiederentdeckt worden. Seine Verse erinnern an den Ton Eduard Mörikes.

Schwäbische Dichter wie Eduard Mörike und Hermann Kurz zählte er zu seinem Freundeskreis. Genauso wie diese verfasste er Gedichte. Doch Johann Georg Fischer ist nahezu vergessen. „Völlig zu Unrecht“, sagt die Stuttgarter Sängerin Anna Escala.

Um den Poeten zu würdigen, trug Escala mit dem Pianisten J. Marc Reichow und dem Komponisten Jan Kopp bei der 12. Stuttgarter Lyriknacht, die von Schriftstellerhaus, Literaturhaus und Stadtbibliothek veranstaltet wurde, am Freitag in den Räumen der Stadtbibliothek am Mailänder Platz Vertonungen von Fischers Gedichten vor.

Anlass für die „Wiederentdeckung in Liedern“ ist Fischers Geburtstag vor 200 Jahren. Er war Schulleiter in Stuttgart und betätigte sich als Lyriker und Dramatiker. Populär bei den Bürgern war er wegen seiner insgesamt 24 Reden an den Geburtstagen Friedrich Schillers. Es heißt, dass der 70. Geburtstag Fischers in Stuttgart wie ein Volksfest gefeiert wurde.

Berühmt machte ihn die 1854 erschienene Sammlung „Gedichte“, die einen Querschnitt seiner lyrischen Arbeit bot. Er nimmt in seinen Gedichten Stimmungen und Motive der Natur auf, in denen er den Ausdruck für Sehnsucht und Liebe findet. Noch heute berühren seine Verse, deren Ton oft an Mörike erinnert.

Im Verwaltungsrat der Schillerstiftung engagierte sich Fischer für den Aufbau des Schiller-Nationalmuseums, die Erhaltung von Schillers Geburtshaus und die Errichtung des Schillerdenkmals. Dafür ernannte ihn die Stadt Marbach zum Ehrenbürger. Das tat auch seine Geburtsstadt Süßen (Landkreis Göppingen).

Dort ist Anna Escala auf den Dichter gestoßen. Süßen feiert Fischer, Namensgeber von zwei Schulen, bis Oktober mit einem Jubiläumsprogramm. Escalas Gesangsklasse der Kolping-Musikschule führt am 22. Oktober ein zu Ehren Fischers komponiertes Stück Jan Kopps auf. Mühsam sei es gewesen, Material über Fischer zu finden, erklärt die Sopranistin.

Eine Kostprobe davon gab sie am Freitag, unter anderem mit Liedern von Franz Lehar und Alban Berg. Lehar vertonte ein Liebesgedicht Fischers: „Du weißt es wohl, dass du mein Alles bist/ O wende nicht dein schönes Aug von mir“, heißt es darin. Am 5. Februar 2017 sei mehr zu hören im Kursaal von Bad Cannstatt, kündigte Escala an.

Fischer wurde am 25. Oktober 1816 in Groß-Süßen als Sohn eines Zimmermanns und einer Näherin geboren. Er besuchte Lehrerseminare in Esslingen und Tübingen. 1845 kam er an die Elementarschule nach Stuttgart und wurde dann Leiter der kaufmännischen Fortbildungsschule. Nach der Promotion in Tübingen 1857 wurde er Professor an der Oberen Stuttgarter Realschule, die er später leitete. Am 4. Mai 1897 starb er.

Ganz vergessen ist er nicht: Im Stuttgarter Westen auf Höhe der Hasenbergsteige 17 erinnert eine Bronzebüste von Emil Kiemlen an Fischer. Fischers Ruhestätte auf dem Pragfriedhof pflegt die Stadt als Ehrengrab.

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