Stuttgart Verbindet Alt und Neu: Die Bedeutung der Calwer Passage

Glas und Marmor verleihen der Calwer Passage einen gewissen Charme.
Glas und Marmor verleihen der Calwer Passage einen gewissen Charme. © Foto: dpa
Stuttgart / OLIVER SCHMALE 05.01.2015
Derzeit werden in der Calwer Passage dank des Handelskonzepts Fluxus gute Geschäfte gemacht. Doch lange Zeit war die Ladenmeile ein Problemkind. Dabei steckt in ihr jede Menge Tradition.

Mit dem Projekt Fluxus ist in die Calwer Passage im Herzen Stuttgarts zuletzt wieder Leben gekommen. 16 Parteien zogen dort Anfang November ein und bieten seither einen bunten Mix aus Mode, Design und Gastronomie, der bei den Käufern ankommt. Noch in dieser Woche könnte entschieden werden, ob die alternative Ladenmeile vorerst bis Ende des Jahres bleibt. Alle Beteiligten wünschen das, denn unvergessen sind die Zeiten davor, in denen die Traditionspassage kaum noch Kunden anlockte.

Ein unattraktiver Branchenmix, eine kleinteilige Ladenstruktur und fehlende Marketingaktionen - für den schleichenden Niedergang der Calwer Passage gab es viele Gründe. Gleichwohl steckt in der Meile so viel Geschichte, dass zumindest die Stuttgarter an ihr festhalten wollen. Rückblick: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war das Gebiet um die Calwer Straße stark beschädigt gewesen. Neben alten Gebäuden sei es auch von Behelfsbauten geprägt gewesen, sagt Herbert Medek von der Unteren Denkmalschutzbehörde. Vor über vier Jahrzehnten wurden dann die Weichen für das heutige Aussehen gestellt. Denn damals fiel die Bauentscheidung für die S-Bahn-Strecke unter der Theodor-Heuss-Straße.

Es wurden unterschiedlichste Lösungen diskutiert. Beispielsweise wollten Schweizer Investoren dort ein Kaufhaus errichten, so Medek. Letztendlich entschied sich der Grundstücksbesitzer aber dafür, die historisch schutzwürdige Bebauung an der Calwer Straße zu erhalten, zu sanieren und zur Theodor-Heuss-Straße sowie zum Rotebühlplatz Gebäude für Büro- und Geschäftsflächen zu errichten. Aus einem Ende 1973 durchgeführten Architektenwettbewerb ging das Stuttgarter Büro Kammerer und Belz als Sieger hervor, das Anfang 1975 mit der Realisierung begann. Am 1. September 1978 wurde das gesamte Calwer Quartier eingeweiht und somit auch die entsprechende Passage. Sie ist symbolisch für ein Stück Einkaufsgeschichte in Stuttgart. Das Ensemble mit seinen gläsernen runden Dachbögen steht zudem seit Jahren unter Denkmalschutz.

Die Ferdinand-Piëch-Holding übernahm das Areal 2013 von der Württembergischen Lebensversicherung. Die Verhandlungen waren seit 2012 gelaufen, wegen Diskussionen über den möglichen Denkmalschutz aber zwischenzeitlich ins Stocken geraten. Schließlich wurde der Verkauf doch noch festgezurrt.

Auf die Calwer Passage mit ihren kleinen Läden entfallen rund 1300 Quadratmeter, auf die Handels-, Büro- und Wohnfläche 8500 Quadratmeter. Der Eigentümer will sie in Absprache mit der Stadt und dem Denkmalamt weiterentwickeln. Die Passage gilt unter Fachleuten als ein gelungenes Beispiel dafür, wie man moderne Architektur mit alten, historischen Gebäuden in Einklang bringen kann. Die Häuser, die den Übergang zur Passage bilden, stammen teilweise aus dem 18. Jahrhundert. Zu dem vom neuen Eigentümer gekauften Komplex gehören auch die entsprechenden Häuser am Rotebühlplatz.

Die Meile ist Zentrum und Rückgrat des Quartiers gleichermaßen. Sie verknüpft sämtliche Funktionen miteinander und erschließt über Fußwege die gesamte Umgebung. Sie ist Puffer zwischen Alt und Neu, wie Medek unterstreicht. In der Würdigung zum Paul-Bonatz-Preis 1979 wird die Passage als "zentrales Ereignis der Blockerneuerung am Rotebühlplatz" bezeichnet, "eine nicht laut genug zu preisende Wiederentdeckung eines unverständlicherweise vergessenen Bautyps" von Einkaufspassagen des 19. Jahrhunderts.

Für die Stadt ist die Passage ein zentraler Zugang der Bürger und Besucher zur Innenstadt. Allein von und zu den unterirdischen Stationen der S-Bahn und Stadtbahn sind im Stundendurchschnitt etwa 15.000 Menschen in diesem Bereich unterwegs. "Deshalb sind die Passage und das Areal um den Rotebühlplatz äußerst wichtig", sagt Medek.

Italienisches Vorbild

Das Quartier Die Calwer Straße ist einer der kulinarischen Treffpunkte der Landeshauptstadt. Sie begeistert mit schönen Fronten sowie charmanten Giebelhäusern und enthält Zeugnisse aus Mittelalter und Gründerzeit, aus Barock und Biedermeier. Die Calwer Passage (vorwiegend aus Marmor und Glas) entstand in den Jahren 1975 bis 1978. Vorbild war die Passage Vittorio Emmanuele in Mailand.

 

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