Anfangs herrschte Aufregung, nun begegnen Schafhalter im Südwesten dem Wolf mit einer gewissen Resignation - und den Behörden mit Zorn. „Wir sind davon überzeugt, dass sich das Tier in den nächsten zwei bis drei Jahren im Südwesten auch außerhalb des bisherigen Gebietes ansiedelt“, sagte eine Sprecherin des Landesschafzuchtverbandes. Das werde dazu führen, dass viele Schafzüchter aufgeben. Bisher gibt es im Land nur eine sogenannte Förderkulisse Wolfsprävention: ein etwa 3700 Quadratkilometer großes Gebiet im Nordschwarzwald, in dem ein Wolf - der Rüde GW852m - sesshaft ist. Innerhalb dieser Region müssen Schafhalter ihre Tiere unter anderem mit speziellen Elektrozäunen schützen, wenn sie im Fall eines Wolfsrisses Entschädigung vom Land möchten.

Was ausreichender Schutz ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Er habe alles richtig gemacht, erklärt Schafzüchter Karl-Otto Hagenlocher, der Ende Januar acht Schafe an GW852m verlor. Er wird aber nicht entschädigt. Die Forstliche Versuchsanstalt (FVA) monierte, dass wegen fehlerhafter Erdung an Hagenlochers Weidezaun der Wolf nicht wie vorgeschrieben mit Stromstößen habe abgehalten werden können. Die Erdung habe wegen Reifbildung auf dem Zaun nicht funktioniert, sagte Hagenlocher. Dafür könne er nichts.

Die Umsetzung der Schutzmaßnahmen ist ein Dauerzankapfel zwischen den Behörden und den Schafhaltern. Zwar werden die Zäune bezahlt, „aber der zusätzliche Arbeitsaufwand für die Schafhalter interessiert das Land nicht“, sagt Annette Wohlfahrt vom Landesschafzuchtverband. Davon abgesehen sei Herdenschutz flächendeckend sowieso nicht möglich. Das Ministerium bleibt bei seiner Linie, die Schutzmaßnahmen zwar mitzufinanzieren, den aus Sicht der Schafhalter dafür nötigen Mehraufwand aber nicht.

Rund 50 Wolfssichtungen 2017

Innerhalb der Förderkulisse gibt es nach Schätzungen des Verbandes etwa 50 schafhaltende Betriebe. Insgesamt seien nach neuesten Zahlen dort 230 Anträge auf Fördermittel für Herdenschutzmaßnahmen gestellt worden, berichtet das Umweltministerium. Das Land habe dafür rund 671.000 Euro bewilligt. Zudem arbeiten laut Ministerium inzwischen 14 Betriebe im Land mit Herdenschutzhunden.

An Entschädigung für getötete Tiere seien zwischen 2017 und dem laufenden Jahr 11.000 Euro ausgegeben worden. Mehr als ein Dutzend mal sind im Südwesten den Angaben zufolge Nutztiere gerissen worden, zumeist Schafe. In zehn Fällen wies die zuständige FVA den Rüden GW852m als dafür verantwortlich nach. Eindeutige Wolfssichtungen gab es seit 2017 in mehr als 50 Fällen.

Ob und wann weitere Förderkulissen notwendig werden könnten, etwa weil sich ein weiterer Wolf niederlässt, ist nach Angaben des Umweltministeriums nicht absehbar. Nach bundeseinheitlichen Standards muss ein einzelner Wolf mindestens sechs Monate in einem Gebiet leben und dies durch Ausscheidungen, eindeutige Fotofallenbilder oder Risse nachgewiesen sein. „Wir gehen aber davon aus, dass sich im Südwesten weitere Wölfe ansiedeln werden und sich auch ein Wolfsrudel bilden wird“, sagt FVA-Wildtierökologe Felix Böcker. Nur wann ist ungewiss.

Der FDP-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag, Hans-Ulrich Rülke, plädierte erneut dafür, Wölfe bei Bedarf auch abschießen zu lassen. „Dass sich Wölfe als Raubtiere nicht um ausgewiesene Aufenthaltsgebiete, Fördermittel der Landesregierung und Schutzmaßnahmen für Schafe scheren werden, dürfte jedem klar sein“, teilte er mit. Nutztierrisse seien eine Bedrohung für die heimische Landwirtschaft. „Wir fordern schon lange, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen, um bei Bedarf schnell und angemessen auf Wolfsschäden reagieren zu können.“