Umwelt Trotz Verzichts auf Nulltarif fährt VVS Millionen-Defizit ein

Eine Stadtbahn der Linie U7 ist bei Feinstaub-Alarm auf der Strecke. Foto: dpa
Eine Stadtbahn der Linie U7 ist bei Feinstaub-Alarm auf der Strecke. Foto: dpa © Foto: Foto: dpa
Von Raimund Weible 21.12.2016

Nicht nur Stuttgart hat ein Problem mit der Luft, auch andere europäische Städte. Paris zum Beispiel. Vom 6. bis 9. Dezember  und vom 15. bis 17. Dezember rief die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo „l’arme anti-pollution“ aus, den Alarm gegen Luftverschmutzung. In einem solchen Fall gilt in Paris und in 22 angrenzenden Gemeinden für  Busse und Bahnen der Nulltarif, außerdem auch für die Schiffslinie auf der Seine.

Paris geht sogar noch einen Schritt weiter: Die Behörden ordnen bei Smog-Alarm ein teilweises Fahrverbot an. An einem Tag müssen die Autos mit gerader Endziffer am Kennzeichen in der Garage bleiben, am nächsten die Fahrzeuge mit ungerader Ziffer.

Ein Fahrverbot könnte den Autofahrern in Stuttgart und Umgebung 2018  ebenfalls drohen. Aber was ist mit dem Nulltarif für Bus und Bahn? Hätte er für die Region Stuttgart nicht auch eingeführt werden können? „Wir haben das erörtert und uns dagegen entschieden“, sagt Horst Stammler, Geschäftsführer des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) auf Nachfrage. Statt des Nulltarifs führte der VVS zu Beginn der zweiten Feinstaub-Periode am 15. Oktober ein Feinstaub-Ticket ein, für das der Preis einer Kinder-Fahrkarte gezahlt werden muss.

Weiter wollte der Verbund nicht gehen, mit Rücksicht auf seine Stammkundschaft, die mit Monats- und Jahrestickets fährt. Der Nulltarif für die Gelegenheitsfahrer, so argumentiert Stammler, wäre gegenüber den Stammkunden ungerecht. Man fürchtet eine verärgerte Reaktion dieser Kunden, „die das ganze Jahr über dafür sorgen, dass sich das Verkehrssystem trägt“. Zwei Drittel seiner Einnahmen erlöst der VVS mit Monats- und Jahrestickets.

Präzise Daten erst im Januar

Schon durch den Verzicht auf den vollen Fahrpreis der Gelegenheitsfahrer bei Feinstaub-Alarm erleidet der VVS empfindliche Verluste. Wie hoch sie ausfallen, wird nach einem komplizierten Berechnungsverfahren ermittelt. Die Verbundunternehmen vergleichen ihre Tageseinnahmen mit denjenigen des vergangenen Jahres und errechnen so ihr Defizit. Nach einer vorsichtigen Schätzung des VVS dürfte der Ausfall pro Tag 100 000 Euro betragen. Genaueres weiß der VVS erst, wenn die 40 Unternehmen im Verbund alle ihre Daten für November eingereicht haben. Wegen der Weihnachtsferien verzögert sich die Kalkulation. Das Ergebnis wird frühestens in der zweiten Januarwoche erwartet.

In diesem Herbst hat die Stadt bisher fünfmal Feinstaub-Alarm ausgerufen. Wenn die derzeitige Periode, die am 13. Dezember begann, Freitagnacht endet, dann schlagen in dieser Saison bereits 37 Tage zu Buche. Das bedeutet, wenn die bisherige Annahme zutrifft, einen Verlust von 3,7 Millionen Euro. Den wird der VVS nicht alleine tragen müssen – das Land übernimmt einer Vereinbarung zufolge die Hälfte des Defizits, verlangt dafür aber belastbare Belege.

Vor Beginn der Saison ist der VVS davon ausgegangen, dass bis Frühjahr 2017 maximal an 50 Tagen der Feinstaub-Alarm ausgerufen wird. Schon jetzt deutet sich allerdings an, dass diese Schätzung zu niedrig ausgefallen ist. Der VVS muss daher mit einem weit höheren Defizit als erwartet rechnen.

In Paris übernimmt übrigens der Staat den Ausfall an Ticket-Einnahmen. Hier liegt die Verlust-Schätzung bei vier Millionen Euro pro Tag. Allerdings ist Smog-Alarm in Paris wegen seiner Nähe zum Atlantik weitaus seltener als in Stuttgart. In diesem Herbst  kam die französische Kapitale nur auf sieben Tage, was für sie allerdings überdurchschnittlich viel ist.

Geschenke für die Stammkunden

Um die Stammkundschaft zu besänftigen,  hat der VVS ein Weihnachtsgeschenk angekündigt. Während der Ferien vom 23. Dezember bis zum 8. Januar können Inhaber von Wochen-, Monats-, Jahres- und Studenten-Tickets eine Person kostenlos mitnehmen. Die Stadt Stuttgart und die SWR Media Services schenkt ihrer Kundschaft einen kostenlosen Besuch des Fernsehturms. Das Gratisangebot gilt für  alle Inhaber von VVS-Jahrestickets und -abos bis 15 April.

Alarm endet in der Nacht zum Heiligen Abend

Wetteränderung Der aktuelle Feinstaub-Alarm in Stuttgart endet in der Nacht zum Heiligabend und wird in den Weihnachtsferien nicht wieder ausgerufen. „Es sieht momentan danach aus, dass sich die Wetterlage zum Wochenende deutlich ändert“, erklärte der Leiter der Stuttgarter Niederlassung des Deutschen Wetterdienstes, Uwe Schickedanz, am Dienstag. Ein Tiefdruckgebiet sorge für Niederschlag. Zudem komme Wind auf.

Pause In den Ferien wird die Stadt wegen des geringeren Verkehrsau­fkommens keinen Alarm ausgeben. Weniger Verkehr verursacht weniger Feinstaub.  Nächst möglicher Alarmtag ist demnach  der 7.  Januar. dpa

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