Handel Trödel vor der eigenen Haustür

Flohmarkt in der Liststraße: Die Anwohner lernen sich kennen und werden auch noch ihren Krempel los.
Flohmarkt in der Liststraße: Die Anwohner lernen sich kennen und werden auch noch ihren Krempel los. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Von Barbara Wollny 11.06.2018

Schon ab zehn Uhr morgens füllen sich am Samstag die am Wochenende eher ruhigen Straßen im Stuttgarter Heusteig- und Lehenviertel mit Schnäppchenjägern: jungen Familien, Freundinnen, die auf Einkaufstour gehen, Radfahrern, die gezielt das Viertel abfahren. Es ist Hofflohmarkt im Stuttgarter Süden. Luftballons, Schaufensterpuppen oder Schilder zeigen an, wo getrödelt wird. Wertvolles findet sich eher nicht, dafür aber jede Menge Sachen, aus denen die Kinder rausgewachsen sind oder mit denen sie nicht mehr spielen wollen, Klamotten für Erwachsene, Bücher, Küchenutensilien und Fundstücke aus dem Keller wie ein Katzenbaum oder der über­flüssige Kleiderschrank. Kinder verkaufen ihre Legosteine und Feuerwehrautos, Mama Julia Kühne vom Strohberg bäckt Waffeln und sagt: „Bei uns im Haus wohnen fast in jeder Wohnung Kinder und alle Familien waren sofort mit dabei.“

„Hier findet man für kleines Geld eine Menge brauchbarer Dinge. Auf gewerblichen Flohmärkten wie dem am Karlsplatz ist es wesentlich teurer“, sagt Steffi Bauknecht, die mit ihrer zweijährigen Tochter Polly in der Liststraße unterwegs ist und bereits eine  Wasserpistole ertrödelt hat. Sie wohnt im Stuttgarter Westen, bringt von dort Erfahrungen von anderen Hofflohmärkten mit und wollte deshalb auch den Markt im Süden nicht verpassen.

Das Konzept, überflüssiges nicht im Internet, sondern vor der eigenen Wohnungstür zu verkaufen, stammt von René Götz. Der 41 Jahre alte Einzelhandelskaufmann aus München hat vor 15 Jahren in seinem Viertel München-Haidhausen den ersten Hofflohmarkt organisiert. Seitdem sind viele deutsche Städte mit dazugekommen. München ist mit 30 Stadtteilterminen pro Jahr immer noch die Nummer 1, gefolgt von Köln. Stuttgart, das seit drei Jahren mitmacht, ist, hat sich mit 19 Stadtteilflohmärkten auf Platz 3 vorgearbeitet.

„Die Idee habe ich von den amerikanischen Garagen- und Backyard Sales. Es ist gelebte Nachbarschaft“ sagt Götz, der sich selbst als Flohmarktkind bezeichnet. „Die Idee funktioniert, wenn Nachbarn aktiv werden und mit anderen  beschließen, einen Markt auf ihrem Privatgelände zu organisieren.“ Pro Hausgesellschaft und Hof werden 15 Euro an Götz bezahlt. Dafür erstellt er fürs Internet eine Karte mit den Stationen des Quartiers, die dann auch gedruckt bei Läden im Viertel ausliegt. Über 100 Höfe waren am Samstag im Stuttgarter Süden beteiligt.

Ums Geld geht es den Teilnehmern meist nicht, eher um einen Tag, den man gemeinsam mit seinen Nachbarn verbringt, vorher mal den Keller oder das Kinderzimmer entrümpeln und vielleicht das eine oder andere Teil an den Mann beziehungsweise die Frau bringen.

Jessica Rank ist freiberufliche Kostümbildnerin für Film- und Theaterproduktionen und muss ihren Fundus verkleinern. In ihrem Atelier hängen dicht auf dicht ausgediente Kostüm-Kuriositäten wie eine dicke handgestrickte Strickweste mit aufgestickten Landszenen.

„Ich glaube schon, dass solche Hofflohmärkte dazu beitragen, das Stadtleben weniger anonym zu machen“, sagt Bernd Neumann. Man erkenne sich auch später im Quartier wieder. „Der Stuttgarter Süden ist in den letzten Jahren offener und lebendiger geworden, leider aber auch viel teurer“, sagt Neumann, der seit 22 Jahren im Viertel wohnt.

Als Besucher entdeckt man aber noch andere Kostbarkeiten. Die dicht bebauten Straßen lassen nicht erahnen, dass die Stadt auch hier grüne Seiten hat. Erst wenn sich Tore und Türen öffnen, sieht man, dass sich hinter den grauen Fassaden grüne und blühende Gärten und Plätze auftun, die dem Wohnen in der Stadt neue Qualitäten verleihen. Weitere Entdeckungen lassen sich an den nächsten Wochenenden in Vaihingen, Heslach und Degerloch machen.

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Die Lust am Trödel ist ein Publikumsrenner

Medien Seit über 30 Jahren laufen im Fernsehen Sendungen wie „Kunst und Krempel“, in denen  der Wert alter Sachen von Experten geschätzt  wird. Aber erst die 2013 gestartete TV Flohmarkt-Show „Bares für Rares“ wurde ein Publikumsrenner, die jetzt sogar zur Primetime um 20.15 Uhr läuft.

Idee Das Konzept der Sendung ist nichts anderes als ein Flohmarkt – die Teilnehmer entrümpeln Dachböden und Schränke, um solchermaßen erleichtert, aber finanziell bereichert nach Hause zurückzukehren. bw

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