Kriminalität Taschendieben einen Schritt voraus

Michael Schossig (li.) und Reinhard Hupke geben Passanten Tipps, wie sie Diebstahl verhindern können.
Michael Schossig (li.) und Reinhard Hupke geben Passanten Tipps, wie sie Diebstahl verhindern können. © Foto: Ferdinando Iannnone
Dominique Leibbrand 22.12.2017

Gebannt beobachtet Rita Lieb an einem Stand für Pfannen eine Vorführung. Wie jedes Jahr ist die Frau aus Metzingen (Kreis Reutlingen) mit Lehrerkollegen nach Stuttgart auf den Weihnachtsmarkt gefahren. Sie entscheidet sich, etwas zu kaufen. Nach dem Zahlen steckt sie den Geldbeutel wieder in die Tasche, schließt den Reißverschluss. Als sie nach einiger Zeit nach unten sieht, ist die Tasche offen, der Geldbeutel fehlt. 70 Euro sind futsch.

Seit diesem Erlebnis vor drei Jahren ist Rita Lieb sensibilisiert – und ihr kleiner Reisetrupp gleich mit. Als Polizeihauptkommissar Michael Schossig dieser Tage einer Frau aus der Metzinger Gruppe absichtlich am Rucksack herumfummelt, erhebt Sabine Leibfahrth, ebenfalls Teil der Runde,  sofort Einspruch. Seit Rita Lieb beklaut worden sei, achte sie darauf, wenn irgendwo jemand lange Finger mache. Mit seiner Aktion, die für Taschendiebstahl sensibilisieren soll, rennt Schossig hier also offene Türen ein.

So achtsam sind jedoch längst nicht alle. „Wir erleben dieses Jahr zwei Extreme“, sagt Ludwig Haupt, Leiter des Referats Prävention bei der Stuttgarter Polizei. Die einen, die sich gegen Diebstahl schützten. Und die anderen, die „extrem nachlässig“ mit ihrem Hab und Gut seien. Vor allem Letztere werden gern zum Opfer. Gerade in der Adventszeit, in der Taschendiebe Hochsaison haben. Die Innenstadt ist voll, in den Läden herrscht Gedränge, auf dem Weihnachtsmarkt sowieso.

Täter beobachten Opfer

Rund 80 Diebstähle hat die Stuttgarter Polizei seit Ende November allein in der Stuttgarter City registriert. Immer dann, wenn es verstärkt zu Menschenansammlungen komme wie bei Festen oder eben im Weihnachtstrubel, stiegen die Fallzahlen, erklärt ein Sprecher. Die Täter sind häufig Profis und treten in Gruppen auf. Einer lenkt ab, der andere greift zu. Oft beobachten sie ihre Opfer zuvor. Ist jemand unaufmerksam, mit den Gedanken woanders? Die Bestohlenen merken meist erst hinterher, dass etwas fehlt. Beschreibungen der Diebe können sie dann nicht mehr liefern.

Die Polizei reagiert verstärkt mit Prävention. In den letzten beiden Wochen vor Weihnachten seien die Kollegen des Referats täglich mit mindestens einer Streife in der City unterwegs, wie Ludwig Haupt berichtet. Ziel: Leute auf Fallstricke aufmerksam zu machen. Man könne sich mit einfachen Maßnahmen gut schützen, sagt er. Dazu gehört, wenig Bargeld einzustecken. Scheine und Zahlungskarten trage man zudem am besten eng am Körper, in Gürtel- oder Innentaschen. Handtaschen sollte man sich Haupt zufolge stets mit dem Verschluss zum Körper umhängen, und gerade im Gedränge sei Achtsamkeit gefragt. Wer mal schnell auf die Toilette verschwinde, solle seine Begleitung konkret anweisen: „Pass bitte auf meine Tasche auf, da ist alles drin“, erklärt der Präventionsfachmann.

Bürger sind dankbar

Michael Schossig und sein Kollege Reinhard Hupke tun derweil ihren Teil. Sie streifen durch die Gassen auf dem Weihnachtsmarkt, werfen auffällige Blicke in Taschen, ziehen an Reißverschlüssen, machen Passanten auf offene Einkaufskörbe aufmerksam. Belästigt fühlt sich niemand, im Gegenteil: „Ich finde es super, dass Sie das machen“, sagt eine Frau mit teurer Ledertasche. Den Satz hören die Polizisten oft

Polizei: Präventionsarbeit fruchtet

Anstieg Seit 2012 hat die Zahl der registrierten Taschendiebstähle im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Stuttgart kontinuierlich und deutlich zugenommen. Nach einem Höhepunkt im Jahr 2015 konnte der Trend erst im vergangenen Jahr umgedreht werden. 2016 wurden demnach in Stuttgart (Bahnanlagen nicht eingerechnet) 2002 Taschendiebstähle registriert, im Jahr zuvor waren es 2370 gewesen.

Erfolge Zahlen für 2017 gibt es noch nicht, in der Tendenz seien die Delikte jedoch weiter rückläufig, teilt ein Sprecher mit. Man führe das auch auf die verstärkte Präventionsarbeit zurück. dl