Flüchtlinge Tagelang nur Zucker und Zitrone

Im Glauben vereint: Bischof Gebhard Fürst (re.) und der frühere Bootsflüchtling Stephan Bui.
Im Glauben vereint: Bischof Gebhard Fürst (re.) und der frühere Bootsflüchtling Stephan Bui. © Foto: Duc Binh Nguyen
Von Rainer Lang 22.12.2017

Der einzige Ausweg führte über das Meer. Der katholische Pfarrer Stephan Bui aus Stuttgart war einer der ersten Boatpeople, Menschen,  die nach der Machtübernahme der Kommunisten 1975 übers Wasser aus Vietnam flohen. Bui war 1974 zum Priester geweiht worden, ein Jahr später rettete er sich nach Singapur. Über Paris, Aalen und Brackenheim kam er 1991 schließlich nach Stuttgart.

Heute feiert Bui regelmäßig in der katholischen Kirche Herz Jesu im Stuttgarter Osten Gottesdienst mit rund 300 vietnamesischen Gemeindemitgliedern aus der ganzen Region. Von seinem Büro in Stuttgart aus, wo 775 Vietnamesen leben, betreut er die sieben Teilgemeinden in der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit rund 1500 Mitgliedern, wozu neben Stuttgart auch Reutlingen, Schorndorf, Künzelsau, Tuttlingen, Heidenheim und Ravensburg gehören. Die Gemeinden sind entstanden, nachdem immer mehr Boatpeople nach Deutschland kamen.  Rund 20 Prozent der Flüchtlinge seien katholisch, berichtet Bui. Zum 40-Jahr-Jubiläum der vietnamesischen Gemeinde innerhalb der Diözese Rottenburg-Stuttgart sagte Bischof Gebhard Fürst bei einem Festgottesdienst, sie sei eine „religiöse und kulturelle Bereicherung“.

Jedes Wochenende ist Bui in einer anderen Teilgemeinde unterwegs, feiert Gottesdienst und führt Gespräche. „Die Menschen brauchen das“, sagt er. Zu ihnen gehört Thi Anh-Dhung Nguyen, die mittlerweile Sprecherin der Gesamtgemeinde ist. Ihre Eltern schickten die heute 51-Jährige als 13-Jährige mit einem einfachen Fischerboot in die Fremde, weil sie sich für ihre Tochter eine bessere Zukunft erhofften. Nguyen hatte Glück. Sie überlebte die gefahrvolle Reise mit knapper Not.

Ein Schicksal, das stellvertretend für viele steht: Die Boatpeople setzten ihr Leben aufs Spiel in völlig überladenen und kaum fahrtüchtigen Booten. Alle, die als Regimegegner galten, wurden verfolgt und in Umerziehungslager gesteckt. „Wir als Katholiken waren ohnehin verdächtig“, sagt Nguyen. Tausende kamen in Lagern um, Tausende ertranken beim Versuch, das Meer zu überqueren.

Nguyen kam 1979 nach Deutschland. „Ich hatte unheimliches Glück“, erzählt sie. Das kleine Fischerboot war mit 100 Menschen völlig überladen. Die Eltern hatten für die Passage bezahlt, Versorgung nicht inklusive. „Wir hatten fast nichts zu essen und zu trinken dabei“, erinnert sie sich. Etwas Zucker und Zitrone mussten reichten. Vier Tage und drei Nächte hätten sie ausharren müssen. Erst zehn Jahre später sah Nguyen, die heute in Reutlingen lebt, ihre Eltern wieder, die im Zuge der Familienzusammenführung nach Deutschland kamen. Ihren späteren Mann lernte sie im Kirchenchor kennen.

Für Pfarrer Bui und Bischof Fürst ist die Geschichte der Boatpeople und der vietnamesischen Gemeinde in der Diözese Beispiel für eine gelungene Integration. „Gerade heute, wo so viele Flüchtlinge nach Europa kommen oder auch bei diesem Versuch oftmals tragisch scheitern, ist die Erinnerung wichtig“, so der Bischof, der die Flüchtlinge als „Botschafter, die uns auf die Krisen in dieser Welt aufmerksam machen“, würdigte.

Infokasten
Anfang der humanitären Flüchtlingshilfe

Zuflucht Ende der 70er Jahre flohen rund 1,5 Millionen Menschen vor der kommunistischen Diktatur in Vietnam über das Meer. Mehr als 250 000 Flüchtlinge sollen dabei den Tod gefunden haben. Nachdem erschütternde Bilder im Fernsehen über verhungernde und verdurstende „boat people“ gezeigt wurden, brach der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) den Bann und nahm die ersten Flüchtlinge auf. Danach fanden rund 40 000 Vietnamesen in Deutschland Zuflucht. Dies gilt als Anfang der humanitären Flüchtlingshilfe in Deutschland.

Hochburgen Laut Statistischem Landesamt leben in Baden-Württemberg heute mehr als 7000 Vietnamesen, die meisten haben sich in Stuttgart (775) und in Esslingen (438) niedergelassen. lan