Genuss Stuttgarter Winzer fürchten um Hamburger Weinberg

Bald kann Fritz Currle in seinem Uhlbacher Weingut die Trauben lesen.
Bald kann Fritz Currle in seinem Uhlbacher Weingut die Trauben lesen. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Caroline Holowiecki 11.08.2018

„Super, klasse“ lautet Fritz Currles Urteil. Die Trauben, rote Regent- und weiße Phoenix-Beeren, reifen gut, seit Kurzem schützen Netze die süßen Früchte vor Vögeln und Menschen. Der Stuttgarter Wengerter und CDU-Stadtrat ist zufrieden. Nur, dass er nicht von den Rebflächen des Familien-Unternehmens in Uhlbach spricht – sondern vom Weinberg in St. Pauli.

 Seit 23 Jahren gedeiht auf 250 Quadratmetern an den Hamburger Landungsbrücken Wein. Die Idee zum seinerzeit nördlichsten Wengert Deutschlands stammte von Currle – als Geschenk der schwäbischen Winzer zum zehnjährigen Bestehen des Stuttgarter Weindorfs in der Hansestadt. „Ich wurde zunächst für blöd gehalten“, sagt er. Anfang 2017 sorgten hohe Platzgebühren zwar für das Aus für das Weinfest im Norden, um die 100 Reben kümmern sich Currle und einige Exil-Stuttgarter jedoch bis heute. Demnächst packt der 74-Jährige wieder bei der Lese an. Wie es danach weitergeht, ist unklar. Die U-Bahn-Station, auf deren Dach die Reben stehen, wird saniert. Teile des Weinbergs müssen deshalb weg.

 Langweilig wird es dem „Rentner im Unruhestand“ trotzdem nicht werden. Auf der Stuttgarter Gemarkung gibt es insgesamt mehr als 420 Hektar Rebfläche. Die Familie Currle baut in der Landeshauptstadt auf 7,5 Hektar Wein an, die Tochter Christel führt das Unternehmen. Der Stuttgarter Wein ist in diesem Jahr besonders zeitig dran. Fritz Currle glaubt, dass die frühen Sorten schon Ende August, also parallel zum Weindorf, gelesen werden, „das hat es noch nie gegeben“. Nur regnen sollte es mehr. Wo der Boden nicht so tiefgründig sei, seien die Reben wegen der Hitze gestresst und zeigten erste gelbe Blätter.

 Ähnlich sieht es Timo Saier, Leiter des Weinguts der Stadt Stuttgart. Auf rund 16 Hektar werden von der Stadt Weintrauben angebaut. Grundsätzlich sei Hitze nicht das Schlechteste für sie, doch vor allem Weißwein-Trauben verlören Säure, die für Geschmack und mikrobiologische Stabilität gut sei. Sorgen müsse man sich um den Stuttgarter Wein aber nicht. Die Trauben seien kerngesund, „und wenn wir das so durchbekommen und rechtzeitig ernten, wird das ein guter Jahrgang“.

 Auch der Hamburger Jahrgang 2018 wird ein starker, prophezeit Currle. Ein bisschen Wehmut angesichts des drohenden Eingriffs in den Weinberg schwingt in seiner Stimme mit. Sorina Weiland, die Sprecherin des Bezirksamts Hamburg-Mitte, verspricht aber, dass es bei einer Verkleinerung der Fläche bleiben soll: „Den würden wir niemals ganz und gar wegnehmen. Der ist eine Attraktion.“

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