Test Stuttgart: So funktioniert das SSB-Taxi

Nach nur zwei Minuten kam das per App bestellte Sammeltaxi um die Ecke gebogen. Wenige Minuten später war unser Autor bereits am Zielort angekommen. Ohne SSB Flex wäre er mit dem ÖPNV dort nicht hingekommen.
Nach nur zwei Minuten kam das per App bestellte Sammeltaxi um die Ecke gebogen. Wenige Minuten später war unser Autor bereits am Zielort angekommen. Ohne SSB Flex wäre er mit dem ÖPNV dort nicht hingekommen. © Foto: Foto
Stuttgart / TIlman Baur 22.06.2018

Feinstaub, Stickoxide, Lärm, Stau: Die Verkehrsproblematik in Stuttgart ist hinlänglich bekannt. Stadt und private Dienstleister haben mittlerweile eine Reihe von Angeboten auf den Weg gebracht, um die Bürger zum Umstieg vom Privat­auto auf öffentliche Verkehrsmittel zu bewegen. Der jüngste Vorstoß: SSB Flex.

Das Angebot der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) ist mit einem Sammeltaxi vergleichbar. Kunden fragen Fahrzeuge per App an, die sie an einer virtuellen Haltestelle in ihrer Nähe abholen. Die SSB sagt, sie wolle damit blinde Flecken auf der ­ÖPNV-Landkarte erschließen. Gebiete also, in denen es sich angesichts der Nachfrage für den Verkehrsbetrieb nicht rechnet, Busse oder Bahnen einzusetzen. Vorerst läuft ein Pilotversuch bis Ende 2019 in Degerloch und dem Osten von Bad Cannstatt – sollte sich SSB Flex bis dahin etabliert haben, geht es in den Regelbetrieb über.

Praktische Bestellung per App

Was kann das neue SSB-Taxi wirklich? Klarheit soll ein Test in Degerloch verschaffen. An der gleichnamigen Stadtbahnhaltestelle fordere ich per App ein Sammeltaxi an, das nach zwei Minuten prompt um die Ecke biegt. Es soll in die Reutlinger Straße gehen, ein Wohngebiet im
ÖPNV-Niemandsland.

Die App informiert mich sowohl über die Dauer bis zur Ankunft als auch über den Preis. Dieser ist variabel und richtet sich nach der zurückgelegten Strecke, aber auch danach, wie viele Kunden mitfahren. Dabei gilt: Je mehr Menschen mitfahren, desto günstiger wird es. Ich muss 3,40 Euro bezahlen, weil ich aber ein VVS-Ticket habe, reduziert sich der Preis auf 2,40 Euro.

Am Steuer sitzt Christine Jager, die bislang Busfahrerin bei der SSB ist. Die 52-Jährige muss sich an die Vorgaben des Navis halten, das einen umständlichen Weg vorschlägt. So dauert es acht Minuten statt der geplanten fünf, bis mich das Taxi in der Reutlinger Straße absetzt.

Die zweite Tour führt auf die Waldau, wo sich neben Stadien, Hallen und Sportfeldern auch der Fernsehturm befindet. Wieder dauert es nach der Bestellung nur zwei Minuten, bis das SSB-Taxi da ist. Das Navi schlägt diesmal den kürzesten Weg vor, und nach knapp fünf Minuten bin ich komfortabel am Ziel angekommen.

Doch zu früh gefreut: Weil sich die virtuelle Haltestelle auf der anderen Straßenseite befindet, muss die Fahrerin wenden. Pech nur, dass der auf dem Navi verzeichnete Wendepunkt nicht existiert. So muss Jager eine fünfminütige Extrarunde drehen, um auf der anderen Straßenseite zu halten. Schade: Anschlüsse an der Haltestelle Ruhbank (Fernsehturm) hätte ich so verpasst.

Da es sich um einen Pilotversuch handelt und sich der Algorithmus laut SSB fortwährend verbessert, könnten das Kinderkrankheiten sein. Die Reaktionsgeschwindigkeit auf Anfragen überzeugt allemal, auch wenn es zu Stoßzeiten länger dauern dürfte, bis ein Shuttle auftaucht.

Für OB Fritz Kuhn (Grüne) zählt ohnehin das große Ganze. Er will verschiedene Verkehrsmittel miteinander vernetzen, aufeinander abstimmen und so Anreize schaffen. Erst jüngst hat er zusammen mit der Daimler-Mobilitätstochter „Car2Go“ eine neue Flotte Elektro-Smarts eingeweiht, deren Batterien sich um ein Vielfaches schneller aufladen als die der Vorgängergeneration. Allein in Stuttgart zählt Car2Go 125 000 Kunden.

Vor wenigen Wochen ist mit Clever Shuttle ein weiteres Mobilitäts-Startup in Stuttgart gestartet. Der maßgeblich von der Bahn finanzierte Dienst funktioniert ähnlich wie SSB-Flex als Sammeltaxi, indem er per App abgesetzte Kundenanfragen bündelt. Ziel ist es, Reisende auf der sogenannten letzten Meile zu befördern, sie also etwa an einer S-Bahn-Station abzuholen und zum Ziel zu bringen.

Fest etabliert sind mittlerweile auch die hellblauen Elektro-Vespas der Stuttgarter Stadtwerke, die seit zwei Jahren in den Innenstadtbezirken unterwegs sind. Die Flotte umfasst mittlerweile 100 Roller. Im Frühjahr ist mit Regio Rad zudem ein Radverleihsystem gestartet, das auch Stuttgarts Außenbezirke bedient und das Kunden die erste halbe Stunde kostenlos nutzen können.

Infokasten
Mehr Kapazität bei den Straßenbahnen

Um die Ziele ihres Verkehrsentwicklungskonzepts 2030 zu erreichen, setzt die Stadt auf einen Mix an alternativen Mobilitätsangeboten. So wird etwa die Kapazität der Stadtbahnlinie U1 bis 2023 verdoppelt, andere Linien werden ebenfalls ausgebaut und erhalten Doppelzüge. Bereits seit vergangenem Dezember verbindet die U12 den Nordosten mit dem Südwesten der Stadt.

Zwischen Bad Cannstatt und der Innenstadt soll ab Oktober außerdem ein Expressbus verkehren, für den auf der B14 eine eigene, rot markierte Spur eingerichtet wird. Auf dieser pendeln die Busse morgens stadteinwärts und nachmittags stadtauswärts.

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