Kundgebung Stuttgart zeigt klare Kante gegen Rassismus

Die Veranstalter waren vom Andrang auf dem Karlsplatz überwältigt. 
Die Veranstalter waren vom Andrang auf dem Karlsplatz überwältigt.  © Foto: Ferdinando Iannone
Von Tilman Baur 15.09.2018

Es waren ungewöhnlich deutliche Worte, die Oberbürgermeister Fritz Kuhn am Freitag bei seinem Auftritt auf dem Karlsplatz wählte. Die rund 1200 Teilnehmer der Kundgebung gegen Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt hörten kein diplomatisches Geplänkel, sondern Klartext vom Rathauschef. Er sei gekommen, um zu zeigen, dass sich Stuttgart gegen rassistische Umtriebe zur Wehr setze, so der Grünen-Politiker. „Stuttgart ist eine Stadt der Vielfalt, dazu gehören unterschiedliche Herkünfte, Lebensstile und sexuelle Orientierungen. Wir fühlen uns durch Vielfalt nicht angegriffen, sondern ermutigt“, sagte Kuhn.

Seine Äußerungen waren als Kommentar auf den sogenannten „Bus der Meinungsfreiheit“ zu lesen. Die Bewegung „Demo für alle“ tourt mit dem Bus an acht Tagen durch acht Städte und nimmt für sich in Anspruch, die Ehe als Verbindung von Mann und Frau zu verteidigen.

In einer modernen und internationalen Großstadt wie Stuttgart wolle Kuhn sich jedenfalls nicht von „irgendwelchen Typen mit Hundekrawatten sagen lassen, wie ich zu denken, zu fühlen oder zu lieben habe“. Stuttgart sei eine Stadt der Integration.  „Wir sind eine der internationalsten Städte überhaupt, das ist unsere Stärke, und darauf sind wir stolz!“, rief Kuhn. Er bedauerte, dass rechtes Gedankengut mittlerweile den Bundestag erreicht habe. Seine Ansage war deutlich: „Die Neonazis und die AfD bekämpft man nicht, indem man ihnen nach dem Maul redet.“

Migration sei nicht die Mutter aller Probleme, wie Innenminister Seehofer behaupte. „Diesem Satz stellen wir uns entgegen, dagegen stehen wir in Stuttgart ein.“ Kuhn verwies darauf, dass die Stadt viele Flüchtlinge aufgenommen habe. Integration sei nicht immer einfach, doch Stadt und Bürgerschaft hätten gemeinsam große Erfolge erzielt.

Vor der Rednertribüne bot sich auf Stauffenberg- und Karlsplatz ein buntes Bild: Demo-Teilnehmer schwenkten Fahnen von Parteien, Gewerkschaften oder dem Friedenssymbol. Die Menge drängte sich bis zur Reiterstatue Kaiser Wilhelms I. auf dem Karlsplatz. Holger Edmaier vom „Projekt 100 Prozent Mensch“, das die Demo ins Leben gerufen hatte, zeigte sich überwältigt vom Andrang.

Nur einen Steinwurf entfernt bot sich ein gegensätzliches Bild: Auf dem Marktplatz demonstrierten wenige Dutzend Teilnehmer der „Demo für alle“ vor dem orangefarbenen „Bus der Meinungsfreiheit.“ Auch sie machten mit Transparenten auf ihr Anliegen aufmerksam. ‚„Sexualpädagogik der Vielfalt? Nein!‘, stand auf einem zu lesen. Die Kundgebung hatte eine halbe Stunde später begonnen. Von einer Kundgebung konnte man ohnehin nur eingeschränkt sprechen.

Denn rund um den von Polizisten umstellten Kern des Platzes hatten sich 800 Gegendemonstranten platziert, darunter eine starke Delegation der Stuttgarter Antifa. Die Gegendemonstranten übertönten die Kundgebung mit Trillerpfeifen, sobald ein Sprecher der „Demo für alle“ das Mikrofon ansetzte. Mit Schmähgesängen wie „Ihr seid ein lächerlicher Haufen“ oder „Christen lasst das beten sein – zieht euch Marx und Engels rein“ erstickten sie die Bemühungen der „Demo für alle“ im Keim. „Es ist schon beeindruckend, dass wir wie in einem Käfig gefangen sind, nur damit wir nicht angegriffen werden“, sagte Sprecherin Hedwig von Beverfoerde kaum hörbar.

Mehr als 30 Initiativen rufen zur Gegendemo auf

Die Veranstaltung „Gemeinsam Vielfalt erleben“ auf dem Stuttgarter Karlsplatz am Freitag war ursprünglich als Gegendemonstration zur „Demo für alle“ geplant. Diese war vor vier Jahren aus Kritik an der im Bildungsplan festgeschriebenen Sexualerziehung an Schulen entstanden. 

Am Freitag demonstrierten um die 80 Menschen auf dem Marktplatz für ein klassisches Familienmodell aus Vater, Mutter und Kindern. Die Organisation reist derzeit mit einem „Bus der Meinungsfreiheit“ durch Deutschland.

Die Gegendemo weitete sich durch die Übergriffe in Chemnitz zu einer Kundgebung gegen Rassismus aus. Aufgerufen hatten der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Kreisverbände der Grünen, der CDU, der SPD, der FDP und der Linken, die Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg, die Staatstheater und mehr als 30 Initiativen. tb

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