Innovation Stuttgart sucht Lösungen in der Luft

Seilbahn-Gondeln schweben in Berlin über das Gelände der Internationalen Gartenausstellung. Ein Bild, das auch in Stuttgart Realität werden könnte.
Seilbahn-Gondeln schweben in Berlin über das Gelände der Internationalen Gartenausstellung. Ein Bild, das auch in Stuttgart Realität werden könnte. © Foto: Britta Pedersen/dpa
Stuttgart / Dominique Leibbrand 10.07.2018

Dem täglichen Verkehrschaos einfach davonfliegen – das könnte in Stuttgart in einigen Jahren Realität werden. Die Stadt will prüfen lassen, ob sich urbane Luftseilbahnen realisieren lassen – an diesem Dienstag wird der Ausschuss für Umwelt und Technik aller Voraussicht nach grünes Licht für eine Machbarkeitsstudie geben. Sie soll bis zum Sommer 2019 Ergebnisse liefern.

Vier konkrete Strecken hat die Stadt im Blick. Allen voran eine Verbindung im Stadtteil Vaihingen, die bis nach Möhringen und eines Tages bis zum Flughafen führen könnte. Dem Gebiet drohen durch neue Wohnviertel und Gewebeansiedlungen schon bald erhebliche Verkehrsprobleme. Eine zweite würde vom Daimler-Werk in Untertürkheim über den Wasen in die City führen, eine dritte vom Pragsattel in den Osten der Stadt, die vierte von Sonnenberg über den Stadtteil Degerloch sowie die Uni Hohenheim bis nach Plieningen.

Dass innerstädtische Luftseilbahnen den öffentlichen Nahverkehr grundsätzlich entlasten und verstärken können, ist das Ergebnis einer Studie, die das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) im Auftrag des Landes Baden-Württemberg erstellt hat. Sie seien eine mögliche Ergänzung, wo die bestehenden Systeme etwa aus Platz- oder Kostenproblemen nicht funktionierten, sagte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) bei der Vorstellung der Studie am Montag im Stuttgarter Rathaus. Eine Erkenntnis, die nicht nur in Stuttgart vorherrscht, auch in Städten wie Heidelberg, Konstanz, Leonberg oder Schramberg wird darüber diskutiert, in die „dritte Dimension“ vorzustoßen. Gleichwohl schränkte Hermann ein: Ziel sei nicht, nun mit Seilbahnen in die Massenproduktion zu gehen, sondern ernsthafte Lösungen für Verkehrsprobleme zu finden. „Wir gehen zwar in die Luft, heben aber nicht ab“, betonte er. Alle Stuttgarter Strecken unterstützt er daher nicht. Am ehesten müsse man für Vaihingen eine Lösung finden. Wichtig sei zudem, solche Projekte mit den Bürgern ausführlich zu diskutieren, wie das in Stuttgart schon begonnen habe.

Chancen und Risiken aufzuzeigen, das war die Aufgabe der KIT-Wissenschaftler. Deutsche Vorbilder hatten sie dabei nicht – bundesweit gibt es (zumindest noch) keine urbanen Seilbahnen, die voll in den öffentlichen Nahverkehr integriert sind, allenfalls solche, die als Touristenattraktionen etwa im Rahmen von Gartenschauen wie in Berlin entstanden sind. Doch nur eine Vollintegration in den ÖPNV von Anfang an ergebe Sinn, machte KIT-Forscher Max Reichenbach deutlich. Im Nachhinein sei es stets schwierig, Seilbahnen in bestehende Systeme einzugliedern. Auch mangle es bei rein touristisch genutzten Bahnen wie etwa jener in Hamburg, die über die Elbe zu den Musical-Theatern führt, an der Akzeptanz in der Bevölkerung.

Vorteile städtischer Seilbahnen sind laut Reichenbach unter anderem, dass sie vergleichsweise wenig Platz benötigen, dank Elektroantrieb umweltfreundlich unterwegs sind, ein Aushängeschild für eine Stadt sein und Lücken schließen können, wo andere Verkehrsmittel an ihre Grenzen kommen. Pro Stunde und Richtung könne eine Seilbahn bis zu 6000 Passagiere transportieren.

Günstiger als neue Stadtbahn

Grenzen sieht Reichenbach unter anderem darin, dass die Verbindungen nur geradlinig von Punkt zu Punkt verlaufen, dass Überflugrechte über die betroffenen Grundstücke geklärt werden müssen und dass Wartungen schwierig zu organisieren sind. Bei den Kosten sieht er Licht und Schatten: Seilbahnen seien günstiger zu realisieren als eine neue Stadtbahn-, allerdings auch teurer als eine Buslinie.

Das Fazit des KIT-Forschers: „Seilbahnen sind kein Allheilmittel für die Lösung urbaner Verkehrssysteme.“ Ihr Nutzen hänge stark von lokalen Gegebenheiten ab. Da es aber eine grundsätzliche Offenheit gegenüber dem Thema gebe, lohne sich eine grundlegende Prüfung. Entscheidend sei, dass ein Seilbahnprojekt verwirklicht werde, um den Nutzen im Realbetrieb zu testen. Stuttgart möchte dabei Vorreiter sein. Doch die Konkurrenz schläft nicht: In Wuppertal laufen bereits konkrete Planungen für eine Seilbahn.

Was Nutzer von Seilbahnen halten

Akzeptanz In Südamerika sind urbane Seilbahnen schon weit verbreitet, in Deutschland gibt es sie hingegen nur vereinzelt als Touristenattraktionen. Entsprechend wenig weiß man über die Akzeptanz von Nutzern. Ein Forschungsprojekt aus Graz gibt jedoch erste Hinweise. Dabei konnten sich 50 Prozent der Befragten vorstellen, eine Seilbahn mehrmals im Monat zu nutzen, an eine tägliche Nutzung dachten allerdings nur zwei Prozent. Bei einem direkten Vergleich von Stadtbahn, Bus und Seilbahn schnitt die Straßenbahn am besten ab. dl

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