Stuttgart Stuttgart historisch überlegen

Stuttgart / WENKE BÖHM 15.09.2015
Als Ruhrgebiet Stuttgarts muss sich Feuerbach verspotten lassen, als Bosch-Standort ist es weithin bekannt. Doch der Stadtteil im Norden hat viel mehr zu bieten. Seine Geschichte reicht in die Steinzeit.

Schon die Steinzeitmenschen und die Römer haben seinen Wert erkannt. Feuerbachs Geschichte reicht Jahrtausende zurück. "Es gehört zu den ältesten Siedlungen in Württemberg. Hier siedelten die Menschen schon, als es in Stuttgart nur Ställe gab", sagt Ortshistoriker Joachim Arendt mit einem Schmunzeln.

Im industriellen Herzen, im Osten Feuerbachs, machen Arbeiter 1935 die überraschende Entdeckung: Als sie den Schacht für eine neue Halle der Firma Roser ausheben wollen, stoßen sie auf zwei Gräber. Sie belegen, dass schon in der Jungsteinzeit, vor 5000 bis 6000 Jahren, Menschen am damals noch wasserreichen Feuerbach siedelten. Wer heute den Bach auf dem Areal zwischen Brauhaus, Baumarkt und Musikschule sucht, der muss genau hinschauen: Die namensgebende Lebensader von einst ist hier heute nur noch ein in Beton gepferchtes Rinnsal.

Nicht nur die Steinzeitmenschen haben Spuren im heutigen Feuerbach hinterlassen, auch die Römer. Rund 2000 Gutshöfe bauen sie im südwestdeutschen Raum, Überreste eines Bades und einer Keramikproduktionsstätte werden später im nördlichen Stadtteil gefunden. Die schnurgerade römische Consularstraße verläuft über die heutige Stuttgarter Straße, Hohewartstraße und das "Steinsträßle". Eine Karte der Römerstraßen aus dem Dominikanermuseum Rottweil kennt neben Straßburg, Basel und Augsburg auch Feuerbach,

Den 77-jährigen, sechsfachen Großvater Arendt scheint die historische Überlegenheit des Stadtteils gegenüber der heutigen Metropole zu freuen. Nach den Römern kommen die Sueben, denen die Schwaben ihren Namen verdanken, und ihre Nachfahren gründen um 500 nach Christus ein Dorf - mit Holzhäusern rechts und links der heutigen Stuttgarter Straße. Fränkische Missionare errichten um 800 die erste Holzkirche - dort, wo heute die evangelische Stadtkirche Sankt Mauritius steht.

Erstmals urkundlich erwähnt wird Feuerbach 1075 im sogenannten Codex Hirsaugiensis von König Heinrich IV. Damals, vor den Lautverschiebungen, hieß der Ort noch Biberbach. Doch: "Es gab nie einen Biber in Feuerbach", stellt Arendt klar. Auf der Internetseite www.feuerbach.de schreiben zwei weitere Experten: "Das Wappen von 1907 beruht daher auf einem Irrtum."

Wer heute bei Feuerbach sofort an die großen Firmen, an Siemens- und Heilbronner Straße denkt, der tut dem Ort Unrecht. Denn rund um die malerisch auf einem Hügel gelegene Stadtkirche gibt es noch einen gewachsenen historischen Ortskern - mit Kelter, Wochenmarkt, reichlich Baudenkmälern und allem, was sonst noch so dazu gehört. Die Geschäfte finden sich rund um die lange Stuttgarter Straße. "Dieses Haus galt lange als das älteste Fachwerkhaus in Stuttgart", sagt Arendt und zeigt auf eine Fachwerk-Scheuer von 1443, die nahezu original erhalten und sehr liebevoll gepflegt ist. Sie steht direkt gegenüber der Stadtkirche. Ihr Fachwerk ist alemannisch, errichtet in so genannter Ständer-Rähm-Bauweise. Ein Kleinod. "Leider hat man später in Bad Cannstatt ein älteres Haus gefunden."

Von der Kirche herab führt das Bärenstäffele, die zentralste der 32 Staffeln mit insgesamt rund 1800 Stufen im Stadtteil. Viele liegen am Killesberg-Hang. Der Park selbst gehört für Feuerbacher zwar gefühlt zu ihrem Ort, offiziell wird er aber zu Stuttgart-Nord gezählt. Das kleine Bärenstäffele hat ebenfalls nichts mit dem Tier zu tun. Eigentlich heißt es Bäderstäffele, weil an seinem Fuß jahrhundertelang ein Bad gestanden hat, das erst im 19. Jahrhundert durch ein Bauernhaus ersetzt wurde.

Folgt man der Staffel, kommt man zum Oelschläger-Haus, in dem der bekannte Kinderbuchautor und Illustrator Eric Carle seine Schul- und Studienzeit verbrachte. Sein bekanntestes Werk ist "Die kleine Raupe Nimmersatt". Er lebt heute in den USA. "Ich habe mit ihm telefoniert, und er weiß heute noch, wie nach einem Bombeneinschlag Reste des alten Badhauses gefunden wurden", berichtet der Historiker. Er hat Carle ein kleines Denkmal gesetzt: Eine von rund 70 Tafeln, die er an historischen Bauwerken in Feuerbach angebracht hat, erinnert an den Autor.

Die Industrialisierung beginnt schon Mitte des 19. Jahrhunderts. Zuerst entsteht eine chemische Fabrik, später folgen weitere, dann metallverarbeitende und andere Betriebe. Leitz-Ordner werden hier aus der Taufe gehoben. 1907 erhält Feuerbach das Stadtrecht, der Ort wächst rasant. Bahnhofsgebäude, Rathaus und Festhalle entstehen. Die erste Straßenbahn fährt 1909 durch die Stuttgarter Straße. Wenig später werden auch die ersten Bosch-Zündkerzen im Ort verfeinert. Die Firma wird zu seinem größten Arbeitgeber. 1933 schließlich wird Feuerbach nach Stuttgart eingemeindet.

Chemie, Metall, Leder - auf vielen Grundstücken hat die Industrie ungesunde Spuren hinterlassen. Nicht selten müssen vor Bauprojekten Altlasten beseitigt werden. Und gebaut wird viel, vor allem im industriellen Ostteil. An mehreren Ecken entstehen derzeit neue Firmengebäude und Wohnhäuser. Am Bahnhof wird der Feuerbacher Tunnel für das Bahn-Projekt Stuttgart 21 gegraben.

Durch die großen Firmen ist Feuerbach mit seinen rund 28 000 Einwohnern heute international und bunt. Und es hat etwas, das in dieser Form rar ist: Zwischen Bahnhof und Heilbronner Straße gibt es ein kleines türkisches Geschäftsviertel. Hier soll demnächst auch Stuttgarts neue Großmoschee entstehen.

Serienende Der Bericht über Feuerbach ist gleichzeitig der vorerst letzte in unserer Sommerserie über die Stuttgarter Stadtteile. Eine Fortsetzung im kommenden Jahr ist geplant.

Eine der vier ältesten Kirchen der Region

Stadtkirche Mit ihrer hölzernen Vorläuferkirche aus dem achten Jahrhundert gehört die Stadtkirche St. Mauritius laut Joachim Arendt zu den vier ältesten Kirchen in der Region. 1272 wird der erste Pfarrer der Gemeinde erwähnt. Der steinerne Turm habe bereits im 14. Jahrhundert existiert. Ihre aktuelle Form erhielt die Kirche 1789.

Rathaus Bei der Feier zur Stadterhebung wurde im Dezember 1907 der Grundstein für das Feuerbacher Rathaus gelegt, das Anfang August 1909 eingeweiht wurde. Die Zweiflügel-Anlage der Architekten Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle zeigt Elemente der süddeutschen Renaissance, des Neoklassizismus und des Jugendstils. Wilhelm Geiger, der dem Rathausplatz später seinen Namen geben sollte, hatte hier von 1923 bis 1933 seinen Amtssitz als Oberbürgermeister.

Weiterlesen Joachim Arendt hat sein Wissen im Buch "Begehbares Feuerbacher Gedächtnis" festgehalten. Preis: fünf Euro.

 

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