Auf der Autobahn Stau, die Züge verspätet. Berufspendler haben lange Arbeitstage, sind psychisch und physisch besonders belastet – und ihre Zahl wächst. Gerade hat das Statistische Amt in Stuttgart die aktuellen Zahlen veröffentlicht. 230 000 Berufstätige fahren zum Job in die Stadt, 87 000 verlassen sie, um auswärts liegende Arbeitsstellen aufzusuchen. Das sind zusammen weit mehr als die Hälfte der 500 000 Stuttgarter Erwerbstätigen.

Eine Studie der Techniker Krankenkasse zeigt, dass sich 41 Prozent der Baden-Württemberger durch die Teilnahme am Verkehr gestresst fühlen und Pendler im Ländle wegen psychischer Störungen öfters krankgeschrieben werden als Berufstätige, die nicht pendeln müssen. Depressionen sind einer der Hauptgründe, warum Patienten die Klinik für Integrative Medizin und Naturheilverfahren im thüringischen Bad Elster aufsuchen. Der Chefarzt dort kennt die Situation seiner Patienten: Seit sieben Jahren pendelt Steffen Häfner von Stuttgart, wo er mit seiner Familie lebt, nach Thüringen zur Arbeitsstelle. Er selbst fühlt sich nicht belastet, erforscht aber seit gut 20 Jahren, ob Pendeln krank macht. „Und ich habe zunehmend Patienten, die betroffen sind“, sagt Häfner. Vor sieben Jahren seien es geschätzt unter zehn Prozent gewesen. „Jetzt sind es mindestens 20 Prozent, die mit gesundheitlichen Problemen aufgrund langer Arbeitswege zu uns kommen“, berichtet er.

Häfner hat festgestellt, dass Arbeitswege, die täglich länger als 90 Minuten dauern, zu einer gesundheitlichen Belastung werden können. Häufige körperliche Symptome sind Kopf- und Rückenschmerzen, Störungen im Magen-Darm-Bereich oder im Herz-Kreislauf-System. Als Psychosomatiker interessieren ihn vor allem die psychischen Auswirkungen. Depressive Verstimmungen, Ängste, Schlafstörungen, Erschöpfungszustände, Tagesmüdigkeit – mit diesen Symptomen suchen seine Patienten die Klinik auf. Häufig stellt sich heraus, dass ihr Leben aufgrund der langen Pendlerzeiten aus den Fugen geraten ist. „Lange Wegstrecken können das Fass zum Überlaufen bringen. Reisezeit ist ebenso belastend wie Arbeitszeit.“

Wie sieht eine Behandlung aus? „Wir legen großes Gewicht auf Entspannungsverfahren, mit deren Hilfe man lernt, sich effektiver zu erholen und damit das Gesamtsystem zu stabilisieren. Also Techniken, um mit dem anstrengenden Leben besser umzugehen.“ Das funktioniere kurzfristig meist gut, erklärt der Arzt, der aber auch Rückmeldungen von Patienten erhält, die – sechs bis zwölf Monate nach ihrem Klinikaufenthalt – doch die Reißleine ziehen, den Pendlerjob aufgeben und ihr Leben umstellen.

Was kann man also tun, wenn es keine Alternative zu einem weit entfernten Job gibt? „Das sollte wirklich sorgfältig überprüft werden“, sagt der Mediziner. Natürlich sei eine Arbeit, in der man sich selbst verwirklichen könne, sich wohl fühle und gut verdiene, ein starker Anreiz. „Dann wird auch das Pendeln nicht als besondere Belastung empfunden. Aber der Schuss kann auch nach hinten losgehen.“ Es sei ratsam, die eigene Situation immer wieder zu checken.

Auch die Arbeitgeber seien gefragt. Mit ihnen ist Häfner wenig zufrieden: „Da gibt es durchaus Potenzial für flexiblere Arbeitskonzepte. Jeder Tag, an dem ein Fernpendler nicht fahren muss, ist ein Gewinn – auch für den Arbeitgeber. Er kann dann mit einem ausgeruhten und kreativeren Mitarbeiter rechnen.“ Man müsse nicht überall vor Ort sein. Oft genüge für Planung oder Abstimmung auch eine Telefonkonferenz. Oder man teilt die Arbeit in Büro- und Home-Office-Zeiten auf, fordert Häfner, der beklagt, dass Arbeitgeber sich kaum damit beschäftigen, von wo der Mitarbeiter zur Arbeit kommt.

Im Zug etwas entspannen

Generell empfiehlt er, wenn möglich, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Auch wenn es dort Stressfaktoren gäbe, wie überfüllte Züge, Verspätungen oder Ausfälle, könnte der Pendler wenigstens einen Teil der Zeit entspannen oder etwas vor- oder nacharbeiten. Das sei nicht möglich, wenn man selbst am Steuer sitze.

Ihm selbst allerdings bleibt nur das Auto zur Fahrt von seinem Familienwohnsitz in Stuttgart-Vaihingen in die 400 Kilometer entfernte Klinik. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln würde er mindestens acht Stunden, also doppelt so lange, brauchen. Warum er überhaupt pendelt, erklärt er so: „Wir haben beide Jobs, die wir nicht aufgeben möchten. Meine Frau arbeitet im Staatsministerium, unsere Drillinge haben hier in Stuttgart ihre Heimat.“

Seine Freitag- und Sonntagabende wird er also weiterhin auf A 6 und A 9 zubringen. Unter der Woche bleibt er in Bad Elster, wo er einen Zweitwohnsitz hat. „Da ich nicht jeden Tag fahren muss, empfinde ich die Zeit im Auto als nicht ganz so anstrengend. Ich habe früher in Tübingen gearbeitet und bin dort auch meist so spät aus der Klinik nach Hause gekommen, dass die Kinder längst im Bett waren. Jetzt kann ich mich die Woche über auf die Arbeit konzentrieren.“ Dafür halte er die Wochenenden frei für Familie und Privates. „Insofern passt diese Lösung für uns bisher ganz gut.“

Weniger Fehltage als in anderen Bundesländern


Mit 12,3 Fehltagen sind baden-württembergische Arbeitnehmer deutlich seltener krankgeschrieben als Arbeitnehmer anderer Bundesländer, die auf bis zu 19 Fehltage kommen. Das zeigt eine noch nicht veröffentlichte Studie der Techniker Krankenkasse. Andreas Vogt, Leiter der TKK in Baden-Württemberg, macht aber auf die Häufigkeit der einzelnen Krankheitsbilder aufmerksam: „.Auch wenn die Fehlzeiten im Land aktuell rund 20 Prozent unter dem Bundesschnitt liegen, ist das kein Grund zur Entwarnung.“

Die depressive Episode stehe bei den Einzeldiagnosen auf Platz drei der Hauptursachen von Krankschreibungen – hinter Atemwegs-Infekten und Rückenschmerzen. Diese Form der Depression trete häufig auf, wenn Arbeit plus lange Arbeitswege zu anstrengend werden. bw