Hochhaus Streit um grüne Fassade

Der Siegerentwurf zum Turm am Mailänder Platz sah eine begrünte Fassade vor
Der Siegerentwurf zum Turm am Mailänder Platz sah eine begrünte Fassade vor © Foto: . Foto: Strabag Real Estate
Stuttgart / Uwe Roth 05.06.2018

Die begrünte Fassade bröckelt, noch bevor sie steht: An der Heilbronner Straße in Stuttgart soll ein 60 Meter-Hochhaus die Baulücke zwischen dem Einkaufszentrum Milaneo und der Landesbank schließen. Das neue Europaviertel ist bisher nüchtern geraten. Die Natur schien in der Planung vergessen worden zu sein. Nun sollte nach dem Wunsch der Stadtverwaltung und des Gemeinderats zumindest der letzte Bauabschnitt am Mailänder Platz mit einer von Pflanzen bestückten Fassade ein grünes Zeichen setzen und frühere Fehler wettmachen. Doch dieser Plan droht nun zu scheitern.

Im Juli vergangenen Jahres hatte sich die Jury eines Architekturwettbewerbs auf einen Sieger festgelegt, dessen Pläne alle Anforderungen zu erfüllen schienen. Auf dem Plan waren in der Fassade Nischen für Pflanzen eingezeichnet. Im Sommer sollte Baubeginn sein. Eigentlich. Doch tatsächlich ist in dem Jahr nichts passiert – außer dass sich die Stadt und der Investor, die Strabag Real Estate (SRE), streiten. Letztere will die 120 Millionen Euro teure Immobilie an zwei Hotelbetreiber vermieten, die dort insgesamt 450 Zimmern und Appartements unterbringen wollen.

Investor bestreitet „Unwillen“

Anlass des Dauerärgers ist, dass die SRE vom Siegerentwurf nichts mehr wissen und am liebsten mit dem zweiten Preisträger das Projekt realisieren möchte. Der sieht bei seinem Entwurf lediglich einen konventionellen und mit wenig Aufwand anzulegenden Dachgarten vor. Eine Sprecherin des Kölner Unternehmens versichert auf Anfrage, es liege nicht an „Unwillen“, dass bislang kein Bauantrag vorliege, der den Planungswünschen der Stadt entspreche. Seit über einem halben Jahr habe der Wettbewerbssieger, „gewissenhaft alle erdenklichen Möglichkeiten geprüft, um Grün in die Fassade am Mailänder Platz zu bringen“, lässt sie vom für Stuttgart verantwortlichen Uwe Jaggy ausrichten. Die Ursache liege „an den in Deutschland rechtsverbindlichen Brandschutzauflagen“. Im Preisgericht saßen Vertreter aus dem Rathaus, des Gemeinderats, der Architektenkammer und des Investors. Warum dieses nicht vorab geklärt hat, was bei der Begrünung eines Hochhauses baurechtlich möglich ist, ist bislang ungeklärt. CDU-Fraktionschef Alexander Kotz war Jurymitglied und zeigt sich empört, wie der Investor versucht, das Gemeinderatsvotum zu ignorieren. „Man sieht sich immer zweimal“, sagt er und meint damit, dass die SRE unter besonderer Beobachtung stehe, wolle sie mal wieder in Stuttgart bauen. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Andreas Winter fühlt sich auch vom ersten Preisträger an der Nase herumgeführt. Schließlich habe dieser den Wettbewerb gewonnen, weil er überzeugend dargelegt habe, dass sein Entwurf funktioniert. Er habe als Bepflanzung konkret Reben vorgeschlagen, um einen Bezug zu den Weinbergen an den dahinterliegenden Hängen des Stuttgarter Kessels herzustellen. „An diesem Anspruch wird er sich messen lassen müssen“, kündigt Winter an.

Tatsache ist, die städtischen Vertreter haben sich mit ihren Stimmen bei der Wahl des ersten Preisträgers durchgesetzt, der in der Abstimmung unterlegene Investor aber mit der Forderung, sich aus den drei Preisträgern das Architekturbüro selbst aussuchen zu können. Bereits bei der Vorstellung der Preisträger vor einem Jahr hat die SRE erkennen lassen, dass ihr eigentlicher Favorit der zweite Gewinner ist, ein in Wien ansässiges Büro. Es kam die Frage auf, ob SRE mit dem konventionellen Entwurf Geld sparen will oder ob es auch mit Personen zusammenhänge. Denn einer der Geschäftsführer ist der Sohn eines früheren Vorstands der österreichischen Strabag.

Jaggy versteht die ganze Aufregung nicht: Die Begrünung hat nach seiner Ansicht in den Ausschreibungsunterlagen „nicht ansatzweise den zentralen Stellenwert, der ihm in der aktuell geführten Debatte beigemessen wird“. Er habe die Ausschreibung so verstanden, dass sich die Teilnehmer mit der „möglichen Begrünung der Fassade“ auseinandersetzen sollten, allerdings ohne die Verpflichtung, eine solche auch zwingend zu planen.

Stadt hat wenig Handhabe

Die Stadt Stuttgart steht auf der Seite des Gemeinderats. Baubürgermeister Peter Pätzold (Bündnis90/Die Grünen) hat „in einem Schreiben die Haltung der Stadt aus dem Wettbewerb deutlich gemacht und die Erwartung ausgedrückt, dass Strabag diese Absichten überdenkt“, teilt ein Rathaussprecher auf Nachfrage mit. Darin seien mehrere Firmen genannt worden, die vergleichbare Begrünungen, unter anderem am Frankfurter Flughafen, durchgeführt haben. Botschaft: Es geht, wenn man nur will.

Allerdings muss der Rathaussprecher einräumen, dass „aus dem Bebauungsplan heraus die Stadt keine rechtliche Möglichkeit hat, eine Begrünung zu erzwingen“.

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Künstlich angelegter Wald

In Frankfurt hat Ende März die Vermarktung von 263 Wohneinheiten begonnen, die in einem 98 Meter hohen Hochhaus mit Fassadenbegrünung untergebracht werden sollen. Der Baubeginn ist noch offen.

In China soll ein senkrechter Wald die Fünf-Millionen-Metropole Nanjing entgiften. Er wird nicht nur hübsch aussehen und den tristen Großstadtdschungel mit mehr Farbe aufwerten. Insgesamt 1100 Bäume und 2500 Sträucher sollen jährlich 25 Tonnen Kohlendioxid aus der Luft ziehen und 60 Kilogramm Sauerstoff täglich erzeugen. Die 200 und 108 Meter hohen Gebäuden sollen mit 23 verschiedenen Pflanzenarten dazu beitragen, die Biodiversität wiederherzustellen. Die Idee stammt vom italienischen Architekten Stefano Boeri, der in Mailand ein ähnliches Projekt realisiert hat. uro