Rückzugsorte  Stillen ohne schiefe Blicke

Eine entspannte Atmosphäre herrscht in „Karl´s Kitchen“ im vierten Stockwerk des Kaufhauses Breuninger.
Eine entspannte Atmosphäre herrscht in „Karl´s Kitchen“ im vierten Stockwerk des Kaufhauses Breuninger. © Foto: Ferdinando Iannone
Nadja Otterbach 28.12.2017

Mama und Papa nippen entspannt am Milchkaffee und beobachten durchs Schaufenster vorbeischlendernde Passanten. Der Nachwuchs tummelt sich in der Spielecke. So sieht er aus, der Elterntraum vom Stadtbummel – inklusive Einkehr. Familienfreundliche Lokale gibt‘s in Stuttgarts City einige – man muss nur wissen, wo.

Ulrike Plank kennt das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Die zweifache Mutter aus Stuttgart musste die Erfahrung machen, dass es manchmal schlicht an Raum fehlt für Kind und Kegel. Sie wurde einmal gebeten, sich mit dem schlafenden Baby ein anderes Lokal zu suchen. Grund: Es war Mittagszeit, das Haus gut besucht. Die 40-Jährige hegt deswegen keinen Groll. „Ich verstehe das schon, wenn es mal eng zugeht. Wenn ich meinen Kinderwagen an den Tisch stelle, bedeutet das für das Lokal zwei Gäste weniger, die etwas bestellen.“

Malstifte und Wickelplätze

Mittlerweile hat die Stuttgarterin ein Café entdeckt, in dem sie sich mit ihren Töchtern wohlfühlt: die „Riceteria“ in der Schulstraße 8, die zu Korbmayer gehört. Jedes Fleckchen des 110 Quadratmeter großen Raums ist pastellig-bunt. Ulrike Plank schätzt an der „Riceteria“ vor allem die zentrale Lage und das Angebot, das auch viel für Kinder bereithält. Hier kann sie stillen, ohne schief angesehen zu werden, ihre Vierjährige wählt selbst an der Theke aus. Es gibt eine Kinderküche, Malbücher und einen Wickelplatz. „Hier stillen immer mindestens drei Mütter gleichzeitig“, sagt Café-Leiterin Sophie Henneka, selbst Mama. Sie wirbt mit gesundem, hausgemachtem Essen (www.riceteriabyrice.com).

Julia Frick, 34, dreifache Mutter aus Stuttgart-Nord, ist Stammkundin bei Breuninger in der Marktstraße. Wenn der Nachwuchs quengelt, steuert sie „Karl‘s Kitchen“ im vierten Stock des Traditionskaufhauses an – eine Adresse, die viele Eltern gespeichert haben dürften. Spiel­ecke, Kinderwagen-Parkplätze, Wickelmöglichkeiten – in dem Lokal mit 400 Plätzen mangelt es Eltern an nichts. Zwischen 100 und 150 Familien zählt Restaurantchef Sebastian Prechter täglich, samstags „deutlich mehr“. Alle Gerichte werden frisch in der offenen Küche zubereitet, für Kinder gibt’s eine Extra-Karte. Ob Maultaschen, Pasta oder Schnitzel, „wir berechnen pro Lebensjahr des Kindes nur 50 Cent fürs Essen“, so Prechter (www.karls-kitchen.de).

Im Brauhaus Schönbuch, Bolzstraße 10, fallen tobende Kinder gar nicht erst auf. Das Lokal ist groß, es geht locker zu. Lokalchef Selcuk Velioglu betont, dass Familien bei ihm willkommen sind. „Kinder sind unsere Zukunft. Uns ist wichtig, dass sie bei uns Kind sein dürfen.“ Soll heißen: Pommes mit den Fingern essen, fröhlich durchs Lokal hüpfen, alles ausdrücklich erlaubt. Das Brauhaus Schönbuch liegt parallel zur Königstraße, Malstifte, Kindergerichte und Wickelmöglichkeiten sind vorhanden (www.brauhaus-schoenbuch).

Viel Platz und den obligatorischen Service (von Malstift bis Wickelplatz) bietet auch die „Alte Kanzlei“ am Schillerplatz. Helle Räume, schwäbische und internationale Küche – vor allem samstags lassen es sich Eltern und Kinder hier gutgehen, weiß Mitarbeiter David Vlachakis (www.alte-kanzlei-stuttgart.de).

Weitere familienfreundliche Lokale sind das „Besitos“ am Rotebühlplatz 21, das spanische Tapas serviert – und Bilderbücher und Malutensilien gleich dazu (www.stuttgart.besitos.de) – sowie das italienische Lokal „Il Pomodoro“ am Wilhelmsplatz 4, das als unkompliziert und bodenständig gilt (www.il-pomodoro-stuttgart.de).

Ein besonderes Ambiente finden Familien im Café Babel in der Uhlandstraße 26 zwischen Olgaeck und Eugensplatz. Hier trifft Kunst auf Genuss und Kinder auf Schaukelpferd und Bilderbücher. Auch hier dürfen die Kleinen ihren Bewegungsdrang ausleben, sagt Mitarbeiterin Kerstin Wagner. Eine Kinderkarte sei nicht nötig, sämtliche Gerichte gibt’s auch als kleine Portionen (www.babeleck.de).

Längst kein Geheimtipp mehr ist die Jako-o-Filiale in der Hirschstraße 26. Eltern mit Babys und Kleinkindern trifft man hier zuhauf. Nicht nur, weil sie hier Spielsachen und Bekleidung einkaufen können, sondern auch wegen des Eltern-Cafés im Obergeschoss, in dem sich jeder selbst bedient. Es gibt einen Wickelraum (www.jako-o.de).

Ähnlich unkompliziert ist‘s im Haus der Katholischen Kirche. Die Räume in der Königstraße 7 nutzen viele Familien für eine Auszeit vom Einkaufsmarathon. Am Tisch im Atrium wird gevespert, was man sich von zu Hause mitgebracht hat. Kaffee oder Kakao holt man sich im Café nebenan (www.hdkk-stuttgart.de).

Infokasten
Attraktiv sein für kleine Gäste

Die Landeshauptstadt will für ihre jungen Bewohner und für ihre kleinen Gäste lebenswert und attraktiv sein. Um dieses Thema kümmern sich im Stuttgarter Rathaus ein Kinderbüro und die Kinderbeauftragte Maria Haller-Kindler. Sie ist überzeugt, dass  Familien „in jedem Fall in der Innenstadt kinderfreundliche Restaurants und Cafés finden“. Ein familienfreundliches Lokal biete seinen Gästen angemessene Still- und Wickelmöglichkeiten, Platz zum Abstellen von Kinderwagen, Kinderhochstühle und Kindermenüs zu erschwinglichen Preisen, so die Kinderbeauftragte. „Außerdem treffen Familien dort auf Verständnis für Kinder, denen es auch mal langweilig wird.“   nad