Stadtpalais Start mit „epischen“ Zahlen

Die interaktive Stadtkarte ist das Herz der Dauerausstellung.
Die interaktive Stadtkarte ist das Herz der Dauerausstellung. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Dominique Leibbrand 17.05.2018

Dort ein Riss in einer Glasvitrine, hier eine defekte Ausstellungsschublade: Etwas mehr als vier Wochen nach der Eröffnung von Stuttgarts neuem Stadtmuseum hat bereits der Verschleiß eingesetzt. Gebrauchsspuren, die die Museumsmacher ärgern könnten, stünden sie nicht gleichzeitig auch für den mehr als erfolgreichen Start, den das Stadtpalais hingelegt hat. Das vorläufige Fazit von Direktor Torben Giese ist jedenfalls mehr als überschwänglich: „Die Besucherzahlen sind episch.“ Mehr als 40 000 Menschen haben das Palais demnach seit der Eröffnung am 14. April besucht. Giese: „Das übertrifft alle unsere Erwartungen.“ Den Ausstellungsbauern macht er ob der ersten Macken also keinen Vorwurf. Bei so vielen Besuchern sei das normal.

Erheblichen Anteil an der Bilanz hatte die Eröffnungswoche mit vielen Aktionen und Veranstaltungen, in der allein 20 000 Besucher gezählt wurden. Doch auch danach riss der Strom nicht ab. „Der 24. April, der erste reguläre Öffnungstag, war für mich der eigentliche Tag der Wahrheit“, sagt der promovierte Historiker, der einige Erfahrung mit Pleiten hat. Er hat Eröffnungen erlebt, bei denen zum feierlichen Auftakt 2500 Leute und am ersten regulären Tag weniger als 50 kamen. Im Stadtpalais wurden am 24. April indes rund 700 Besucher registriert. Giese konnte durchatmen.

Freier Eintritt hilft

Gehe die Entwicklung so weiter, knacke man in diesem Jahr die 100-000er-Marke. Für ein Museum sei das stark – zumal für ein Stadtmuseum, stellt der 39-Jährige fest. Dass nur die Sonderausstellung Eintritt kostet – Dauerausstellung, der Kinderbereich sowie die kleineren Ausstellungen im Erdgeschoss sind umsonst – helfe natürlich. Das senke die Hemmschwelle, erneut zu kommen. Größter Anziehungspunkt derzeit ist denn auch die Dauerausstellung, die sich mit Stuttgarts Geschichte von 1800 bis heute beschäftigt. Die Schau, deren Herzstück eine große interaktive Stadtkarte ist, setzt auf die Lust der Besucher, selbst anzufassen. Sie können Knöpfe drücken, Schubladen herausziehen oder Modelle von Gebäuden und Dingen auf einen Tisch hieven und sich die passende Geschichte anzeigen lassen – über die Mercedes-Benz-Arena, Schloss Solitude oder auch den Juchtenkäfer.

Das Feedback der Besucher zur Dauerausstellung, so Giese, sei sehr positiv. Freilich gebe es Diskussionspunkte: „Die einen wünschen sich hier zwei Sätze mehr, die anderen dort zwei Sätze weniger.“ Die nächsten mehr Stoff zu Stuttgart 21. An sich gebe es jedoch wenig grundsätzliche Anmerkungen. Anders als man vielleicht meinen könnte, bestehe die Zielgruppe nicht nur aus Stuttgartern, sondern erstrecke sich auf die ganze Metropolregion.  „Stuttgart ist ein Identifikationspunkt“, sagt Giese. Sein persönlicher Eindruck sei zudem, dass die Besucher teilweise jünger als in Museen üblich seien. Belastbare Zahlen habe er aber nicht. Fundierte Besucherbefragungen sollen noch folgen.

Trotz aller Euphorie rechnet Giese damit, dass der Hype um die Dauerausstellung nicht ewig anhalten wird. Für den Fall will er vorsorgen. Über neue Formate und Veranstaltungen – schon jetzt ist das Haus fast jeden Abend ausgebucht – sowie spektakuläre Ausstellungen. Er hofft, einmal im Jahr einen „richtigen Treffer“ zu landen. Potenzial gebe es genug. Da Stuttgart zuvor kein Stadtmuseum gehabt habe, habe er sozusagen ein unbeschriebenes Blatt vor sich.

Mehr Forschung nötig

Was Giese langfristig allerdings fehlt, ist der theoretische Unterbau. In Frankfurt fülle die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Stadtgeschichte eine ganze Bibliothek, in Stuttgart drei Regale. Das Stadtpalais allein könne eine vertiefte Forschung nicht leisten – die Mittel seien begrenzt. Er wolle aber zumindest versuchen, Anstöße in die Richtung zu geben.

Auf der To-do-Liste des Direktors steht außerdem, die Mediaguide-App, mit der man im Stadtgebiet auf geschichtliche Spurensuche gehen kann, stärker zu bewerben. Im nahenden Urlaub will er sich zudem über weitere Verbesserungsmöglichkeiten Gedanken machen. Dafür sei bislang keine Zeit gewesen. „Es kommt mir so vor, als hätten wir erst gestern eröffnet.“

Motoren-Skulptur im Museumsgarten

Mobilität neu denken – in Stuttgart derzeit eine der drängendsten Aufgaben. Symbolisch dafür wurde am Mittwoch im Garten des Stadtpalais das Kunstwerk „Motorbonk“ des Kunstprojekts Performance Electrics eingeweiht. Die Skulptur ist ein dekonstruiertes Automobil, reduziert auf einen Mercedes-Motor und einen Auspuff. Der Kunst-Motor ist mit einer Kunst-Stele im Innern verbunden und generiert deren Strom. eb

Infokasten