Kultur Stadt und Künstler zanken über „Sancturarium“

Stuttgart / Caroline Holowiecki 20.08.2018

Ist das Kunst, oder kann das weg? Im Frühjahr dieses Jahres hat ein Team des Stuttgarter Garten-, Friedhofs- und Forstamtes entschieden: Das muss sogar weg. Und seither hängt der Kunst-Haussegen im Rathaus schief. Erwischt hat es das „Sanctuarium“ des niederländischen Künstlers Herman de Vries, zu finden im Zwickel zwischen B 27 und B 10 auf dem Pragsattel. Auf der eigenen Homepage preist die Stadtverwaltung ihn als „einen der bedeutendsten Land-Art-Künstler der Gegenwart“, das hat besagtes Gartenamt aber nicht davon abgehalten, das „Heiligtum“, so die deutsche Übersetzung, abzuholzen. 25 Jahre lang, von der Internationalen Gartenbau-Ausstellung 1993 bis zu jenem Frühjahr 2018, hatten, umgeben von gewaltigen Lanzen, Pflanzen als Naturkunstwerk im geschützten Raum gedeihen dürfen. Dann kam die Komplettrasur.

Trauerflor am Zaun

 Der Kahlschlag hat nicht nur den 87-jährigen Schöpfer empört. Kunst- und Naturfreude haben als Zeichen des Missfallens schwarze Schleifen am Gartenzaun ohne Garten angebracht. Herman de Vries bestätigt auf Nachfrage, dass der Trauerflor seine Idee war. Nichts zu tun habe er indes mit einer Anzeige wegen Vandalismus, die bei der Staatsanwaltschaft anhängig sei.

 Bei der Stadt beruft man sich aufs Parkpflegewerk, das besagt, dass ab und an geschnitten werden muss. Sven Matis, ein Sprecher der Stadtverwaltung, hebt die Verkehrssicherheit hervor. Man sei vielmehr verpflichtet, in regelmäßigen Abständen Hand anzulegen, „wir sind davon ausgegangen, dass der Künstler das weiß“. Das Grün sei bereits 1998 und 2005 gestutzt worden – ohne Aufschrei. Matis bekennt zwar, dass der jüngste Eingriff radikaler als die vorherigen gewesen sei, und auch der Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) hatte sich nach dem Malheur bereits öffentlich entschuldigt, der Sprecher sagt aber auch: „Es wächst ja wieder, und das ist Sinn und Zweck.“

 Bei de Vries daheim in Unterfranken ist allerdings längst kein Gras über die Sache gewachsen. Vor Kurzem haben er und die Verwaltung sich über ein neues Pflegekonzept, zusammengestellt vom Künstler persönlich, ausgetauscht. Dieses besagt, dass das Gras außerhalb des „Sanctuariums“ gemäht werden muss und Zweige, die durch die Stäbe ragen, bündig abgeschnitten werden sollen. Der Trauerflor bleibt, und die Vegetation innen soll nach dem Willen de Vries‘ ohne Rückschnitt in die Höhe wachsen. Letzteren Punkt kann und will die Stadt aber nicht garantieren. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir von Rechts wegen zur Verkehrssicherheit verpflichtet sind und daher diesbezügliche Maßnahmen in der Verantwortung des Grundstückseigentümers verbleiben müssen“, hat Volker Schirner, der Leiter des Gartenamtes, dem Kunstschaffenden schriftlich übermittelt.

 Der aber besteht darauf, dass innerhalb des Zaunes „absolut nicht“ eingriffen wird. Der Verwaltung sei dieses Konzept bekannt gewesen, den Standort habe sie selbst ausgewählt, moniert er. „Es müsste doch möglich sein, in einer Stadt wie Stuttgart auf einer kreisrunden Fläche von elf Metern Durchmesser ein Stück Natur zu schützen und sich ungehindert entwickeln zu lassen“, hat er Volker Schirner geantwortet. Herman de Vries fordert eine klare Aussage, wie das Gartenamt künftig einzugreifen gedenkt. „Ich möchte genau wissen, was das zu bedeuten hat. Das ist mir zu vage“, sagt er. Rechtliche Schritte behält er sich vor, „bis ich eine definitiv befriedigende Antwort habe“. Außerdem schlägt er vor, das Werk unter Denkmalschutz zu stellen. Das wäre in seinen Augen ohnehin passender.

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Drei weitere Einfriedungen im In- und Ausland

Alt Das Stuttgarter „Sanctuarium“, entstanden anlässlich der Internationalen Gartenbau-Ausstellung im Jahr 1993, ist zwar das älteste, aber nicht das einzige, das Herman de Vries geschaffen hat. In Münster gedeihen seit 1997 Pflanzen in einem gemauerten Rund, in der holländischen Provinz Flevoland entstand wenig später ein gewaltiger Erdwall, bepflanzt mit Wildrosen und versehen mit einem Zaun-Guckloch.

Neu 2017 ist das vierte „Heiligtum“ im dänischen Herning fertig geworden.  car

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