Dr. Eckart Bohn hat schon eine Visitenkarte. Montag bis Freitag, so ist darauf zu lesen, hat er als ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter zwischen 10 und 12 Uhr im Landratsamt von Ludwigsburg seine Sprechzeiten. Bohn wird im April 73 Jahre alt. Er ist langjähriger Kommunalpolitiker der SPD, sitzt im Gemeinderat von Ludwigsburg und im Kreistag.

Beruflich hat ihn das Thema immer wieder berührt. Zehn Jahre war er im Landesarbeitsamt zuständig für die Vermittlung Schwerbehinderter. Bis zu seiner Pensionierung kümmerte er sich im Landeswohlfahrtsverband um das Pflegesatzwesen. Seine neue Aufgabe im Ruhestand sieht er dennoch als eine Herausforderung mit vielen Unbekannten, sagt er und ist gespannt, wer so auf ihn zukommen wird.

Mitte Dezember 2014 hatte der Landtag das Landes-Behindertengleichstellungsgesetz verabschiedet. Es verpflichtet die Stadt- und Landkreise, Menschen mit einer Behinderung eine zentrale Anlaufstelle anzubieten, an die sie sich mit ihren besonderen Problemen wenden können. Bis Januar 2016 hatten sie mit der Bestellung eines kommunalen Behindertenbeauftragten Zeit.

Um mögliche Widerstände - vor allem wegen der Finanzierung - zu vermeiden, überlässt das Land den Stadt- und Landkreisen die Entscheidung, die Stelle ehren- oder hauptamtlich zu besetzen, und es übernimmt die Kosten: 72.000 Euro jährlich für einen Vollzeitarbeitsplatz; die Hälfte des Betrags für die Finanzierung eines Ehrenamts. Nach Auskunft des Sozialministeriums können die Verwaltungen mit dem Geld Bürokosten begleichen oder eine Assistenz bezahlen, sollte der Behindertenbeauftragte selbst eine Behinderung haben.

Obwohl das Land den Kreisen weit entgegengekommen ist, ist Eckart Bohn bislang der einzige Behindertenbeauftragte in den Landkreisen rund um Stuttgart, der offiziell im Amt ist. In der Landeshauptstadt selbst gibt es seit vielen Jahren eine solche Stelle. Aktuell ist sie vom ehemaligen Sozialamtsleiter Walter Tattermusch ehrenamtlich besetzt.

Die Kreise Böblingen, Esslingen und Rems-Murr haben die Stellen hauptamtlich geschaffen, wie entsprechende Anfragen bei den Landratsämtern ergeben. Danach werden in Esslingen und Waiblingen die Behindertenbeauftragten im April ihren Job antreten; in Böblingen stimmt sich der Kreistag noch mit der Stellenausschreibung ab. In Ludwigsburg kam die Idee, es bei einer ehrenamtlichen Stelle zu belassen, aus der Verwaltung. Der Kreistag hat dem zugestimmt. "Für die Entscheidung spricht, dass wir diese neue Aufgabe, deren Umfang noch nicht absehbar ist, jedenfalls zunächst in einer niederschwelligen Form angehen wollten", teilt ein Sprecher des Landrats mit.

Am Dienstag war in Stuttgart landesweit das erste Treffen der kommunalen Behindertenbeauftragten. Von Erfahrenen wie Walter Tattermusch erfuhren die Neuen, dass sich seine Aufgabe nicht darauf beschränkt, Städte und Gemeinden oder auch die Deutsche Bahn auf fehlende Aufzüge, Rollstuhlrampen und Leitsysteme für Sehbehinderte aufmerksam zu machen. Tattermusch hat zudem die Funktion eines Ombudsmanns, wie er erläutert. Somit ist er Ansprechperson bei rechtlichen Fragen, die in diesem Bereich sehr knifflig sein können. Ihm liegen besonders Menschen mit Lernschwierigkeiten und geistiger Behinderung am Herzen. Dieser Personenkreis kann seine Probleme nicht so deutlich formulieren wie beispielsweise ein Rollstuhlfahrer. "Sie brauchen mehr Zeit zum Verstehen, zum Nachdenken und um ihre Meinung zu äußern", weiß er. Seit acht Jahren gibt es im Rathaus den Beirat Inklusion, der Menschen mit einer Lernbehinderung dafür Raum und Zeit gibt. Für sie ist eine Orientierung in einfacher Sprache wichtig.

Im Sozialamt gibt es inzwischen neben dem gewohnten Wegweiser einen in einer leicht verständlichen Form. Was für diesen Personenkreis an Information nicht wichtig ist, wurde weggelassen - so auch die Zimmernummer des Amtsleiters. "Zu dem wollen diese Menschen sowieso nicht", sagt Tattermusch und fügt hinzu: Manche Führungskraft habe sich zuerst übergangen gefühlt. Der Behindertenbeauftragte beobachtet aber, dass sich die meisten Besucher an der leichten Version orientieren.

Insgesamt, sagt Tattermusch, habe es bei den Anfragen "einen enormen Zuwachs gegeben". Bislang unterstützt ihn im Rathaus eine hauptamtliche Kraft, zusätzlich kommt jetzt eine Halbtagsstelle hinzu.

Inklusion auf lokaler Ebene

Umsetzung Baden-Württemberg ist das erste Bundesland, das die Stadt- und Landkreise verpflichtet, Behindertenbeauftragte zu bestellen. Zudem wird die im Gemeindetag Baden-Württemberg angesiedelte "Kommunale Fachstelle Inklusion" für weitere drei Jahre finanziell gefördert. Aufgabe der Beratungsstelle ist es, Gemeinden für das Thema Inklusion zu sensibilisieren und zu schulen sowie die Umsetzung der Inklusion auf der lokalen Ebene zu begleiten. Dafür stellt das Land 250.000 Euro zur Verfügung. Neben der Beratungsstelle beim Gemeindetag ist eine weitere Beratungsstelle an den Städtetag gebunden, die ebenfalls vom Land unterstützt wird. Inklusion könne nicht von oben passieren. "Der Inklusionsgedanke muss vielmehr vor Ort, in unseren Städten und Gemeinden mit Leben gefüllt werden", so Sozialministerin Katrin Altpeter.