Bühne Spielen fürs Leben

Auch wenn die Kunststücke einiges abverlangen, so ist für die Teilnahme am Kindervarieté keine turnerische Vorbildung notwendig. „Etwas sportliches Talent sollte vorhanden sein“, sagt Artistin Amelie Benz.
Auch wenn die Kunststücke einiges abverlangen, so ist für die Teilnahme am Kindervarieté keine turnerische Vorbildung notwendig. „Etwas sportliches Talent sollte vorhanden sein“, sagt Artistin Amelie Benz. © Foto: Ferdinando Iannone
Von Raimund Weible 03.11.2018

Amelie Benz zählt zu den erfahrenen Mitgliedern der Truppe, und deswegen hat ihr die Regie auch eine tragende Rolle anvertraut: Die der Henriette Käsekuchen. Das Fräulein macht auf Diva, und so muss die 17-jährige Schülerin vom Hedwig-Dohm-Gymnasium blasiert schauen und ständig Ergebenheitsgesten von ihren Mitspielerinnen einfordern. Was Amelie Benz perfekt gelingt. Doch die erste Aufführung lässt auf sich warten, noch wird geprobt für das Kindervarieté „Zimt und Zauber“.

Dieses Varieté mit jugendlichen Laien hat längst Tradition. „Wir bereiten jetzt die fünfte Produktion vor“, sagt Thomas Schäberle, der den Circus Circuli der Stuttgarter Jugendhaus-Gesellschaft leitet. Die städtische Gesellschaft kooperiert dabei mit dem Friedrichsbau-Varieté, und auf der Profi-Bühne des Varietés treten die Jugendlichen dann auch auf – ab dem 25. November.

Dreimal pro Woche Training

Die Kinder balancieren auf großen Gummibällen und auf der Slackline, zeigen akrobatische Nummern und Kunststücke auf Einrädern. Das haben sich die Darsteller in eineinhalbjährigem Training erarbeitet. Drei Mal pro Woche treffen sie sich zum Training. Im Jahr kommen sie auf 300 Stunden Vorbereitung. Die Technik haben sie drauf, jetzt beginnen die Proben auf der Varieté-Bühne. „Ich war heute sehr aufgeregt“, berichtet der zwölfjährige Jonathan  Köth aus Möhringen. Er ist der einzige Bub im Ensemble. „Manchmal finde ich etwas schade, dass keine anderen Jungs dabei sind“, sagt er, „aber ich komme mit den Mädchen klar.“

Alexander Geiger, ein gelernter Clown, führt Regie, und bevor die muntere Bande in Kostümen das ganze Stück probt, bittet er zum Aufwärmen. Nicht nur die Muskeln sollen auf Temperatur kommen, auch die Stimmen gilt es zu trimmen. Deshalb müssen Jonathan und die Mädchen kurze Schreie von sich geben.

Friedrichsbau-Geschäftsführer Timo Steinhauer richtet seine Augen mit Wohlgefallen auf die lebhafte Bande. „Wie sie strahlen – das berührt mich“, sagt der Varieté-Chef. Die Kinder „wirken wahnsinnig authentisch“, bemerkt er, „sie lassen ihren natürlichen Charme spielen und erreichen damit die Herzen der Zuschauer“. Auch jetzt bei der Probe sitzen Zuschauer in den Reihen. Viele Mütter der Darsteller sind darunter.

Ein Casting hat es nicht gegeben. Wer mitmachen will, darf mitmachen, muss dann allerdings bereit sein, sich die Zeit fürs Training zu nehmen. Kinder mit Handicap sind ebenfalls willkommen. Man lernt viel. Auch wenn die Kunststücke einiges abverlangen.

Das Stück beginnt mit schläfrigen Artistinnen auf der Bühne. Sie gähnen weltmeisterlich. Doch dann kommt plötzlich Leben in die Bude. Aus einem  Seiteneingang strömt eine Rasselbande in den Saal. Die Zirkusdirektorin kündigt per Megafon eine erstklassige Show an. Und die nimmt ihren Lauf. Wenn da nur nicht die spleenige Diva wäre, die die ganze Truppe kirre macht: Kein Kleid ist schön genug für sie. Aber dieser Schabernack gehört selbstverständlich zum Stück.

Die Gesichter der Kinder sind gerötet, wegen der anstrengenden Kunststücke, aber auch wegen des ungewohnten Spielorts. Eine richtige Bühne mit Beleuchtung und starkem Sound – daran muss man sich erst mal gewöhnen. Amelie Benz alias Henriette Käsekuchen selbst kann mit ihrer Nervosität ganz gut umgehen. „Das gibt einen Adrenalinschub“, sagt sie.  Ob die Schauspielerei gar ein Berufswunsch von ihr ist? Nein, antwortet sie, sie möchte lieber etwas Pädagogisches studieren. Aber für sie gilt sicher auch, was der ehemalige Limburger Domsingknabe Steinhauer sagt: „Die Kinder nehmen richtig was fürs Leben mit.“

Aufführungen von „Zimt und Zauber“

Die Premiere des Kindervarietés „Zimt und Zauber“ ist am Sonntag, 25. November, um 14 Uhr im Friedrichsbau-Varieté in Stuttgart.

Die Vorstellung dauert etwa eine Stunde. Weitere Aufführungen sind jeweils an den Sonntagen vom 9. Dezember 2018 bis 10. Februar 2019, wobei jeweils eine Vorstellung um 11 Uhr und eine um 14 Uhr gegeben wird. Weitere Vorstellungen sind am Donnerstag, 3. Januar 2019, geplant.

Als größter freier Träger von Offener Kinder- und Jugendarbeit in Süddeutschland bezeichnet sich die Jugendhaus-Gesellschaft. Zu der Gesellschaft gehören 41 Einrichtungen. Eines der Projekte ist der Circus Circuli. web

300

Stunden im Jahr proben die Jugendlichen für das Kindervarieté. Jeder kann bei dem Stück mitmachen, nur Zeit sollte man sich fürs Training
nehmen.

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