Nahverkehr Sonderfahrt aufs Abstellgleis

Mit fast durchweg fröhlichen Mienen schicken Regionalpräsident Thomas Bopp, Dirk Rothenstein (Sprecher der Geschäftsleitung der S-Bahn Stuttgart), Regionaldirektorin Nicola Schelling und Infrastrukturchef Jürgen Wurmthaler (v. l.) den ET 420 aufs Abstellgleis. Foto: Uwe Roth
Mit fast durchweg fröhlichen Mienen schicken Regionalpräsident Thomas Bopp, Dirk Rothenstein (Sprecher der Geschäftsleitung der S-Bahn Stuttgart), Regionaldirektorin Nicola Schelling und Infrastrukturchef Jürgen Wurmthaler (v. l.) den ET 420 aufs Abstellgleis. Foto: Uwe Roth © Foto: Foto: Uwe Roth
Uwe Roth 07.11.2016

Dem S-Bahn-Oldie sieht man sein wahres Alter nicht an. Der Lack ist lange nicht ab, das Blau der Sitzpolster im Wageninnern nicht verblichen. Optisch macht die S-Bahn einen guten Eindruck. Es erscheint alles normal. Doch das mit einer Blumengirlande umrahmte Schild auf der Stirnseite macht deutlich, dass der Zug auf Abschiedsfahrt ist.

Triebfahrzeugführer Armin Hirt hat die Ehre, mit geladenen Gästen die Sonderfahrt aufs endgültige Abstellgleis zu steuern. Diese geht vom Betriebswerk Plochingen über die Güterzugstrecke, der sogenannten Schusterbahn, nach Ludwigsburg und von dort zum Stuttgarter Hauptbahnhof.

Der 41-Jährige hat vor vielen Jahren auf dieser Modellreihe seinen Job gelernt. Zum besonderen Anlass trägt er die Lokführermütze. Im Führerstand nimmt er seine Mütze ab, zieht die Jacke aus und über die linke Hand einen fingerlosen Handschuh. Die betätigt den wichtigsten Hebel unter den Armaturen. Dann nimmt Hirt seinen Dienst nach Vorschrift auf. Posieren für die Fotografen ist nicht sein Ding.

Seit 1978 im Einsatz

Seinem Arbeitsplatz sehen auch Laien an, dass die Technik schon länger in die Jahre gekommen ist. Vieles ist reine Mechanik. Einige elektronische Bauteile jüngerer Zeit sind draufmontiert – fast so, als stünden auf einem Schreibtisch eine mechanische Rechenmaschine und ein älterer Computer beieinander und beide wären gleichermaßen in Benutzung. Eine kleine Tischleuchte entstammt dem Design der 1950er Jahre.

Die Konstrukteure des Elektrotriebzugs (ET) haben die Nachkriegszeit voll miterlebt. In den 1960er Jahren entwickelten sie den ET 420, 1970 kam er im Rhein-Main-Gebiet zum ersten Mal auf die Schiene und wurde 1972 bei der Olympiade in München zum Sinnbild moderner großstädtischer Personenbeförderung. In Stuttgart und Umgebung mussten die Fahrgäste weitere sechs Jahre mit den knallroten Vorortbahnen vorlieb nehmen, die liebevoll „Rote Heuler“ genannt wurden und teilweise noch aus Kriegszeiten stammten.

Trotz der alten Mechanik sei der ET 420 bis zuletzt von den Kollegen sehr geschätzt worden, berichtet Thorsten Fritz von der Deutschen Bahn, als Armin Hirt Fahrt aufnimmt. Der Zug könne ohne Elektronik präzise gefahren und vor allem gebremst werden. „Da kommt bei den Fahrern schon Wehmut auf“, sagt er.

Bei der kleinen Abschiedsfeier vor der Abschiedstour hat sich das mit dem Abschiedsschmerz anders angehört. Eingeladen waren diejenigen, die die Ausmusterung des ET 420 politisch beschlossen und sich mehrheitlich gegen ein weiteres Aufhübschen und stattdessen für den Ankauf neuer Fahrzeuge ausgesprochen haben: die Mitglieder der Regionalversammlung. Ihr Präsident Thomas Bopp (CDU) sagt: „Eine Ära geht zu Ende.“ Er sagt aber auch: „Bei mir kommt keine Wehmut auf.“ Schließlich verfüge die Region Stuttgart nach Abschaffung der Oldtimer, von denen es bis zu 136 Fahrzeuge im regionalen Schienennetz gab, nunmehr über die modernste S-Bahn-Flotte Deutschland.

Bopp nutzt die Stunde für einen Seitenhieb auf die anwesenden Bahnvertreter. Die Sitze in den neuen S-Bahnen seien sehr komfortabel. Doch die Fahrgäste kämen nicht, um sich auf den Polstern wohlzufühlen, sondern um pünktlich von A nach B zu reisen. Bei allem Hightech und aller Bequemlichkeit böten die S-Bahnen vom wichtigsten Komfort Pünktlichkeit derzeit etwas zu wenig.

Zuverlässig war er, der ET 420. Das Höchsttempo 120 reichte vollkommen aus, um dem Fahrplan gerecht zu werden. Am Ende machten ihm sein Energiehunger, die fehlende Klimaanlage und die fehlende Kompatibilität zum Internetzeitalter, Stichwort WLan, den Garaus.

Triebfahrzeugführer Armin Hirt fährt den Zug nach seinem letzten Aufenthalt in Stuttgart zurück ins Betriebswerk. Die alte Garde wird nicht verschrottet. Soviel steht fest. Wo der nächste Einsatzort sein wird, ist bei der Abschiedstour nicht herauszufinden. Es wird eine Gegend sein, wo Menschen noch ohne Klimaanlage und WLan im Zug leben können – oder auch müssen.

Das modernste Material auf den Schienen

Die vierteiligen Triebzüge der Baureihe 423 sind seit 2000 im Einsatz und läuteten die Ablösung ihres Vorgängers 420 ein. Sie sind durchgängig begehbar, klimatisiert, 140 Kilometer pro Stunde schnell und bestehen größtenteils aus Aluminium. Zwischen den Jahren 2013 und 2016 wurden die insgesamt 60 Züge auf den technischen Standard der Baureihe 430 gebracht.

Die Baureihe 430 ist Ende der 2000er Jahre entwickelt worden. Ab dem kommenden Frühjahr werden 97 Einheiten die Flotte bilden. Die knapp 70 Meter langen Züge sind das modernste Material, was S-Bahnen derzeit zu bieten haben, sagt die Deutsche Bahn. uro

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