Megamarsch So weit mich die Füße tragen

Stuttgart / Von Kathrin Kammerer 05.11.2018

Am Anfang des Megamarsches steht eine gehörige Portion Naivität. 50 Kilometer in zwölf Stunden? „Du kannst einen Halbmarathon in zwei Stunden laufen – das wäre ja gelacht“, sagt der Kopf. Ist ja nur wandern. „Unterschätze das bloß nicht“, warnt eine Freundin, die auf dem Jakobsweg gepilgert ist. Der Kopf gewinnt – und schon ist man angemeldet.

Dieser letzte Marsch des Jahres ist eigentlich nur eine halbe Sache, denn normalerweise sind die sogenannten Megamärsche doppelt so lang: 100 Kilometer in 24 Stunden. Im Start-Bereich in Bad Canstatt drängeln sich an diesem Morgen 1500 Wanderer. Unter ihnen ist Simon. Eine solche Distanz ist er noch nie gewandert, jetzt will er eine neue, sportliche Herausforderung meistern.

Manche Wanderer sind minimalistisch ausgerüstet, die anderen tragen Trinkrucksäcke, Kompressionsstrümpfe und Wanderstöcke – und vier Männer tragen eine ganze Feuerwehr-Ausrüstung: Sven, Anton, Christian und Thomas aus Horb am Neckar. Sie sind schon 68 Kilometer von Horb nach Stuttgart in voller Montur gewandert – da werden ja 50 Kilometer kein Problem sein, oder?

Die ersten zehn Kilometer bereiten eine gewisse Freude. Man wacht auf, die frische November-Luft erfrischt die Gedanken, man hält das Tempo ein, das man sich davor ausgerechnet hat: Fünf Kilometer pro Stunde, dann ist man in zehn Stunden am Ziel. Zwei Stunden bleiben als Puffer und für Pausen.

Ab Kilometer 20 setzen die ersten Schmerzen ein, ab Kilometer 30 fragt man sich: Warum zur Hölle laufe ich hier eigentlich mit?! Aber der größte Feind sind weder die Beine noch der Rücken – es ist der Kopf. Es passiert, wovor die Jakobsweg-Freundin gewarnt hatte: Ein Gedankenkarussell setzt ein.

Immer häufiger schweift der Blick auf die Kilometer-Uhr, man verliert die Lust. Und dann sind da noch diese verflixten 1300 Höhenmeter, die man überwindet. Bergauf, bergab, bergauf, bergab: Kaum haben sich die Beine vom einen erholt, folgt das nächste.

Mittlerweile ist es Nachmittag, die Wander-Karawane hat sich entzerrt, die ersten Teilnehmer sind ausgestiegen, immer mehr bleiben kurz stehen, sie haben Blasen und Krämpfe. Die Landschaft ist prächtig: Es geht auf dem Remstal-Höhenweg über Weinberge, durch Wälder und Dörfer. Die Einwohner beobachten verdutzt die schier endlose Wander-Karawane.

Als es dämmert, weicht der letzte Kampfgeist. Eine Nachtwanderung ist noch viel zäher, als eine bei Tag. Nun gibt es nur noch eine Devise: Bloß nicht stehen bleiben! Denn wenn sich die Beine kurz erholen können, werden die Schmerzen so groß, dass man kaum mehr weiter kommt. Nach zehneinhalb Stunden erreiche ich das Ziel in Plüderhausen, wie rund 1400 andere. Unter ihnen sind auch die vier Feuerwehrmänner aus Horb und Simon. Er ist stolz, es geschafft zu haben, aber auch ein bisschen enttäuscht von der Organisation der 50 Euro teuren Laufveranstaltung.

Der Schrittzähler zeigt 76 600 Schritte an, die Füße pochen. Eine riesige Freude setzt ein, den eigenen Körper weit über das bisher bekannte Limit gebracht zu haben. Darauf folgt eine noch viel größere Erschöpfung.

Aus medizinischer Sicht: „Prinzipiell unbedenklich“

Eine Wanderung von 50 Kilometern Länge ist „prinzipiell unbedenklich“, sagt der Stuttgarter Sportmediziner Torsten Schopf. Allerdings sollte aus kardiologischer und orthopädischer Sicht nichts dagegen sprechen. „Für 100 Kilometer empfiehlt es sich dagegen, sich durch Training darauf vorzubereiten“, so Schopf weiter.

Er weist darauf hin, dass das Gehen und Rennen den Menschen in die Wiege gelegt wurde und früher eminent wichtig war für den Nahrungserwerb. Durch zunehmend körperliche Untätigkeit habe sich diese Fähigkeit aber zurückgebildet. Wozu der menschliche Körper bei ausreichendem Training trotzdem fähig ist, zeigt der Rekord im 24-Stunden-Lauf (joggen, nicht wandern): Dieser liegt bei 303 Kilometern.

Sportmediziner Schopf sagt, dass die Füße den Teilnehmern am ehesten einen Strich durch die Rechnung machen können, beispielsweise durch Blasenbildung. Bei anhaltenden Schmerzen rät er dazu, eine solche Wanderung sofort abzubrechen. kam

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