Es ist 9 Uhr am Morgen. Die Milchkühe auf dem Reyerhof in Stuttgart-Möhringen kauen genüsslich ihr Frühstück. Sie sind schon beim dritten Gang angekommen. Nach Öhmd und Kleegras-Silage liegt nun eine ordentliche Portion Heu im Futtertrog vor ihrem Boxen-Laufstall. Es riecht nach Mist. Und es herrscht emsiges Treiben auf dem Demeter-Hof, der gleich sein Lädchen aufschließen wird, in dem sich die Kunden frische Rohmilch abfüllen können. Der Reyerhof liegt mitten in einem Wohngebiet. Und: Er ist einer von zwei Höfen in Stuttgart, die als Lernort zertifiziert wurden und ein pädagogisches Programm anbieten. 34 Schulklassen und 14 Kindergartengruppen haben den Bio-Betrieb 2018 besucht; knapp 1000 Kinder. Hier können sie nicht nur ihre Fragen loswerden, sondern anpacken und die Lebensmittelerzeugung und -verarbeitung hautnah erleben.

Heute dürfen Viertklässler der Heslacher Wilhelm-Hauff-Grundschule Bekanntschaft mit dem Fleckvieh machen, weil ihre Lehrerin Sylvia Grosse findet, dass sie wissen sollten, woher die Milch kommt. „Ich möchte ihnen zeigen, dass es nicht nur industriell hergestellte Nahrungsmittel aus dem Supermarkt gibt, sondern dass Bio und Regionales einen Unterschied machen“, sagt sie. Die Kinder schnuppern zum dritten Mal Möhringer Landluft. Im Herbst waren sie schon mal da zum Möhrenernten und Apfelsaftpressen. Schnell bilden sie eine Traube um die Zwillingskälbchen, die am Euter ihrer Mutter nuckeln.

Plötzlich macht es pflatsch, ein großer Haufen landet im Stroh. „Iiiiiihhhhh.“ „Ja, die kacken. So ist das.“ Katrin Henry kennt die Reaktionen. Sie hat ökologische Landwirtschaft studiert und ist auf dem Reyerhof zuständig für das Lernort-Konzept. Sie kann jede der zwölf Kühe und alle sechs Kälbchen beim Namen nennen. Die meisten Fragen, die ihr Kinder stellen, drehen sich um die Tiere. „Sogar bei der Möhrenernte unterbrechen alle ihre Arbeit, wenn ein Klassenkamerad einen Regenwurm entdeckt hat. Und wenn eine Kuh pinkelt, hört mir niemand mehr zu“, sagt die 44-Jährige schmunzelnd.

Die Initiative „Lernort Bauernhof“ wurde 2010 ins Leben gerufen, im Rahmen der Nachhaltigkeitsstage im Ländle. Betreut werden die Betriebe von den Landkreisen. Birgit Grohmann vom Ernährungszentrum Mittlerer Neckar ist im Raum Ludwigsburg für 20 Höfe zuständig. Sie stellt fest, dass immer mehr Schulen und Kitas das Angebot nutzen. „Wir sind positiv überrascht.“ 2017 wurden in Stuttgart und im Kreis Ludwigsburg 135 Besuche gezählt, 2018 bereits 189. Tendenz steigend. Die Themen sind vielfältig und reichen vom Getreidemahlen über Brotbacken bis hin zum Kartoffelstecken, Melken und Eiersortieren.

In Möhringen erfahren die Kinder, worin sich Acker- und Grünland unterscheiden, was die Kühe am liebsten fressen, wer die Chefin der Herde ist und warum bisher nur die Jungtiere auf die Weide dürfen. Katrin Henry lässt sie Quark schöpfen und schickt sie in Gruppen in den Melkstand, wo sie der Kuh Alexa den Bauch tätscheln dürfen und den Weg der Milch verfolgen können – 120 Liter wandern hier täglich in die Kannen. Im Stall beobachten sie die Tiere und finden anhand der Ohrmarken heraus, wer mit wem verwandt ist.

Für Katrin Henry ist das Ganze mehr als ein Beruf. „Ich versuche, den Kindern darzustellen, wie für uns alles zusammenhängt: die Böden, die Pflanzen, die Tiere, das Wetter, die Jahreszeiten, die Menschen, die hier arbeiten, und die Kunden, die bei uns einkaufen. Dass wir – gerade als Biobetrieb – in Kreisläufen denken müssen. Wie wichtig es ist, gut mit der Erde umzugehen, ihre Fruchtbarkeit zu bewahren.“ Sie will Berührungsängste abbauen und hofft, dass die Eindrücke nachklingen. „Dass da vielleicht ein Samen gelegt wurde für einen wacheren, bewussteren Umgang mit der Welt.“

Mehr als 1000 Schulbesuche jedes Jahr


Anfänge Landesjugendverbände riefen Ende der 80er das Projekt „Schüler auf dem Bauernhof“ ins Leben. „Lernort Bauernhof“ wurde 2010 aus der Taufe gehoben. Heute machen mehr als 500 Landwirte mit, das Land Baden-Württemberg fördert jedes Jahr über 1000 Schulbesuche. Projektträger ist der Bund der Landjugend Württemberg-Hohenzollern, unterstützt von einem landesweiten Netzwerk aus Verbänden und Behörden.

Kreise In den Kreisen Esslingen und Rems-Murr machen je 14 Betriebe mit. Im Kreis Ludwigsburg sind 20 Höfe gemeldet, im Kreis Böblingen 13 und im Kreis Göppingen vier. Mehr zum Thema gibt es auf www.lob-bw.de. nad