Ganoven haben am Montag eine 79-Jährige aus Ostfildern (Kreis Esslingen) um Geld und Gegenstände im Wert von mehreren zehntausend Euro gebracht. Die Betrüger bläuten der Frau bei mehreren Telefongesprächen ein, von der Polizei zu sein. In der Nachbarschaft sei eingebrochen worden und eine am Tatort gefundene Liste belege, dass auch ihr Hab und Gut in Gefahr sei. Das Opfer übergab seine Sachen zur Verwahrung an die falschen Polizisten – auf Nimmerwiedersehen.

Den echten Polizisten Christian Wörner, Sprecher des Präsidiums Reutlingen,  lassen diese Fälle verzweifeln. Seit einem halben, Dreivierteljahr sei die Zahl dieser Betrugsanrufe auf einem „sehr hohen Niveau“, und mindestens alle zwei Wochen veröffentliche man Warnungen in Zeitungen, Amtsblättern, online, auf Flyern. „Wir versuchen alles Menschenmögliche, wir schreiben uns hier die Finger wund“, sagt Wörner. Erfolg hätten die Täter dennoch immer wieder, „und jeder einzelne tut weh“.

Offenbar macht‘s die schiere Masse. Allein an dem Tag, an dem die Seniorin aus Ostfildern ausgenommen wurde, sind beim Polizeipräsidium in Reutlingen 25 solcher Anrufe angezeigt worden. Die Dunkelziffer dürfte ungleich höher liegen. Im Fokus stehen Menschen mit altertümlichen Vornamen, da die Täter hier besonders obrigkeitshörige, naive, leicht einzuschüchternde, vielleicht senile Leute vermuten. Im Display ist die Ortsnetzvorwahl plus 110 zu sehen. „Man kann jede Nummer generieren, die man möchte“, sagt Wörner. Das sei organisierte Kriminalität, mutmaßlich riefen die Täter – Profil: gutes Deutsch, eloquent, ortskundig – aus Callcentern in der Türkei an. Das Geschäft lohnt sich. Die wenigen Treffer sind meist höchst lukrativ.

 Filderstadt, Reutlingen, Nürtingen, Kirchheim: In Wörners Zuständigkeitsbereich häuft es sich aktuell. Aber auch in Stuttgart stehen die Telefone nicht still. Allein im ersten Halbjahr 2017 wurden  270 Betrugsversuche angezeigt, fünfmal gelang der Coup. Beute: 150 000 Euro. Die endgültigen Zahlen für 2017 werden im März bekannt gegeben, aber der Stuttgarter Polizeisprecher Martin Schautz ist guter Hoffnung, dass die Prävention etwas bringt. Im Juni 2017 war man mit einem neuen Einsatzkonzept gestartet. Uniformierte informierten auf Wochenmärkten, es wurden Flyer in Praxen, Apotheken oder Bäckereien verteilt und Bankangestellte sensibilisiert.

 Auch in den Kreisen Ludwigsburg und Böblingen scheint es aktuell ein kleines bisschen ruhiger zu sein – auch wenn nach wie vor täglich Versuche registriert werden, sagt Yvonne Schächtele, Sprecherin des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. Auffällig sei hier aktuell eine Häufung nach Vornamen. „An einem Tag sind die Erikas dran, am nächsten die Waltrauds.“ Auch wenn der überwiegende Teil der Angerufenen richtig reagiert und auflegt, bestätigt sie: Noch hat die Prävention längst nicht jeden erreicht. Zumal Schächtele befürchtet, dass die falschen Polizisten das Vertrauen der Menschen in die echten erschüttern könnten. Sie ermuntert alle, die einen ominösen Anruf erhalten, 110 zu wählen und nachzufragen, „ein echter Polizist wird sich nicht echauffieren“.

Veranstaltungen, Film und Online-Tipps  


Prävention Die Polizei klärt regelmäßig über neue Maschen der Betrüger auf. Der Seniorenrat Aichwald und die Polizei richten am Dienstag, 20. März, ab 15 Uhr im Café Begegnungsstätte in Schanbach (Landkreis Esslingen) die öffentliche Veranstaltung „Vorsicht Abzocke“ aus. Das Polizeipräsidium Reutlingen hat zudem einen Film zum Thema Telefonbetrug gedreht und bei Facebook veröffentlicht. Mehr Tipps und Hintergrundinformationen findet man im Internet unter
www.polizei-beratung.de. car