Stiftstraße Shoppingmeile für Betuchte

In der Stiftstraße haben sich mehrere Edelboutiquen niedergelassen.
In der Stiftstraße haben sich mehrere Edelboutiquen niedergelassen. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Von Nadja Otterbach 09.08.2018

Auch Stuttgart kann mondän: Die Stiftstraße, die von der Königsstraße in Richtung Marktplatz abzweigt, soll die neue Nummer Eins der Luxusmeilen in der Republik sein,   glaubt man der aktuellen Messungen von Jones Lang LaSalle (JLL). Die Immobilienfirma hat dabei Kundenströme erfasst: Mit 6330 gezählten Passanten pro Stunde sei  die Stiftstraße Deutschlands Top-­Laufsteg der Modemutigen, das Einkaufsparadies für Luxusshopper. Sie hat damit die Düsseldorfer Königsallee, kurz „Kö“ genannt, vom Thron gestoßen.

Grund für den großen Zuwachs – um fast das Doppelte in der Fünfjahreswertung – ist laut JLL eine Veränderung der Passantenströme hin zum Dorotheen-Quartier. Freilich handelt es sich dabei um eine Momentaufnahme; die Zählung erfolgte bundesweit zeitgleich am Samstag, 14. April, zwischen 13 und 16 Uhr. Die „lange Einkaufsnacht“ lockte  damals zahlreiche Einkäufer und Flaneure in die Stuttgarter City.

City-Managerin sieht Umbruch

Die Stiftstraße an einem sommerlichen Dienstagabend. Wer hier eine Stunde vor Ladenschluss unterwegs ist, der bummelt entspannt auf den schön gepflasterten Wegen. Leise Geigenklänge wehen von der angrenzenden Königstraße herüber. Man sieht Frauen und Männer im Businesslook in und aus den Geschäften treten. Hier reihen sich Firmen wie Massimo Dutti, Uli Knecht, Montblanc, Michael Kors, Hollister und Eckerle Herrenmoden aneinander. Weniger als 15 Geschäfte, die auf Klasse statt Masse und vor allem: auf kaufkräftige Kundschaft setzen. Herzstück des kurzen, aber charmanten Sträßchens ist die Stiftskirche, ein Wahrzeichen der Stadt. Zumal sich die evangelische  Gemeinde auch mal der „Haute Couture der Bibel“ widmet – inklusive Schaufenster-Streifzug durch die Stadt.

City-Managerin Bettina Fuchs sieht die Stiftstraße im Umbruch. „Nach einigen Mieterwechseln und mit aktuell zwei Baustellen werden die Weichen für diese Lage neu gestellt“, sagt sie. Vor drei Jahren zog der Herrenausstatter Eckerle von der König- in die Stiftstraße, dorthin, wo sich einst Diesel befand. Mit Louis Vuitton verlor die Stiftstraße 2016 hingegen eines ihrer Luxushäuser ans Dorotheen-Quartier. Juwelier Wempe will noch im Herbst von der Königstraße ins ehemalige Escada-Haus in die Stiftstraße ziehen, um sich auf doppelt so großer Fläche im neuen Stil zu präsentieren.

Alexander Binder, der künftige Geschäftsführer in der Stiftstraße, freut sich auf den Standort: „Die Nähe zu unserer Rolex-Boutique im Dorotheen-Quartier und die Nachbarschaft zu Markthalle und Breuninger machen die Stiftstraße für uns interessant.“

„Kirche im Dorf lassen“

Auf das Ergebnis der Passantenzählung reagieren die meisten Geschäftsleute auf Nachfrage zurückhaltend. Unrealistisch seien die Zahlen, mutmaßt einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Man muss die Kirche im Dorf lassen“, sagt der Unternehmer Uli Knecht, der mit seinem Geschäft seit 1971 in der Stiftstraße ansässig ist und die Lage attraktiv findet.

Dass mehr Menschen das Sträßlein durchqueren, seit im Jahr 2017 das Dorotheen-Quartier eröffnet hat, sei ihm  bekannt. Das Ergebnis der Frequenzmessung überrascht ihn dennoch. Er führt es darauf zurück, dass an diesem Tag eben ein besonderes Event stattgefunden hat. Am Umsatz habe das neu gestaltete Nachbarviertel nichts geändert – weder im positiven noch im negativen Sinn. Die Stammkunden bleiben ihm seit Jahren treu.

Auch bei Michael Kors – der Laden zog 2016 in die Stiftstraße – freut man sich weiterhin über die qualitätsbewusste Klientel. Vor allem am frühen Abend kämen zahlreiche Stammkundinnen, die meisten Geschäftsfrauen, aber auch zunehmend erfolgreiche Mode-Bloggerinnen und chinesische Touristen, so Mitarbeiterin Sonja Heidemann. Dass mit dem Dorotheen-Quartier weitere Qualitätshäuser und potenzielle Konkurrenten eröffnet haben, sieht sie gelassen. „Wir fühlen uns in guter Nachbarschaft“.

Die Stiftstraße glänzt freilich nicht allein. Die Edelmeile erstreckt sich von der Sporer- bis zur Kienestraße. Hier reiht sich eine Nobelmarke an die andere, drei- und vierstellige Zahlen auf den Preistafeln in den extravagant gestalteten Schaufenstern gehören dazu. Mode, Luxusuhren, Schmuck, Lederwaren – wer sich das nicht leisten kann, hat viel zu gucken. Viele  Cafés und Gastrobetriebe befinden sich im direkten Umfeld. Die Vorbeiflanierenden zu beobachten, es ist ein bisschen so wie „Gala“ lesen.

Infokasten
Auch in der Königstraße tut sich was 

Trend Konkurrenz durch Online-Handel, neue Einkaufszentren, hohe Mieten – lange ging es für die Königstraße eher ab- als aufwärts. Doch nun gibt es ein positives Signal: Auch hier ermittelte die Immobiliengesellschaft JLL die Passantenströme. Ergebnis: Die Königstraße ist die meistbesuchte Einkaufsstraße Baden-Württembergs. Im Schnitt wurden 9145 Passanten pro Stunde gezählt. Im Vergleich zur Vorjahreszählung legte die Straße um 1690 Passanten zu und landet damit deutschlandweit im Ranking auf Platz neun.

Wandel Die Königstraße erlebt einen Wandel, allein im ersten Halbjahr 2018 gab es einige Veränderungen. So kam Hema in der oberen Königstraße neu dazu, ebenso wie Home 24. Andere Mieter wiederum wechseln ihre Standorte, etwa Lush, der von der unteren in die obere Königstraße neben das Bekleidungsgeschäft Primark gezogen ist. Karstadt Sports hat seinen Standort ebenfalls in die obere Königstraße verlegt. Für Bettina Fuchs von der City-Initiative Stuttgart ein Indiz dafür, dass „die Neugestaltung des ehemaligen Karstadt-Hauses und die modernen Mietflächen einen positiven Impuls für die obere Königstraße gesetzt haben“. nad

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