Stuttgart / CLAUDIA SALDEN  Uhr
Der rechtliche und medizinische Umgang mit Transsexuellen muss verbessert werden. Das fordern Ärzte, Therapeuten und Juristen eines Workshops.

Wie sollen Recht und Medizin mit Menschen umgehen, deren äußere Körpermerkmale nicht mit dem eigenen Empfinden übereinstimmen? Vorschläge dafür haben am Wochenende die Teilnehmer der Tagung "Geschlecht selbst bestimmt" im schwul-lesbischen Zentrum Weißenburg in Stuttgart entwickelt. Rund 15 Mediziner, Psychotherapeuten, Juristen und Betroffene waren der Einladung des 2008 gegründeten Ludwigsburger Vereins "Aktion Transsexualität und Menschenrecht" (ATME) gefolgt.

"Transsexuelle Menschen sind nicht etwa Männer, die Frauen werden wollen, oder Frauen, die Männer werden wollen", räumte Kim Schicklang vom ATME-Vorstand mit einer weitverbreiteten Vorstellung auf. Das eigentliche Geschlecht eines Menschen sei das, dem er sich zugehörig fühle.

"Unserer Auffassung nach kann jeder Mensch selbst sagen, ob er Mann oder Frau ist", erklärt Dr. Maria Kohl, Internistin in Weißenhorn bei Ulm und medizinische Leiterin des Workshops. "Transsexuelle Menschen brauchen eine Behandlung, in der sie in ihrem eigenen Geschlecht von Anfang an akzeptiert werden", fordert Kohl, die selbst transsexuell ist.

Davon ist man in Deutschland weit entfernt: "Die Geschlechtszugehörigkeit wird bisher anhand äußerlicher Merkmale bestimmt. Wer davon abweicht, gilt als psychisch krank", sagt Kohl. Transsexualismus ist als Geschlechtsidentitätsstörung den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen zugeordnet. "Bisher müssen sich Transsexuelle therapieren lassen, bevor sie eine Behandlung mit Hormonen starten können", erklärt Kohl. Vor einer geschlechtsangleichenden Operation seien zudem Alltagstests, zwei Gutachten und eine Gerichtsentscheidung notwendig. "Das entspricht nicht mehr dem Forschungsstand. Transsexualität ist keine Krankheit und nicht behandelbar", sagt Kohl.

Die Teilnehmer fordern deshalb den Wegfall von Diagnose und Psychotherapie-Zwang. Stattdessen müsse die Selbstbestimmung des Menschen entscheidend sein: Wer sich als Frau definiert, aber männliche Körpermerkmale hat oder umgekehrt, müsse entsprechend medizinisch versorgt werden. Neben der hormonellen und operativen Behandlung umfasst das bei Frauen etwa Brustaufbau, Bartepilation, eine logopädische Therapie und chirurgische Eingriffe, um die Gesichtszüge weiblicher zu gestalten.

Die Grundsatzerklärung der Tagung lassen die Initiatoren der Bundesärztekammer zukommen. Außerdem wollen sie Einfluss auf die Leitlinien zur Behandlung transsexueller Menschen nehmen, die derzeit überarbeitet werden. Der Stuttgarter Workshop macht sich auch für eine Reform des Transsexuellen-Gesetzes stark. Als Vorbild gilt Argentinien: Dort können Menschen ihren Personenstand ändern, indem sie gegenüber dem Standesamt erklären, welchem Geschlecht sie angehören - ganz ohne Therapie, Gutachten oder Operation.