Stuttgart Scientology auf dem Vormarsch

An der Heilbronner Straße 67 bis 69 soll sich Scientology laut dem Verfassungsschutz eingekauft haben.
An der Heilbronner Straße 67 bis 69 soll sich Scientology laut dem Verfassungsschutz eingekauft haben. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / OLIVER SCHMALE 18.06.2015
Für mehrere Millionen Euro soll sich Scientology eine zentral gelegene Immobilie gesichert haben. Und auch sonst ist die Organisation in Stuttgart rege. Die Stadt kann dagegen kaum vorgehen.

Die umstrittene Scientology-Organisation ist in Stuttgart überaus aktiv. Ihre Stände auf der Königstraße fallen den Passanten sofort auf. Seit 2013 haben die Anhänger der Gruppierung ihre Straßenwerbung ausgebaut. Im vergangenen Jahr ließ sie sich 128 Stände in der Landeshauptstadt genehmigen, wie die Stadtverwaltung auf Anfrage mitteilt. Bewerten will man die Gruppierung im Rathaus nicht: "Scientology ist ein eingetragener Verein, diesen haben wir weder inhaltlich, politisch noch weltanschaulich zu bewerten."

Der Südwesten hat nach den jüngsten Erkenntnissen des Landesamtes für Verfassungsschutz bundesweit das dichteste Netzwerk von Scientology-Stützpunkten. Laut dem vor Kurzem veröffentlichten Bericht der in Bad Cannstatt ansässigen Verfassungsschützer suchen die Scientologen im Raum Stuttgart neue Mitglieder und werben dort um hohe Geldbeträge. Für das vergangene Jahr wird die Summe auf eine Million Euro geschätzt.

Hinzu kommt: Die selbst ernannte Kirche will in der Landeshauptstadt nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes eine neue Repräsentanz eröffnen - es soll wahrscheinlich das größte Zentrum in Deutschland werden. Die Bauarbeiten an einer Immobilie mit 5000 bis 6000 Quadratmetern Nutzfläche am Rande des Europa-Viertels seien Anfang 2015 unterbrochen worden. Es gebe aber keine Hinweise, dass die Pläne, in Stuttgart die dritte "Ideale Org" nach Berlin und Hamburg zu erreichen, aufgegeben worden seien, heißt es. Unter "Idealen Orgs" verstehe Scientology neue strategische Repräsentanzen in politisch oder wirtschaftlich bedeutenden Städten. Hierfür investiert der Verein weltweit hohe Geldbeträge in Immobilien. Die neue Deutschland-Zentrale soll nach Erkenntnissen der Verfassungsschützer in der Heilbronner Straße entstehen. Für den Kauf eines dortigen Gebäudes sollen mehrere Millionen Euro geflossen sein.

Experten wie auch das Bundesfamilienministerium werfen Scientology vor, Anhänger psychisch und finanziell abhängig zu machen. Der Verfassungsschutz hält das Programm der Scientologen mit der Werteordnung des Grundgesetzes für unvereinbar. Es gebe "Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen", etwa die Missachtung der Menschenwürde und der Meinungsfreiheit.

Dass sich die Glaubensgemeinschaft in Stuttgart eingekauft hat, gilt als rechtlich nicht verdächtig. Ein Rathaus-Sprecher sagt: "Immobiliengeschäfte außerhalb des Einwirkungsbereiches der Stadtverwaltung sind nicht zu verhindern. Ob dies der Stadtverwaltung und ihren Verantwortlichen gefällt oder auch nicht, darf keine Rolle spielen. Wenn dann auch noch, so wie es in diesem Fall geschehen sein soll, gar nicht erkennbar ist, dass hinter dem Käufer Scientology stehen soll, dann ist man chancenlos." Aktives Werben kann die Stadt ebenfalls nicht verhindern. Denn auch dafür gebe es keine Rechtsgrundlage, sagt der Sprecher.

Im Südwesten ist die Organisation seit 1997 im Visier des Verfassungsschutzes. Die Zahl der Mitglieder im Land stieg 2014 erstmals seit Jahren leicht auf etwa 950 an. Wobei der Zuwachs den Plänen in Stuttgart und der Einführung junger Menschen durch ihre Eltern in die Organisation geschuldet sein dürfte. Deutschlandweit hat die Gruppierung 3000 bis 4000 Mitglieder. Die Organisation, die nicht verboten ist, folgt streng den Lehren des Science-Fiction-Autors L. Ron Hubbard (1911-1986), der die Vereinigung 1954 in den USA gründete. Einer der weltweit bekanntesten Scientologen ist Hollywood-Star Tom Cruise.

Maßnahmen gegen Infiltration

Seminare Damit die Stuttgarter Verwaltung frei von Scientology bleibt, hat die Stadt einige Maßnahmen ergriffen: Nach Angaben eines Sprechers müssen sich Trainer, Referenten und Unternehmen, die verwaltungsinterne Seminare abhalten oder beraten, an folgenden Passus halten: "Der Auftragnehmer versichert, dass er und von ihm beauftragte Referenten nicht nach den Techniken von L. Ron Hubbard arbeiten. Dem Auftragnehmer ist bekannt, dass die Landeshauptstadt Stuttgart Scientology und scientologische Techniken strikt ablehnt." Bei einem Verstoß sei die Stadt berechtigt, den Vertrag ohne Einhaltung einer Frist zu kündigen.

Nebentätigkeiten Alle städtischen Mitarbeiter unterschreiben bei Jobstart zudem eine Erklärung, dass sie darauf hingewiesen wurden, "dass bestimmte Nebentätigkeiten der Genehmigung bedürfen". Dazu gehört auch die hauptamtlich (aktiv tätige) außerordentliche Mitgliedschaft in einer Scientology-Organisation. Eine Nebentätigkeit dort werde grundsätzlich nicht gestattet, heißt es weiter.

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