Ruhe erleben, und das mitten im Trubel der Stadt. Dieses Angebot machen Ordensschwestern im Haus der katholischen Kirche an der Königstraße neben dem Dom St. Eberhard. Mancher ist überrascht, so etwas im Zentrum Stuttgarts zu finden. Dahinter stehen drei Vinzentinerinnen, die hier leben und arbeiten. Er ist neben dem Stuttgarter Marienhospital der einzig verbliebene Standort der "Gemeinschaft der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul". Deren Geschichte in Stuttgart begann vor 150 Jahren.

1866 wurden die ersten beiden Schwestern vom Mutterhaus in Untermarchtal (Alb-Donau-Kreis) nach Stuttgart entsandt, um Kranken zu helfen, was später zur Gründung des Marienhospitals führte. Seither hat sich einiges geändert. Schwester Nicola Maria Schmitt, die dem Konvent vorsteht, verortet ihre Tätigkeit heute im spirituellen Bereich. "Pflege und Erziehung sind gut durch andere in der Gesellschaft verankert, dafür braucht es keine Schwestern mehr", sagt sie.

Die Schwestern laden indes jede Woche zu zwei Veranstaltungen ein: Dienstags steht "Sitzen in der Stille" auf dem Programm. Regelmäßig nehmen rund ein Dutzend Personen teil, quer durch alle Altersklassen. Die Besucher beschreibt Schwester Nicola Maria als kirchlich eher ungebunden, oft vom Buddhismus inspiriert. Dass sie mit Gebet und Meditation wieder zur Kirche finden, freut die Schwester. Donnerstags wird gemeinsam in der Bibel gelesen.

Schwester Nicola Maria arbeitet im Haus der katholischen Kirche im Informationszentrum. Mit ihrer schwarz-weißen Ordenstracht fällt sie auf. Gleichzeitig strahlt sie Vertrauen aus. Sie hat den Eindruck, dass deshalb mancher Besucher spontan auf sie zukommt, ohne dass er das geplant hätte. "Ich werde mit vielen Themen konfrontiert, die die Menschen beschäftigen", erzählt sie.

Oft geht es um allgemeine Informationen rund um die Kirche. Oder es kommen Glaubensfragen, schwere Erkrankungen oder der Tod von Angehörigen zur Sprache. Manchmal ist die Schwester Prellbock für Menschen, die wütend auf die Kirche sind - etwa wegen der Missbrauchsfälle.

Und vielfach hat sie auch mit der Flüchtlingskrise Kontakt. Asylbewerber suchen bei ihr Rat, Menschen erkundigen sich nach Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements. Andere fühlen sich durch den Zuzug der vielen Fremden aber auch bedroht, weiß die Geistliche. Ihnen versucht sie, ihre Ängste zu nehmen, was manchmal an deren Bereitschaft scheitere. So oder so: Nicola Maria Schmitt fühlt sich trotzdem genau am richtigen Platz. Sie will Menschen im hektischen Alltag ein offenes Ohr und Zeit bieten.

Mit 20 Jahren war die 54-Jährige in den Konvent in Untermarchtal eingetreten. Mit ihrem Gelübde verpflichtete sie sich zu einem Leben in Demut, Armut und Ehelosigkeit sowie dem Dienst am Menschen. Mehr als 20 Jahre arbeitete die Schwester im Marienhospital - zuletzt als Pflegedienstleiterin. Seit der Eröffnung des Hauses der katholischen Kirche 2009 ist sie dort tätig.

Etwa 50 Schwestern wie Nicola Maria Schmitt leben heute noch in Stuttgart - mit 45 die meisten im Marienhospital. . In den 80er Jahren waren es mit 150 Vinzentinerinnen noch weitaus mehr, die in der Klinik und in Gemeinden tätig waren. Das war, bevor der allgemeine Trend weg von einer lebenslangen Verpflichtung der Kirche gegenüber einsetzte.

Während Nicola Maria Schmitt noch hauptamtlich arbeitet, engangieren sich ihre Mitschwestern - das Gros ist in Rente - heute ehrenamtlich, zum Beispiel bei Sitzwachen oder in der Patientenbegleitung in der Klinik. Doch auch anderswo sind die Frauen engagiert. Schwester Mechta Teufel (75) packt zum Beispiel in der Bahnhofsmission, im Obdachlosentreff der Caritas sowie im Prostituiertentreff La Strada mit an. Ihre Mitschwester Brigitte Kolb (63) war 20 Jahre lang für den Orden als Lehrerin in Afrika tätig und richtet jetzt zweimal wöchentlich in der Rosensteinschule im Norden ein Frühstücksbuffet aus.

Vinzenz von Paul begründete Orden im 17. Jahrhundert

Ursprünge Die "Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul" (1625) geht auf den französischen Priester Vinzenz von Paul zurück. Er lebte von 1581 bis 1660 in Frankreich. Seine Zeit war größtenteils vom 30-jährigen Krieg, Hungersnöten und Seuchen geprägt. Die Not der Bevölkerung veranlasste Vinzenz, tatkräftige caritative Organisationen zur Krankenpflege zu gründen - unter anderem die "Gemeinschaft der Barmherzigen Schwestern", die häufig auch als "Vinzentinerinnen" bezeichnet werden. Die Genossenschaft ist Träger und Gesellschafter des Marienhospitals im Stuttgarter Süden.