Stuttgart Schwaben sollen sich auf ihre eigene Identität besinnen

Paare präsentieren ihre schwäbische Tracht beim Cannstatter Volksfestumzug. Die Kleidung der Damen ist hochgeschlossen und nicht so offenherzig wie das populäre bayerische Dirndl.
Paare präsentieren ihre schwäbische Tracht beim Cannstatter Volksfestumzug. Die Kleidung der Damen ist hochgeschlossen und nicht so offenherzig wie das populäre bayerische Dirndl. © Foto: Foto: 
Stuttgart / RAIMUND WEIBLE 07.10.2016

Der Trend setzt sich fort: Immer mehr Besucher, vor allem die jüngeren, gehen in Dirndl und Lederhose aufs Cannstatter Volksfest. Eine Mode, die von vielen begrüßt wird, weil sie Farbe auf den Wasen bringt. Manfred Stingel hält nichts davon. Der Mann sitzt dem Kulturrat des Schwäbischen Albvereins vor und versteht was von schwäbischer Volkskultur. Ihm sind die Dirndl zuwider, denn dieses Gewand ist bayerisch-österreichischen Ursprungs, wenn auch ohne den früher üblichen regionalen Bezug.

„Wir haben kein Bewusstsein mehr für unsere Identität“, grantelt der Schwabe aus Dürrwangen im Zollernalbkreis, „das kommt auch beim Volksfest zum Ausdruck.“ Ein Bayer würde nie eine schwäbische Tracht tragen, meint Stingel, doch die Schwaben äfften bedenkenlos die Oktoberfest-Mode nach.  Dabei hätten die Schwaben doch so wunderbare Trachten. Sie wären gut beraten, sagt Stingel, auf ihrem Volksfest, das zu den ältesten gehört, ein eigenes Profil zu entwickeln.

Stingel selbst trägt mit Überzeugung bei Albvereins-Feiern und anderen festlichen Anlässen seine original Dürrwanger Tracht,  bestehend aus einer gelben, fein bestickten Lederhose, einer roten Weste mit Kugelknöpfen und einer blauen Jacke mit 20 Knöpfen, die nie geschlossen werden, dazu Dreispitz und Stiefel. Diese Tracht ist nicht von der Stange, kostet knapp 3000 Euro. Doch Stingel sagt: „Es spricht nichts dagegen, dass man da was investiert.“

Dem Mann, der auch schwäbische Volkstänze lehrt und was auf seine schwäbische Mundart hält, wäre es recht, wenn sich viele Wasen-Besucher auf ihre Identität besännen und die Tracht ihrer Heimat trügen. Ähnlich denkt auch Robert Kauderer, Vorsitzender des Cannstatter Volksfestvereins. Im Gegensatz zu Stingel findet er es zwar „erfreulich, dass so viele Leute in Dirndl und Tracht“ auf den Wasen gehen, aber mehr schwäbisch-württembergische Trachten dürften seiner Meinung nach schon vertreten sein.

Der Vorstand des Volksfestvereins arbeitet darauf hin. Er hat sein Mitglied Wulf Wager damit beauftragt, eine neue, sich auf die Historie beziehende Cannstatter Tracht zu entwerfen. Sie soll dann 2018, wenn der Verein das 200-jährige Bestehen des Volksfests feiert, getragen werden – anstelle der bisherigen Tracht, die Kauderer als „furchtbar“ bezeichnet.

Auch Kauderer nennt eine historische Tracht sein eigen. Sie ist nach alten Beschreibungen und Zeichnungen der Tracht von Hepsisau geschneidert worden, wo seine Vorfahren lebten.

Fürstlich verordnete Kleiderordnung

Der Ursprung der württembergischen Tracht geht zurück auf die Barockzeit des 18. Jahrhunderts. Herzog Eberhard Ludwig erließ 1712 für Württemberg eine Kleiderordnung, die seine Untertanen in neun Klassen einteilte. Er legte auch fest, was die Bauern als neunte und unterste Klasse tragen durften. Nach der Revolution 1848 wurde die Kleiderordnung nicht mehr befolgt. So wurde die Kleidung vielfältiger und bunter. eb

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