Stuttgart / Caroline Holowiecki  Uhr
In der Sachsenheimer Firma ISAK arbeiten behinderte Menschen mit einem Roboter zusammen. Das Pilotprojekt ist bundesweit einzigartig.

Den Neuen bei der Firma ISAK nennen alle nur Schorsch. Schorsch ist so groß wie ein durchschnittlicher Mann, er schafft so schnell wie seine Kollegen – aber ihm geht nie die Puste aus. Schorsch ist ein Roboter. Was ihn so besonders macht, ist, dass er in der Produktionshalle der ISAK gGmbH steht. Das Unternehmen in Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg) beschäftigt Menschen mit Behinderungen, und Schorsch, der eigentlich mobiler Produktionsassistent „APAS assistant“ heißt, ist der bundesweit erste Roboter, der in Zusammenarbeit mit Behinderten eingesetzt wird, berichtet der ISAK-Geschäftsführer Thomas Wenzler.

Wettbewerbsfähig bleiben

Anfang Mai fiel in seinem Werk der Startschuss für „Aquias“, kurz für „Arbeitsqualität durch individuell angepasste Arbeitsteilung zwischen Servicerobotern und schwer-/nicht behinderten Produktionsmitarbeitern“. Involviert sind ins Pilotprojekt die Firma Bosch, die den Roboter entwickelt hat, sowie das Fraunhofer-Institut, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Am MRK-Arbeitsplatz (Mensch-Roboter-Kollaboration) soll herausgefunden werden, wie die elektronischen Kollegen und die aus Fleisch und Blut sich optimal ergänzen können. Ansatzpunkte gibt es bei ISAK viele. In der Industriemontage kann ein Roboter da helfen, wo dem Menschen die Kraft versagt, „er kann individuelle Leistungseinschränkungen zum Teil oder ganz kompensieren“, erklärt Wenzler. Momentan hilft die Maschine beim Zusammenbauen von Duschköpfen. Der Mitarbeiter lege Teile aufeinander, der Roboter holt sie eigenständig her, drückt alles zusammen, übergibt wieder an den Mitarbeiter, und der übernimmt die Qualitätsprüfung.

Für den ISAK-Chef ist das unbedingt der Schritt in die richtige Richtung. Auch sein Unternehmen müsse wettbewerbsfähig bleiben. „Allein, weil wir Menschen mit Behinderungen beschäftigen, zahlen die Kunden nicht mehr“, betont Wenzler. In einer Branche, in der zunehmend Produktionen ins Ausland verlagert werden, Preisdruck herrsche und die Digitalisierung sowie Automatisierung um sich griffen, müsse auch seine Firma sich öffnen und neue Wege einschlagen, um keine Arbeitsplätze zu verlieren. Zum Vergleich: Als der Diakon 2010 Geschäftsführer wurde, schafften noch 107 Menschen bei ISAK, im Jahr drauf waren es 115. Aktuell sind es nur noch 95.

Dennoch spielt für Wenzler die Wirtschaftlichkeit nur eine untergeordnete Rolle, wie er sagt. „Mir geht es vor allem um Ergonomie und Flexibilität“, sagt er. Was sonst ein Mensch unzählige Male per Muskelkraft mit der Handhebelpresse erledigen muss, macht der Roboter ohne Ermüdungserscheinungen. Sprich: Auch jene, die stark eingeschränkt sind, können mithilfe der Erfindung noch am Produktionsprozess teilhaben. Durch Sensoren im gepolsterten Greifarm stoppt das Gerät zuverlässig, wenn ihm etwas oder jemand zu nah kommt – und das ohne Berührung. Zudem sind die beiden höhenverstellbaren Arbeitstische mit Notknöpfen ausgestattet.

Erprobung bis 2019

Noch bis 2019 läuft die Erprobungsphase. Aber Thomas Wenzler schweben jetzt schon mannigfaltige Einsatzmöglichkeiten vor. Die rollbaren Roboter könnten in seiner Produktionshalle schrauben oder mit Kameras etwas überprüfen, sagt er. Oberstes Gebot: Der Roboter soll die Arbeit nicht wegnehmen, sondern überhaupt erst ermöglichen. Vier Mitarbeiter arbeiten aktuell mit dem „APAS assistant“, der nahezu lautlos seinen Dienst verrichtet. „Die Hemmungen sind sehr schnell abgebaut worden, die meisten hatten gar keine Berührungsängste“, erklärt der Betriebsleiter Andreas Paul Müller. Im Gegenteil: Wer mit dem Elektro-Kollegen schaffen dürfe, fühle sich geehrt. Und Stress gibt’s mit Schorsch auch keinen.  Müller erklärt: „Nicht die Maschine gibt das Tempo vor, sondern der Mensch.“

95 Angestellte in Voll- und Teilzeit

Quote In Baden-Württemberg gibt es etwa 80 Inklusionsfirmen. Seit 1991 hat sich die ISAK in Sachsenheim, ein Tochterunternehmen der Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg, als gemeinnütziges Unternehmen der diakonischen Aufgabe verpflichtet, Arbeitsplätze für langzeitarbeitslose schwerbehinderte Menschen zu schaffen. Aktuell arbeiten im Gewerbegebiet Holderbüschle 95 Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit. Die meisten von ihnen haben körperliche Behinderungen: sinnes-, orthopädische oder organische Erkrankungen, einige Anfallsleiden wie Epilepsie. Wenige Angestellte haben leichte geistige Behinderungen. Die Schwerbehindertenquote liegt bei 61 Prozent.

Geschäftsfelder Die Mitarbeiter sind bei ISAK in drei Arbeitsfeldern beschäftigt: in der Industriemontage, in der Gastronomie im eigenen Lokal „Holderbüschle“ samt großem Biergarten und seit 2015 obendrein in der Elektroprüfung. car