Porträt Schon als Bub mit Knete modelliert

Das neuste Werk des Künstlers aus Leinfelden-Echterdingen ist eine Madonna aus Bronze.
Das neuste Werk des Künstlers aus Leinfelden-Echterdingen ist eine Madonna aus Bronze. © Foto: Caroline Holowiecki
Stuttgart / Caroline Holowiecki 02.10.2018

Restaurator, Domsteinmetz, Bildhauer, Barockstuckateur, Jazzmusiker, Lehrer. Gerhard Tagwerker ist ein Multitalent. Seine Kunstfertigkeit hat er an diversen Schlössern unter Beweis gestellt, am Bamberger Dom, am Rathaus von Gütersloh. In den 50ern hat er als Gotik-Experte beim Wiederaufbau der Stuttgarter Stiftskirche geholfen. Gerade in der Landeshauptstadt hat der gebürtige Österreicher Fußabdrücke hinterlassen. Die Ackermann-Gruppe in Zuffenhausen hat er ebenso geschaffen wie die Bischof-Moser-Gruppe im Bohnenviertel. In Stuttgart hat er auf Empfehlung des berühmten Otto Herbert Hajek auch an der Kunstakademie studiert.

Wer sich mit sakraler Kunst beschäftigt, kommt um den 86-Jährigen nicht herum. Mehr als 100 Kirchen allein im Südwesten hat der Künstler aus Leinfelden-Echterdingen ausgestattet. „Ich glaube, die wahre Kunst am Bau findet in der Kirche statt“, sagt er. Zum Dank für sein Tun wurde er 1980 von Papst Johannes Paul II empfangen. Tagwerkers neuestes Werk wurde gerade eingeweiht. Für die Liebfrauenkirche in Filderstadt hat er eine Bronze-Madonna gefertigt. Ambo, Altar, Tabernakel und Taufstein stammen bereits aus seiner Werkstatt um Bauernhaus in Leinfelden-Echterdingen.

Woher das Talent? Schulterzucken. „Ich stamme aus einer spießbürgerlichen Beamtenfamilie“, sagt er, aber schon als Bub habe er gern mit Knete modelliert. Auch christlich hat ihn die Kindheit in Böhmen geprägt. „Meine Großmutter ist morgens um 6 Uhr in die Kirche gegangen.“ Nach Kriegsende entging er während der Vertreibung der Deutschen knapp der Erschießung, weil ihm der österreichische Pass aus der Tasche rutschte. Bis heute bekommt er glasige Augen, wenn er erzählt, wie er als 13-Jähriger zwischen Leichen erwachte. Ein Journalist habe Jahrzehnte später geschrieben, dass er mit Hammer und Meißel bete, „das trifft es ganz gut“.

Hinter dem Tor der Scheune befindet sich ein Museum. „Wer klopft oder läutet, darf hinein“, sagt er fröhlich. Neben dem Modell der Edith-Stein-Großplastik aus der Freiburger Klosteranlage St. Peter, Wandmalereien gibt es Keramiken. Inspiration findet er im Alltag. „Mensch 2000“ ist so entstanden; unglückliche Roboter, die hilfesuchend die Arme ausstrecken. Und etwas Neues hat sein Interesse geweckt: Menschen, die nur noch aufs Handy starren.

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