Stuttgart / UWE ROTH  Uhr
Der Tag des offenen Denkmals ist eine Gelegenheit, hinter ansonsten verschlossenen Türen zu blicken. In Stuttgart ergaben sich dabei seltene Einblicke.

Erfolgreiche Unternehmer pflegten im ausgehenden 19. Jahrhundert ein herausragendes Hobby: Sie ließen sich Türme bauen. Auch Gottlieb Daimler hat sich 1894 ein solches markantes Bauwerk zugelegt. Es steht auf dem Grundstück seiner ehemaligen Villa, das heute zum Cannstatter Kurpark gehört. 15 Meter ist der Turm hoch mit Aussichtsplattform als Dach. Zuletzt war er vor sechs Jahren zugänglich. Und erst gestern wieder am Tag des offenen Denkmals.

„Führungen nach Bedarf“ hatte der Verein Pro Alt-Cannstatt angekündigt. Doch bereits um elf Uhr am Sonntag haben sich vor der schmalen Eingangstüre Schlangen gebildet. Familien mit Kindern aus der Nachbarschaft und vor allem ältere Stuttgarter, die in der Stadt bereits viele Türme bestiegen haben, nicht aber den von Daimler. „Eigentlich könnten sie den Turm doch geöffnet lassen wie andere auch“, sagt so ein älterer Stuttgarter, der mit anderen Denkmalbesuchern in der heißen Mittagssonne auf den Einlass wartet.

„Den Turm immer geöffnet lassen, das geht leider nicht“, klärt Olaf Schulze, der Vereinsvorsitzende. Denn auf der vierten Ebene sind Reste schützenswerter Wandmalereien zu sehen, die nach Entwürfen von Gottlieb Daimler angefertigt wurden. Die Gemälde sind kunsthistorisch sicher nicht wertvoll. Aber sie geben wieder, was Daimler wenige Jahre vor seinem Tod im Jahr 1900 bewegte. Die Motive sind eine Art Facebook-Seite für Freunde und Geschäftspartner, die er zu sich in den Turm eingeladen hat: eine Huldigung an seine Geburtsstadt Schorndorf, Symbole, die den damaligen Fortschrittsglauben verbildlichen, und einige Produkte seiner Ingenieurskunst – Motorenwagen, aber auch Motorboote.

Mehr als 30 Denkmäler sind in Stuttgart zu besichtigen. Die sind in einem Rundgang nicht zu schaffen. Oberstes Kriterium bei der Auswahl ist, wo blickt man hinter die Fassaden, durch die man ansonsten nicht durchkommt. Ein solcher verschlossener Ort ist der Maschinenraum der Standseilbahn in der Bergstation am Waldfriedhof. Die Talstation liegt 536 Meter entfernt und 85 Höhenmeter tiefer im Stadtteil Heslach. Der Technische Betriebsleiter Rüdiger Walz von der Stuttgarter Straßenbahn AG (SSB) führt Besucher in den kühlen Keller und in einen Raum, der nur noch Museum ist.

Der Motor aus dem Jahr 1929 und die dazugehörige Technik von der Maschinenfabrik Esslingen sind seit 2004 stillgelegt. „Aus Denkmalschutzgründen muss aber die Anlage erhalten bleiben und so gepflegt werden, als sei sie noch in Betrieb“, erläutert Walz. Der neue Maschinenraum liegt hinter dem Museumsteil. Die Anlage ist viel kompakter, und die Sicherheitsstandards sind ungleich höher, wie der SSB-Mitarbeiter erläutert. „Der einzige Unfall, von dem ich je gehört habe, war ein verstauchter Knöchel, den sich eine ältere Dame beim Aussteigen zugezogen hat.“ Die historischen Wagen, außen aus Teakholz und innen aus Mahagoniholz, könnten nach entsprechenden Umbauten sogar fahrerlos betrieben werden. „ Aber das will die SSB den überwiegend älteren Fahrgästen nicht zumuten“, sagt Walz.

An der Bergstation kommen an diesem Sonntag Fahrgäste an, die nicht auf den Waldfriedhof möchten, sondern zum historischen Garnisonsschützenhaus. Es liegt in der Nachbarschaft am Eingang zum Dornhaldenfriedhof. Das denkmalgeschützte Gebäudeensemble aus dem Ende des 19. Jahrhunderts liegt seit 2009 im Dornröschenschlaf. Aus der Ferne ist das Gebäude nett anzusehen mit seinen roten Backsteinen, Fachwerk, pittoresken Giebeln und kleinem Glockenturm. Doch je näher man kommt, umso mehr fällt auf, wie kräftig der Zahn der Zeit an diesem Denkmal bereits genagt hat. Das Innere kann besichtigt werden – auf eigene Gefahr. Vom 19. Jahrhundert ist nichts mehr übrig geblieben. Friedhofsgärtner haben dort mit ihren Familien gelebt. „Man kommt sich vor wie bei einer Wohnungsbesichtigung“, sagt ein Denkmalbesucher. Doch einziehen würde wegen des trostlosen Zustands der Räume niemand, auch wenn das Gelände noch so idyllisch in einem Landschaftsschutzgebiet liegt.

Eine Initiative will wieder Leben in die Gebäude bringen, die der Stadt Stuttgart gehören. Christian Dorsch erläutert das Nutzungskonzept, das bei der Stadt aber noch nicht auf die erhoffte Resonanz gestoßen ist, wie er sagt: „Die Pläne werden passiv akzeptiert. Doch aktive Begleitung sieht anders aus.“ Die Stadt will verkaufen. Doch einen Käufer hat sie nicht gefunden. Für geschätzte 1,2 Millionen Euro will die Initiative den historischen Ort zu einer Begegnungsstätte machen mit Seminarräumen, Café, Ateliers und Wohnungen. Bis Jahresende will die Initiative Klarheit haben, wie es mit dem alten Schützenhaus weitergehen könnte.

Viel Interesse an Eiermanns IBM-Gebäude

Architektur Ein Gebäude muss nicht alt sein, um zum Denkmal zu werden. Stuttgart hat einige Beispiele. Eines davon ist das ehemalige IBM-Gebäude in Vaihingen. Es wurde Mitte der 1960er Jahre vom Stararchitekten Egon Eiermann entworfen. Das Interesse an der Besichtigung war groß.

Tagung Zum Thema „Die Revision der Sanierung? Denkmalpflege in zweiter Generation an Objekten des Neuen Bauens“ findet vom 26. bis 28. Oktober eine Tagung im Hospitalhof der Evangelischen Kirche in Stuttgart statt. uro