Prozess Rotlichtkönig auf der Anklagebank

Bordellbetreiber Jürgen Rudloff beim Prozessauftakt am Landgericht. Er präsentierte sich in TV-Shows als Saubermann der Szene.
Bordellbetreiber Jürgen Rudloff beim Prozessauftakt am Landgericht. Er präsentierte sich in TV-Shows als Saubermann der Szene. © Foto: Marijan Murat
Stuttgart / Caroline Holowiecki 23.03.2018
Bordellchef Jürgen Rudloff und drei Mitarbeiter stehen vor Gericht. Es geht unter anderem um Beihilfe zum Menschenhandel.

Es sind erschütternde Geschichten von geschundenen jungen Frauen. Denen die große Liebe vorgegaukelt wurde, damit sie anschaffen gehen. Denen teils der gesamte Dirnenlohn abgeknöpft wurde, sodass ihnen nur die völlige Abhängigkeit blieb. Die verprügelt wurden, mit Fäusten oder Gegenständen. Denen gedroht wurde, ihr Gesicht mit einem Teppichmesser zu zerschlitzen oder der Mutter etwas anzutun, sobald sie drohten auszusteigen. Die sich den Namen der Zuhälter tätowieren lassen mussten, damit jeder wusste, zu wem sie gehören.

Derartige Szenen sollen sich auch im Dunstkreis des Großbordells Paradise nahe dem Stuttgarter Flughafen abgespielt haben. Der Gründer der Freudenhaus-Kette mit weiteren Niederlassungen in Frankfurt, Saarbrücken und Graz muss sich seit Freitag vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten. Jürgen Rudloff, 64 Jahre alt, als schillernde Persönlichkeit sowohl in der Stuttgarter Society als auch als TV-Gast bekannt – vor allem dann, wenn ein Gesprächspartner zum Thema saubere Prostitution gefragt war.

Von Praktiken gewusst

Nicht Rudloff wird vorgeworfen, selbst Callgirls angegangen zu haben. Die Strippen sollen Mitglieder der Rockergruppen Hells Angels und United Tribuns gezogen haben, teilweise die ganz hohen Tiere. Aber Rudloff soll von ausbeuterischen Praktiken in seinen Läden gewusst, sie aus Profitgründen gebilligt und Geschäftsbeziehungen mit den Rocker-Zuhältern gepflegt haben. Und nicht nur er. Der Bordellkönig selbst, sein 51-jähriger Presse- und Marketingchef sowie ein früherer Bordell-Geschäftsführer, 52 Jahre alt. Dem Trio wird unter anderem Beihilfe zum schweren Menschenhandel sowie Beihilfe zur Zuhälterei vorgeworfen. In einigen Fällen seien die Frauen unter 21 gewesen. Eine frühere Prostituierte tritt als Nebenklägerin auf. Viele der Zuhälter aus dem Rockermilieu sind bereits rechtskräftig verurteilt.

Außerdem wird Rudloff, seinem Marketingchef und einem 70-jährigen Juristen und Buchhalter aus Frankfurt Betrug beziehungsweise Beihilfe zum Betrug in einer Art Schneeballsystem zur Last gelegt. In mehreren Fällen sollen Investoren oder Darlehensgeber um hohe Summen geprellt worden sein – „bewusst wahrheitswidrig“, so der Staatsanwalt. Das ergaunerte Geld soll zu großen Teilen zur Tilgung eigener Schulden beziehungsweise private Zwecke draufgegangen sein. Mehr als drei Millionen Euro stehen im Raum.

Großrazzia 2014

Bereits Ende 2014 hatte eine Großrazzia im Paradise sowie in anderen Etablissements, Geschäfts- und Privaträumen stattgefunden im In- und Ausland, jahrelang war ermittelt worden. Ende 2014 waren sowohl der Marketingchef als auch der Geschäftsführer kurzzeitig in U-Haft gekommen. Der Paradise-Chef selbst soll sich laut Staatsanwaltschaft zunächst ins Ausland abgesetzt haben, Ende September 2017 war er in Stuttgart festgenommen worden. Er sitzt bis heute in U-Haft.

Die Sache könnte sich zum Mammutprozess auswachsen. Bis Ende März 2019 sind Verhandlungstermine angesetzt. Der Richter legte den Angeklagten daher beim Auftakt ans Herz, möglichst frühzeitig Geständnisse abzulegen und so zur Straffung des Verfahrens beizutragen. Dies könne sich „erheblich strafmildernd“ auswirken. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft sind mehrjährige Haftstrafen denkbar, sollten sich sämtliche Vorwürfe erhärten. Jürgen Rudloff droht demnach eine Strafe im „hohen einstelligen Bereich“, bei den Mitangeklagten sei wohl die Hälfte oder weniger angemessen. Der frühere Geschäftsführer könnte im günstigsten Fall sogar mit Bewährung davonkommen.

Noch ist unklar, ob und wie weit sich die Männer zur Sache äußern werden. Am ersten Prozesstag ließen die Anwälte des Rotlicht-Trios durchblicken, dass ihre Mandanten sich möglicherweise im späteren Verlauf des Prozesses äußern werden. Der nächste Verhandlungstermin ist der 6. April.

Bis zu zehn Jahre Haft für Menschenhandel

Freiheitsstrafen Schwerer Menschenhandel kann laut Paragraf 232 des Strafgesetzbuches mit Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft werden. Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung liegt demnach vor, wenn Personen eine Zwangslage oder die Hilflosigkeit von anderen Menschen ausnutzen, um diese in die Prostitution zu bringen.

Hilflos Als hilflos gelten Menschen, wenn sie etwa durch den Aufenthalt in einem anderen Land so stark eingeschränkt sind, dass sie sich der Arbeit in der Prostitution nicht widersetzen können – etwa weil Papiere fehlen, sie kein Deutsch sprechen, mittellos und damit auf den Täter angewiesen sind. Zwei Drittel aller Opfer in Deutschland stammen aus Ost- und Südosteuropa, vor allem aus Bulgarien und Rumänien. Die Frauen haben keine sozialen Kontakte, kennen ihre Rechte nicht, und haben keinen Zugang zu Hilfe. dpa

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